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Kultur

Studentenverbindungen: Vielfalt an den heimischen Universitäten

Redaktion

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Studentenverbindungen im Allgemeinen werden heutzutage oft mit Burschenschaften gleichgesetzt. Letztere stehen zwar – und das nicht erst seit der sogenannten Liederbuchaffäre – regelmäßig im Fokus der medialen Berichterstattung, doch stellen Burschenschaften nur einen Verbindungstyp unter vielen dar.

Neben den Unterschieden in der politischen oder konfessionellen Ausrichtung ist vor allem die Unterscheidung in schlagende und nicht-schlagende Verbindungen relevant. Auch dass es neben Männerbünden immer mehr Damenverbindungen gibt, wissen nur die Wenigsten.

Wurzeln der Studentenverbindungen

Die Wurzeln der Studentenverbindungen – auch Korporationen genannt – reichen zurück bis ins frühe Mittelalter, als die ersten Universitäten in Europa gegründet wurden. Ihr heutiges Erscheinungsbild haben sie jedoch weitestgehend zu Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten. Kennzeichnend für die Korporationen ist, dass sie gerade in der jüngeren Geschichte immer wieder mit Verboten und Auflösungen konfrontiert waren.

Mit den Karlsbader Beschlüssen von 1819 wurden im Gebiet des gesamten Deutschen Bundes die Verbindungen und Turnvereine aufgelöst und die Meinungsfreiheit auf den Universitäten massiv eingeschränkt. Besonders rigoros wurden die Beschlüsse in Österreich umgesetzt, eine Lockerung fand erst ab 1848 statt. Dies ist auch der Grund, warum es ein durchgehendes Korporationswesen erst seit etwa 1850 gibt. Ab dieser Zeit begann sich jedoch ein vielfältiges Farbenstudententum zu entwickeln, das in dieser Form bis heute fortbesteht. Unterbrochen wurde dieser Fortbestand nur in der Zeit des Nationalsozialismus, als die Korporationen aufgelöst aber nach Ende des Zweiten Weltkriegs rasch wiedergegründet wurden.

Im Fokus des öffentlichen Interesses: Burschenschaften

Die Korporationen stellen heute ein eher randständiges Phänomen an den heimischen Universitäten dar. Dass sie dennoch einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind, liegt vor allem an der medialen Berichterstattung über Burschenschaften. Die Tatsache, dass deren Mitglieder regelmäßig hohe Parteiämter in der FPÖ bekleiden und als Mandatsträger oder als Regierungsmitglieder in Erscheinung treten, sorgt immer wieder für Kritik von ihren Gegnern.

Dass eine relativ hohe Zahl an Burschenschaftern ein politisches Engagement an den Tag legt, ist allerdings kein Zufall. Denn Burschenschaften unterscheiden sich von fast allen anderen Studentenverbindungen dadurch, dass sie dezidiert politisch (jedoch nicht parteipolitisch!) ausgerichtet sind. Die politische Ambition bestand in der Gründungszeit der ersten Burschenschaften vor allem in der Überwindung der deutschen Kleinstaaterei und dem Kampf für Meinungsfreiheit und Grundrechte. Wenngleich sich aber die politischen Zielsetzungen im Laufe der Zeit änderten, zählt sich der überwiegende Teil der Burschenschafter auch heute noch zum national-freiheitlichen „Dritten Lager”.

Die Mensur

Ein großer Teil der österreichischen Burschenschaften gehört dem überregionalen Dachverband Deutsche Burschenschaft (DB) an. So wie die meisten Korporationen sind sie farbentragend, da ihre Mitglieder als Zeichen der Zugehörigkeit zu ihrer Verbindung Band und Mütze tragen. Sie zählen zudem zu den sogenannten „schlagenden Verbindungen”, pflegen also auch heute noch das studentische Fechten in Form der sogenannten „Mensur“. Die teilweise auffälligen Narben im Gesichtsbereich, die hierbei in Folge von Fechtverletzungen auftreten können, werden „Schmisse“ genannt. Diese zählen zwar zu den typischen Erkennungsmerkmalen eines „Waffenstudenten“, wenngleich aber bei weitem nicht alle Mitglieder einer schlagenden Verbindung zwangsläufig an einem Schmiss erkennbar sind.

Ebenfalls von Bedeutung: Corps, Landsmannschaften etc.

Neben den Burschenschaften gibt es noch weitere schlagende Verbindungen. Hervorzuheben sind hierbei die Corps und Landsmannschaften. Diese sind jedoch im Gegensatz zu den Burschenschaften unpolitisch. Insbesondere die Corps vertreten ein sogenanntes „Toleranzprinzip“, das ihre konfessionelle und weltanschauliche Ungebundenheit unterstreicht. Corps und Landsmannschaften pflegen ebenfalls das studentische Brauchtum und widmen sich der gesellschaftlichen Erziehung ihrer Mitglieder, erwarten aber von diesen kein politisches Engagement.

Ungeachtet dessen werden auch diese Verbindungen in Österreich in aller Regel zum Kreis der national-freiheitlichen Korporationen gezählt und nicht wenige ihrer Mitglieder bekleiden politische Funktion für die Freiheitliche Partei. Bekannte österreichische Corpsstudenten sind etwa der oberösterreichische LH-Stellvertreter Manfred Haimbuchner oder der langjährige EU-Abgeordnete und „Chefideologe“ der FPÖ Andreas Mölzer. Der ehemalige Vizekanzler und Sozialminister Herbert Haupt ist Angehöriger einer Landsmannschaft. Neben den bereits genannten existieren noch weitere Verbindungen in Österreich wie Sängerschaften, akademische Turnvereine und auch eine Fliegerschaft. Diese sind aber entweder nicht oder nur zum Teil schlagend und haben andere Schwerpunkte in ihrem Verbindungsleben.

Katholische Verbindungen

Ein völlig eigenes Milieu stellen die katholischen Studentenverbindungen dar, die der Dachorganisation Österreichischer Cartellverband (ÖCV) angehören. Sie grenzen sich von den zuvor beschriebenen zumeist schlagenden Verbindungen des national-freiheitlichen Lagers scharf ab. Rein äußerlich sind die Unterschiede zwar nur gering, denn auch die Mitglieder des CV sind farbentragend und pflegen ein ähnliches studentisches Brauchtum. Darüber hinaus gibt es jedoch auch große Unterschiede: Die Verbindungen des CV zählen einerseits die Religion, in Form eines Bekenntnisses zum katholischen Glauben, welches sie von ihren Mitgliedern einfordern, zu ihren Grundsätzen. Zudem bekennen sie sich zur Eigenständigkeit der österreichischen Nation und lehnen den Gedanken einer Zugehörigkeit Österreichs zur deutschen Kulturnation, wie er bei den national-freiheitlichen Korporationen auch heute noch weit verbreitet ist, vehement ab. Ebenfalls entschieden abgelehnt wird die Mensur. Die Verbindungen des CV werden daher zu den nicht-schlagenden Korporationen gezählt.

Aufgrund der eklatanten Unterschiede zum national-freiheitlichen Milieu kam es vor allem in der Gründungszeit der katholischen Verbindungen immer wieder zu Feindseligkeiten und Auseinandersetzungen zwischen den beiden Milieus. Dieser Gegensatz wirkt bis heute fort und führt dazu, dass es zwischen diesen Korporationen keinen Kontakt gibt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass es ein großes Naheverhältnis zwischen den katholischen Verbindungen und der Volkspartei gibt. Zahlreiche Mitglieder des CV bekleiden innerhalb der ÖVP namhafte Positionen. Im Laufe der Geschichte zählten zahlreiche Abgeordnete, Regierungsmitglieder aber auch Landeshauptleute, Bundeskanzler und sogar Bundespräsidenten zu seinen Mitgliedern.

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Zickenschulze

    6. Juni 2019 at 11:57

    Vielfalt‘ haben wir ja bereits.
    Zur Mischpult Uni sage ich aber gleich NEIN!
    Nur darum geht ‚s den strohdummen Studenten.

  2. Avatar

    Dame mit Hut

    25. Juli 2019 at 12:31

    In der Aufzählung fehlen mir eindeutig noch die Damenverbindungen!
    Davon werden immer mehr gegründet!

    • Stefan Juritz

      Stefan Juritz

      25. Juli 2019 at 12:33

      In diesem Beitrag werden sie nur kurz erwähnt. Allerdings wird in den nächsten Wochen ein eigener Beitrag über Damenverbindungen erscheinen.

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Kultur

Snowpiercer: Netflix-Serie zwischen Systemkritik und Krimi

Stefan Juritz

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Im Jahr 2013 landete der südkoreanische Regisseur und Drehbuchautor Bong Joon-ho mit dem dystopischen Sci-Fi-Actionfilm „Snowpiercer” einen vollen Erfolg. Wenige Jahre später greift auch Netflix den Stoff für eine neue Serie auf – die hinterlässt allerdings einen zwiespältigen ersten Eindruck.

Rezension von Stefan Juritz

Der Inhalt der neuen Netflix-Serie „Snowpiercer” klingt wie eine von Klimaschützern ausgedachte Horrorvision: Bei dem Versuch, die Erderwärmung mittels eines chemischen Kältemittels zu stoppen, kam es zur totalen Katastrophe und die Welt verwandelte sich in eine globale Eiswüste, in der kein menschliches Leben mehr möglich ist. Die letzten Überlebenden retteten sich in einen Hochgeschwindigkeitszug, einer Art Arche mit insgesamt 1001 Waggons. Dieser Zug fährt mittlerweile seit Jahren rastlos um die Welt und gehört einem Technikmogul namens Wilford.

Klassengesellschaft und Kapitalismuskritik

Die Passagiere an Bord sind strikt in Klassen unterteilt: Vorne leben die Reichen, die sich zuvor ein Ticket gekauft hatten, und denen es – von den äußeren Umständen abgesehen – an kaum etwas fehlt. Ganz hinten – im sogenannten „Tail” – leben die Armen, die mit Gewalt in den Zug eingedrungen waren, um ihr Leben vor der Kälte zu retten. Sie müssen hier nun zusammengepfercht und unter menschenunwürdigen Bedingungen überleben. Dieses soziale Ungleichgewicht und die diktatorischen Verhältnisse führen immer wieder zu Aufständen, in denen die „Tailies” versuchen, die Kontrolle über den Zug zu übernehmen und ihr Elend zu beenden.

In der Filmversion aus dem Jahr 2013 nimmt dieser Klassenkampf eine zentrale Stellung ein. Es geht um Antikapitalismus, Systemkritik und die Frage nach den Möglichkeiten einer Revolution „von unten”. Regisseur Joon-ho sagte dazu in einem Interview, der Film zeige zwei Arten, wie man dieses System verändern könne. Zum einen die gewaltsame Revolution, um die Herrschaft an sich zu reißen und die Welt zu verbessern, zum anderen der vollkommene Ausstieg aus dem System. „Das wäre eher meine Vision: es eskalieren lassen, aus dem System aussteigen und einen Neuanfang wagen, etwas Neues schaffen”, erklärte er.

Mord in der Arche

In der neuen Netflix-Serie treten diese Fragestellungen jedoch allesamt in den Hintergrund. Stattdessen entwickelt sich die Geschichte in den ersten beiden Folgen um einen Mordfall im vorderen Teil des Zuges, den einer der „Tailies”, der Ex-Polizist Andre Layton (Daveed Diggs), nun aufklären soll. Damit verliert die Handlung gleich zu Beginn an Tiefe und wirkt gerade in Hinblick auf den Film-Vorgänger äußerst unausgegoren und platt. Auch gelingt es der Serie nicht, die niederschmetternde Endzeitstimmung aus dem Film einzufangen. Doch immerhin besitzt die Handlung ihre spannende Momente und kann durchaus unterhalten. Mehr aber auch nicht.

Die TV-Serie „Snowpiercer“ läuft seit dem 25. Mai 2020 auf Netflix. Jede Woche erscheint eine neue Folge.


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Gesellschaft

Ab 4. Juni: Grazer Oper spielt für jeweils 100 Besucher

Monika Šimić

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Das Publikum wird über das Parkett, die Logen und den Balkon verteilt. Bis die Besucher an ihren Plätzen angelangt sind, müssen sie eine Schutzmaske tragen. 

Graz. – Nach fast dreimonatiger Pause wird die Grazer Oper ab 4. Juni wieder spielen und bietet jede Woche ein anderes Programm an. Gespielt wird dabei immer für jeweils 100 Besucher. Den Anfang macht dabei der „Musenkuss”, eine Hommage an jene Künstler und mythologischen Wesen, die sich in der prachtvollen Architektur der Oper Graz, also etwa dem Zuschauerraum und dem Eisernen Vorhang, wiederfinden, wie es auf der Homepage heißt.

An zwölf Abenden wird gespielt

Zu hören sein werden Tetiana Miyus, Wilfried Zelinka und Sieglinde Feldhofer ebenso wie Pavel Petrov und Dariusz Perczak. Zelinka wird einen Schubert-Abend unter dem Titel „Schwanengesang” gestalten. Tetiana Miyus lässt in ihrem Liederabend „Gesänge aus Fernost” ertönen, außerdem wird eine künstlerische Auseinandersetzung  mit der „(Dis)Tanz” gezeigt, die das Ballett der Oper Graz so erlebbar machen will.

Wir sind wieder zurück! Ab dem 4. Juni hebt sich unser Vorhang wieder – wir freuen uns sehr, euch wieder in unserem Haus willkommen zu heißen!

Gepostet von Oper Graz am Mittwoch, 27. Mai 2020

Insgesamt wird an zwölf Abenden gespielt, was etwa einer einzigen ausverkauften Vorstellung im Normalbetrieb entspricht. Die Konzerte werden ohne Pause gespielt und die Besucher müssen einen Mund-Nasen-Schutz tragen, bis sie an ihrem Platz angelangt sind. Danach dürfen sie die Masken ablegen. Das Publikum wird über das Parkett, die Logen und den Balkon verteilt.

Abstand halten

In Österreich sind Veranstaltungen im Indoor- und Outdoorbereich ab 29. Mai wieder möglich, wenn die Besucherzahl nicht über 100 liegt. Dabei sind Sitzplätze und ein Meter Abstand Grundprinzipien. Personen, die in einem Haushalt leben oder gemeinsam Tickets kaufen, um eine Veranstaltung zu besuchen, dürfen nebeneinander sitzen. Ansonsten ist ein Platz an der Seite freizuhalten und ein Schachbrett-Muster für die Sitzordnung vorgesehen. Ist ein Abstand von einem Meter nicht möglich, muss bei Indoor-Veranstaltungen vom Publikum eine Mund-Nasen-Schutzmaske getragen werden. Im Freien besteht keine Maskenpflicht. Auch Pausen und Pausenbuffets sind möglich. Ab 1. Juli folgt der nächste Schritt mit einer Besucherzahl von 250 bei Indoor-Events. Auch Kinos dürfen ab dann wieder öffnen. Outdoor-Events dürfen ab 1. Juli von bis zu 500 Menschen besucht werden.

 

Informationen zum Sonderspielplan der Grazer Oper sind >hier< zu finden.


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Kultur

Über den Zaun: Der Dichter Jörg Bernig und das linke Kulturmonopol

Gastautor

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Der deutsche Kulturbetrieb ist linkes Hoheitsgebiet, das auf eine noch weit rabiatere Weise verteidigt wird, als dies in Österreich der Fall ist. Was sich allerdings derzeit in der sächsischen Kleinstadt Radebeul, dem sogenannten „Nizza Dresdens“, bekannt durch seine lieblichen Weinberge, seine Villen und das Karl-May-Museum, abspielt, ist selbst für bundesdeutsche Verhältnisse extrem.

Kolumne von Bettina Gruber

Aber der Reihe nach: Am Mittwochabend dieser Woche wurde der mehrfach ausgezeichnete Dichter, Romancier und Essayist Jörg Bernig in geheimer Wahl demokratisch zum Kulturamtsleiter der Stadt Radebeul gewählt. Diese Wahl, die unter normalen Umständen nicht mehr als eine Pressenotiz und ein freundliches Interview in der Lokalzeitung produziert hätte, löste umgehend einen Sturm der Entrüstung aus: die Sächsische Zeitung berichtete gleich am Morgen des folgenden Himmelfahrtstages, die Süddeutsche Zeitung am Nachmittag, ein grüner Dresdner Stadtrat twittere noch am Abend der Wahl allen Ernstes, er sehe in ihr einen Grund, die Koalition von CDU und Grünen platzen zu lassen. Diverse Antifa-Gruppen verbreiteten die Information nach Art eines Lauffeuers.

Hölderlin- und Eichendorff-Preisträger

Wer ist der Mann, und wodurch ist es ausgerechnet einem introvertierten Naturlyriker gelungen, diesen Aufruhr auszulösen? Nach den Reaktionen zu schließen doch allermindestens Mitglied in drei Neonazi-Organisationen, aggressiver Dauerdemonstrant und Reichsbürger mit Waffenarsenal?! Zur Einordung ein paar Angaben zur Vita des Autors: Bernig ist zunächst einmal Mitglied dreier Akademien: der Sächsischen Akademie der Wissenschaften und Künste (seit 2017 als Stellvertretender Sekretär der Klasse Literatur- und Sprachpflege), der Bayerischen Akademie der Schönen Künste sowie der Sudetendeutschen Akademie der Künste und Wissenschaften. Mitgliedschaften dieser Art stellen traditionellerweise einen Ritterschlag für den Geehrten dar. Seine literarische Arbeit wurde unter anderem mit Stipendien der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und des Deutschen Literaturfonds sowie mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Homburg (Förderpreis) und dem Eichendorff-Literaturpreis ausgezeichnet. Die Essays sind übrigens nicht auf die eine deutsche Nationalkultur, sondern ganz auf das Thema Mitteleuropa ausgerichtet: die Vorfahren des Dichters stammen aus Böhmen, er berichtet fasziniert und kenntnisreich aus Tschechien, Polen und vom Balkan.

Kritik an der Asylpolitik

All das spricht für sich. Was Jörg Bernig zur Last gelegt wird, ist wieder einmal nur Eines: die Courage, vom Mainstream abgewichen zu sein. Die Hatz auf den Dichter begann mit einem Artikel für die Sächsische Zeitung im Dezember 2015, in dem Bernig die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin kritisierte und anzumerken wagte, dass mit den Neuankömmlingen auch die Konflikte fremder Kulturen und inkompatible Frauenbilder importiert würden.

Das Aussprechen dieser einfachen und offenkundigen Wahrheit reichte für sich genommen schon, um den Sächsischen Kulturbetrieb in ein zornig summendes Wespennest zu verwandeln und eine bislang hoch geachtete Persönlichkeit unter Generalverdacht zu stellen. Noch kritischer wurde es, als der Dichter im Jahr darauf auf Einladung des Lessing-Museums in Kamenz die „Dritte Kamenzer Rede“ unter dem Titel „Habe Mut… Eine Einmischung” hielt und veröffentlichte, die in sehr differenzierter Form seine Kritik erneuerte.

Während er darin das undemokratische Vorgehen der Regierung in Sachen Grenzöffnung angreift, lobt er ausdrücklich die ehrenamtliche Arbeit der Flüchtlingshelfer. (Die die Kolumnistin dagegen durchaus kritisch sieht.) Fazit jedenfalls: kein Nazi, nirgends! Stattdessen eine realitätsbezogene Auseinandersetzung mit den Problemen eines Landes, das immer mehr durch den Begriff der „Fassadendemokratie“ gekennzeichnet werden kann. Ein Land, in dem, wie mir heute ein politisch erfahrener Beobachter anmerkte, „nach Thüringen alles möglich ist.“ Wir werden sehen, ob die demokratische Wahl des Dichters Jörg Bernig zum Kulturamtsleiter das gleiche Ergebnis zeitigen wird, wie die ebenso demokratische von Kurzzeitministerpräsident Kemmerich im schönen Lande Thüringen.

Über die Autorin:

Bettina Gruber hält in ihrer alle zwei Wochen erscheinenden Tagesstimme-Kolumne „Über den Zaun” ihre Eindrücke aus dem deutschen Nachbarland fest. Die Wienerin und Wahlsächsin hat lange Jahre sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands gelebt und dabei immer wieder festgestellt, wie verschieden die Mentalitäten doch sein können. Unter Klarnamen und wechselnden Pseudonymen Beiträge für TUMULT, Sezession und andere. Auf dem TUMULT-Blog bespielt sie in wechselnden Abständen die genderkritische Kolumne „Männerhass und schlechte Laune.“ Der letzte Artikel für die Printfassung, „Die Wissenschaft und ihr Double.“ TUMULT. Vierteljahresschrift für Konsensstörung Heft 1 / 2020 Frühjahr 2020, widmet sich der grundsätzlichen Schwierigkeit, wissenschaftliche Ergebnisse in der Mediengesellschaft zur Geltung zu bringen und ist damit thematisch hochaktuell.

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