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Kultur

Ulm: Schwarzer König muss aus Weihnachtskrippe weichen

Julian Schernthaner

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Die allgegenwärtige Rassismus-Debatte ist nun tatsächlich in der Weihnachtszeit angekommen. Der Kirchengemeinderat des Ulmer Münsters entschied sich nämlich, die Krippe nicht in der traditionellen Form auszustellen.

Ulm. – Die Diskussion ist nicht neu: Einige Pfarren – evangelische und katholische – schicken schon seit Jahren etwa kein mit schwarzer Farbe bemaltes Kind mehr mit den Sternsingern von Tür zu Tür. Nun geht man in Ulm aber einen Schritt weiter – und tilgt den im Volksmund als „Ulmer Melchior“ bekannten schwarzen König aus seiner historischen Krippe. Diese war vor etwa 30 Jahren gestiftet worden – mit der Auflage, sie stets am ersten Advent auszustellen. Das berichtete die Junge Freiheit am Montag.

Einmalige Darstellung des schwarzen Königs

Die fragliche Gestalt ist ein ganz besonderes Zeugnis der Handwerkskunst. Denn, dass einer der heiligen drei Könige eine Brezel in der Hand trägt, ist selten – wenn nicht überhaupt einzigartig. Aber in der Kirchengemeinde fürchtet man, dass die übrige Darstellung rassistische Stereotype befeuern könnte. Die Figur zeigt nämlich eine beträchtliche Körperfülle, schwulstige Lippen und große Goldreife. Man wolle den schwarzen König nicht unterschlagen, so der Dekan – sondern die Debatte darüber lediglich auf die Nachweihnachtszeit verschieben.

Dass die heiligen drei Könige jeweils einen der damals bekannten drei Erdteile darstellen, ist eine Deutung aus dem späten Mittelalter und ab dem 14. Jahrhundert bezeugt. Ursprünglich waren sie noch drei „Weise aus dem Morgenland“. Möglicherweise wegen einer Fehllesung, der einen dunklen Bart als dunkle Hautfarbe interpretierte, wurde zunächst Balthasar schwarz. Heute ist hingegen zumeist Caspar der Dunkelhäutige – oder wie eben in Ulm, regional auch Melchior.

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan

Dass die seit dem Sommer angestoßene Debatte über angeblichen Alltagsrassismus längst dazu führt, dass auch lange unverdächtige Darstellungen weichen müssen, ist schon seit Monaten offenkundig. So entschied sich etwa Mars Inc., den freundlich lächelnden, älteren schwarzen Mann von der Packung seiner beliebten Reismarke Uncle Ben’s verschwinden soll – Tagesstimme berichtete. In Österreich machten einschlägige Aktivisten gegen das Logo des Dornbirner Mohrenbräu mobil. Dabei benennt sich dieses nach dem Brauereigründer Josef Mohr – und zeigt dessen Familienwappen.

Und auch, dass die Darstellung religiöser Figuren den Bildstürmern nicht gefällt, ist keine Neuheit. So tauchte in Coburg plötzlich eine Petition auf, welche die Abänderung des Stadtwappens forderte. Dieses zeigt eine Darstellung des heiligen Mauritius als vermeintlicher Afrikaner – so wie man den eigentlich koptischen Heiligen eben seit dem 13. Jahrhundert aufgrund einer Volksetymologie darstellte.


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