Meinung

Grundsätzliches zur Leipziger Buchmesse – lose Fäden des Diskurses?

Bildquelle: Pixabay

Das linksliberale Establishment ist sich nach wie vor uneins: Muss man rechtes Denken wie die Pest behandeln und um jeden Preis aus dem öffentlichen Raum verbannen oder sollte eine vermeintlich intakte Demokratie nicht mehr zu bieten haben, weil andere Positionen nicht automatisch eine Krankheit darstellen?

Kommentar von Mario Singer

Es geht um die Frage, ob man der „Neuen Rechten” Mitsprache gewährt und sich das Establishment auf eine ernsthafte Auseinandersetzung einlassen soll. Oder ob die übertriebene Gönnerhaftigkeit, sie auch mal zu Wort kommen zu lassen, automatisch bedeutet, mit ihnen bereits indirekt zu kollaborieren, weil Gehör auch eine Bühne und damit Öffentlichkeit voraussetzt.

Die Angst vor der Kraft des besseren Arguments

Demokratiefeindliches salonfähig machen“ oder „sie instrumentalisieren die Rolle der Selbstviktimisierung“, lauten dann gern die Argumente dagegen. Hierbei sei das Spektakel auf der Leipziger Buchmesse als letzte gelungene Eisbrechermission und Widerstandsinitative genannt. Der Stand vom Verlag „Antaios“ ist gewachsen, von zwölf auf 14 Quadratmeter – eine „Raumnahme“ musste Sebastian Leber besorgt im Tagesspiegel konstatieren. Bester Dank gilt hierfür auch der professionellen Marketingabteilung der Antifa, deren Öffentlichkeitsarbeit durch ihr ehrenamtliches, infantiles, aber verlässliches Engagement, beispielsweise durch (zugegeben mickriges) Begrüßungskomitee mediale Aufmerksamkeit generiert und sicherlich schwer zu finanzieren gewesen wäre.

Demokratische Bestandsaufnahme

Während sich das stromlinienförmige Mitläufertum im Lichte der Demokratie suhlt, müssen sich kontroverse Ansichten, gepanzert mit reichlich Überzeugung und Opferbereitschaft, erst Gehör erkämpfen – das war auch in Zeiten des Umsturzes noch nie anders. Wie bei einem solchen Prozess mit anderen Meinungen umgegangen wird, zeigt dabei nicht nur den Status Quo der realexistierenden Demokratie auf, sondern kann hierbei auch einen fortgeschrittenen „sanften Totalitarismus“ entlarven: Kontensperrungen, Sachbeschädigungen von Privatgut, Internetzensur, Karrieretod und staatlich geduldeter Antifa‐Terror gegenüber unliebsamen Meinungen mögen nur als kleine Kostprobe dafür dienen, welche Konsequenzen durch eine patriotische Mehrleistung entstehen können. Was dabei für die Demokratie gefährlicher ist, entweder eine echte, funktionierende Meinungsvielfalt oder die Nebenwirkungen, welche die Artikulation kritisch gearteter, aber friedlich artikulierter Meinungen mit sich bringt, sei jedem selbst überlassen.

Herstellung echten Gleichgewichts

Wie auch immer. Die jahrelange geistige Monokultur des linksliberalen Systems hat in der demokratischen Ackerlandschaft tiefe totalitäre Spuren hinterlassen. Eine der wichtigsten Aufgaben des widerständigen Milieus wird es deshalb sein, diese Erde wieder gesunden zu lassen. Das heißt auch: Repressalien auf jeder Ebene Parole zu bieten, die immer enger gewordenen Gesinnungsfurchen aufzupflügen und ein nachhaltiges Saatgut der echten Vielfalt weiterhin mühsam und unbeirrt in den Boden zu drücken. Man kann schmutzig werden – wohl aber nicht, ohne dabei auch zu ernten. Ignorieren ist nicht mehr.

Bilanz zum Ende der Buchmesse

Die Bilanz zum Ende der Leipziger Buchmesse lautet wie folgt: Die neurechte Szene ist in Bewegung, läuft wie ein wohlgeöltes Uhrwerk, ist mehr als zuvor im Fluss. Und überall, wo Fluss herrscht, kommt es auch zu einer nachhaltigen Erosion der gegebenen Landschaft. Die mollig warme Deckung wurde schon lange verlassen, man ist aus der Lähmung des Meinungsterrors erwacht. Selbstverständlich beinhaltet der von Götz Kubitschek geprägte Begriff des „schmalen Grates“ noch seine Hürden und schwer sichtbaren Tücken. Nur finden sich zunehmend mehr Idealisten mit Charakter und Herz, die es wagen, ihn zu erklimmen. Das gibt mit jedem weiteren Mann, der sich dafür zusätzlich entscheidet, Halt, Orientierung, Sicherheit und Zuversicht.

Begriffe wurden und werden laufend neu besetzt, die Pipelines alternativer Verlage glühen, patriotische Projekte wuchern wie Pilze aus dem Boden, der Aktivismus erreicht ein noch nie dagewesenes Niveau, der Zustrom an klugen Köpfen ist reißend, Resonanzräume werden erweitert und erklingen zunehmend voller. Zeitgleich lichten sich die Reihen derer, die sich im Kunst‐ und Kulturbereich noch vor kurzer Zeit aktiv für eine Politik der offenen Grenzen ausgesprochen haben, während die Stimmen ihrer Kritiker wachsen. Der „Wehret den Anfängen“-Pathos zieht nicht mehr, das patriotische Lager gewinnt rasend an Fahrt, wovon auch der Politikbetrieb nicht unverändert bleibt. Wie Christoph Schröder erkannt hat: „Die Rechten haben die politische Welt als große Theaterbühne entdeckt.“

Und während man darüber diskutiert, ob und wie man mit ihnen spricht, haben sie es schon längst verstanden, sich unbeeindruckt eigene Bühnen zu zimmern, falls ihnen die herkömmlichen verwehrt bleiben. Das System wird sich aus diesem Grunde, so oder so, einer ehrlichen Debatte auf Augenhöhe nicht entziehen können. Bis dahin kann es nur heißen: den Stürmen der Zeit Trotz zu bieten, mit aller Kraft die bis vor Kurzem noch fest verankerten und übergroß erschienen Pfeiler der linksliberalen Selbsthasser weiterhin mühsam auszubuddeln.

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