Politik

Ortsnamen: Süd‐Tiroler Freiheit schickt Petition an Verfassungsrichter

Symbolbild: Hubert Berberich via Wikimedia Commons [CC0]

Am 7. März wird das italienische Verfassungsgericht über das Toponomastikgesetz des Südtiroler Landtags aus dem Jahr 2012 entscheiden. Dieses sieht die Erstellung eines Namenregisters und die Pflicht zur Führung mehrsprachiger Orts‐ und Flurnamen vor, sofern diese in der jeweiligen Gemeinde gebräuchlich sind. Die ehemalige Regierung des parteilosen Mario Monti legte dagegen Rekurs ein. Die Süd‐Tiroler Freiheit (SF) will mit einer Petition auf der Entscheidungsfindung einwirken. 

In einer Presseaussendung berichtet die Regionalpartei, dass man über 4.000 Unterschriften gesammelt hat, um die „Abschaffung der faschistischen Ortsnamendekrete” zu bezwecken. Anlässlich der zeitnahen Verhandlung schrieben nun mehrere SF‐Landtagsabgeordnete mit fachlicher Unterstützung des Toponomastik‐Experten Cristian Kollmann an den Präsidenten des Verfassungsgericht.

Kollmann: „Wissenschaftliche Erkenntnisse einfließen lassen”

Nun befürchtet man, dass die Empfehlung der florentinischen Accademia della Crusca, die italienischen Orts‐ und Flurnamen als Kulturgut aufzuwerten, einen Einfluss auf die Entscheidung der Verfassungsrichter haben könnte. Die Bestrebungen der ältesten Sprachgesellschaft der Welt seien „ausschließlich nationalistisch motiviert”. Im Schreiben plädiert man auch für eine Unterscheidung zwischen der Zweisprachigkeit von Wörtern und jener von Ortsnamen. Wörter seien aufgrund ihrer Bedeutung übersetzungsfähig, während der Zweck von Ortsnamen die Bezeichnung sei und deshalb „nicht einfach flächendeckend übersetzt werden können”.

Der beigezogene Experte Cristian Kollmann beschrieb das Ziel des Schreibens wie folgt:

Insgesamt erwarten wir uns von den Verfassungsrichtern, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse in ihre Entscheidung mit einfließen lassen und dass sie auch die Landesregierung zu einem wissenschaftlichen Diskurs mahnen, denn nur dieser kann für die Lösung des Toponomastikproblems die Grundlage bilden.“

Landtag „gegen Instrumentalisierung der Sprachwissenschaft”

Beilegt hat man einen Beschluss des Südtiroler Landtages vom Dezember 2016. Damals sprach man sich „für die wissenschaftliche Wahrheit in der Ortsnamengebung” und „gegen die Instrumentalisierung der Sprachwissenschaft für politische Zwecke” aus. Das 2012 verabschiedete Ortsnamengesetz, welches für alle drei Volksgruppen rechtlich gültige Namen normieren soll, gilt in Südtirol als Kompromisslösung. Die SF stimmte laut eigener Aussage damals dagegen, „weil es nicht die Abschaffung der faschistischen Ortsnamendekrete vorsah”.

Ortsnamenfrage seit Jahren ungeklärt

Die Ortsnamenfrage in Südtirol ist seit Jahrzehnten ungeklärt. Nach dem ersten Weltkrieg war die Verwendung der historisch gewachsenen Orts‐ und Flurnamen bis 1972 nicht erlaubt. Seit dem Zweiten Autonomiestatut gilt eine Pflicht zur Zweisprachigkeit, die traditionell auch als Pflicht zur Zweinamigkeit gedeutet wird. Am 19. Februar wiesen die Dolomiten aber darauf hin, dass das italienische Statistikinstitut diese inoffizielle Praxis offenbar missbillige:

Es sind Straßennamen wie Via Am Bühel, Via Egg, Vicolo Kirchgasse oder Via Oberdorf, die dem Gesamtstaatlichen Statistikinstitut ISTAT sauer aufzustoßen scheinen.”

Rechtlich verankert sind weiterhin nur die italienischen Ortsnamen. Diese folgen in weiten Teilen dem Prontuario dei nomi locali dell’ Alto Adige von Ettore Tolomei. Diese wurden im Juli 1923 vom Großrat des Faschismus als Teil eines 31‐teiligen Maßnahmenkatalogs zur Italianisierung Südtirols abgesegnet. Laut einem Standard-Artikel werden manche der offiziellen Namen selbst von italienischsprachigen Südtirolern nicht verwendet. Demzufolge sprachen sich italienische Sprachwissenschaftler bereits für eine Abkehr von dieser Praxis aus.

 

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