Kultur Meinung

ECHO: Beirat‐Entscheidung zeigt moralische Schieflage der Kulturszene

Bild (Fahrid Bang, li; Kollegah, re.): Selfmade Records via Wikimedia Commons [CC BY-SA 2.0]

Jüngst wurde wegen antisemitischer und gewaltverherrlichender Textstellen einige Kritik an der Nominierung der Rapper Farid Bang und Kollegah für den wichtigsten deutschen Musikpreis ECHO laut. Nun gab der Ethikbeirat grünes Licht – ein Zeichen der moralische Schieflage in der deutschen Kulturszene. 

Kommentar von Julian Schernthaner

Die Meinungsfreiheit und die davon abgeleitete Freiheit der Kunst ist ein hohes Gut, deren Verteidigung einen wichtigen Eckpfeiler unserer Demokratie darstellt. Völlig zurecht lassen sich damit auch potentielle geschmacklose, verwirrende und für viele Menschen verstörende Projekte und Werke rechtfertigen. Aber es gibt auch Grenzen: Bei der Verherrlichung von erheblicher Gewalt oder anderweitig gefährlichem Material schiebt der Staat ebenfalls völlig zurecht einen Riegel vor (auch wenn das Ausmaß diskutabel bleibt). Und zwar, ohne ohne dass dies einen Eingriff in die Zensurfreiheit des Grundgesetzes bedeutet. Im jüngsten Fall haben aber der Staat und alle moralischen Instanzen grob versagt.

Vorgeschichte: Die „Causa Frei.Wild”

Der ECHO gilt als wichtigster deutscher Musikpreis, entsprechend steht auch seine Vergabe in öffentlicher Beobachtung. Zur Bewertung der aktuellen Geschehnisse muss man ein wenig in der jüngeren Geschichte graben.  Dass vordergründig die Verkaufszahlen für die Vergabe maßgeblich sind, sorgt nämlich für regelmäßige Kritik an den Nominierten. Der Wirbel erreichte einst seinen Höhepunkt als auf Druck anderer Nominierter die patriotische Deutschrock‐Band Frei.Wild von der Liste gestrichen wurde.

Obwohl sich die Band in ihren Texten (z.B. in Das Land der Vollidioten) glaubwürdig und klar gegen politischen Extremismus aller Art positionierte, warfen andere Kapellen ihr vor, den „rechten Rand zu bedienen”. Weit links stehende Gruppen wie Jennifer Rostock oder Kraftklub drohten mit Boykott und begünstigten damit den ‚Sweep’ der ihrer Gesinnung näher verbundenen Gruppe Die Toten Hosen mit vier ECHOs an einem Abend.

Um sich solche Debatten in Zukunft zu sparen, installierte man daraufhin im Folgejahr einen Ethik‐Beirat. Dieser sollte mögliche Nominierte überprüfen können und diente fortan als moralisches Feigenblatt des Musikpreises. 2016 erhielten Frei.Wild mit dreijähriger Verspätung übrigens doch noch – freilich wieder unter Protesten.

Textstellen verharmlosen Terror und Antisemitismus

Dieser hatte nun kürzlich auch die Vorwürfe gegenüber den beiden muslimischen Rappern Farid Bang und Kollegah zu prüfen. Nach zwei völlig zurecht indizierten Platten schaffte es der jüngste Tonträger „Jung, Brutal, Gutaussehend 3” diesmal irgendwie durch die Prüfstelle. Dieselbe Prüfstelle, die einst ein Album der Böhsen Onkelz wegen eines Fußball‐Liedes und eines Liedes gegen Kindesmissbrauch als „gewaltverherrlichend” indizierte. Seitdem verkaufte sich „JBG 3” trotz vernichtender Kritiken mehrere hundertausend Mal und stand in Deutschland, Österreich und der Schweiz an der Spitze der Charts.

In ihren Texten rappen die beiden Skandalrapper unter anderem über einen „Körper definierter als von Auschwitz‐Insassen” („0815”), sowie darüber Rentner „ins Koma” zu schlagen („Drecksjob”). Die Krönung folgt aber anschließend mit einer Stelle, die potentiell Terroranschläge verherrlicht: „Mit dem Sprengstoffgürtel auf das Splash‐Gelände / In die Menschenmenge und kill sechzug Menschen / Und nach einem Schlag denkst du, dich hätt’ ein LKW überfahr’n/ Als wärst du aufm Weihnachtsmarkt” (ebenfalls „Drecksjob”)

ECHO‐Beirat gibt grünes Licht

Für viele halbwegs moralisch lautere Menschen erübrigt sich bei solchen Stellen jedes Verständnis für die Freiheit der Kunst. Sogar der selbst skandalträchtige Bushido, der früher etwa mit eigenartiger Einstellung zum geistigen Eigentum anderer auffiel, kritisierte diese Stellen als „eine moralische Grenze” überschreitend. Kein Problem jedoch für den Ethikbeirat des ECHO. Es handle sich zwar um einen „absoluten Grenzfall zwischen Meinungs‐ und Kunstfreiheit und anderen elementaren Grundrechten”. Gleichzeitig halte man einen Ausschluss nicht für den richtigen Weg.

ECHO‐Geschäftsführerin Rebecca Heinz stellte sich bereits zuvor hinter die Beiden. Immerhin sei „die Sprache des Battle‐Rap hart” und verbale Provokation darin „ein typisches Stilmittel”. So weit so gut – an sich eine legitime Ansicht. Extreme Texte kennt man schließlich auch aus anderen Genres, die mit solchen Stilmitteln arbeiten.

Textpassagen widerspiegeln traurige Realität

Dass es sich dabei allerdings nicht bloß um „verbale Provokation” sondern traurige Realität handelt, erfahren wir derzeit ständig. Vor einigen Wochen ermordete in Paris ein islamgläubiger Migrant eine 85‐jährige jüdische Frau aus rein antisemitischen Motiven. Die Debatte über den wachsenden Antisemitismus besonders unter muslimischen Heranwachsenden beherrscht seit Wochen die Medien. Und: einen Tag nachdem der Ethikbeirat des wichtigsten deutschen Musikpreises grünes Licht für die kritisierten Passagen gibt, fährt ein Irrsinniger in Münster in den Gastgarten eines Traditionsgasthauses – Die Tagesstimme berichtete.

Freilich, die Wahrscheinlichkeit, dass sich der mutmaßliche Amokfahrer von den Weisen auf „JBG 3” inspirieren ließ, geht gegen Null. Aber immerhin geschieht dies in einem Land, das nach jedem Amoklauf mit einer Feuerwaffe eine Debatte über ein Verbot von „Ballerspielen” aufwärmt, zuletzt nach den Geschehnissen in München im Sommer 2016. Ein Land, in dem renommierte Journalisten lieber ein „Macho‐Messer‐Verbot” überlegen würden anstatt sich der Problematik importierter Gewalt zu widmen. Was aber, wenn im Juli wirklich ein Attentäter oder Amokfahrer einen Lastwagen auf das Gelände des Splash‐Festivals steuert und man in dessen Wohnung das möglicherweise bald preisgekrönte Album findet?

Linksextreme Punkband ebenfalls nominiert

Es wäre übrigens nicht der ECHO, wenn mit „Feine Sahne Fischfilet” nicht eine zweite Skandalband zu ihrer Nominierung käme – und zwar ganz ohne jedweden medialen oder gesellschaftlichen Aufschrei. Dieselben empörten Unkenrufer, die unter Textstellen wie „Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik / An diesem heiligen Land, das unsre Heimat ist / Darum holt tief Luft und schreit es hinaus / Heimatland wir geben dich niemals auf” (Frei.Wild: „Südtirol”) beinahe die Vorboten eines Vierten Reichs sahen, sind von den Texten der mecklenburgischen Punkband nämlich vollends entzückt.

Diverse Medien stimmen regelmäßig in diesen Tenor ein. Denn „Punk heißt gegen’s Vaterland, das ist doch allen klar / Deutschland verrecke, das wäre wunderbar!”  und „Gib mir ein ‚like’ gegen Deutschland / Deutschland ist scheiße, Deutschland ist Dreck!” (Feine Sahne Fischfilet: „Gefällt mir) ist für denselben Spiegel, für den Frei.Wild eine „umstrittene Band” darstellt, halt doch einfach nur „Punkrock für die geilen Leute”. Völlig kritiklos wird die wegen ihrer „explizit anti‐staatlichen Haltung” mehrere Jahre lang im mecklenburgisch‐vorpommerschen Verfassungsschutzbericht erwähnte linksradikale Band sogar quer durch die öffentlich‐rechtlichen Senderangebote hofiert.

Einseitige Kulturpolitik beenden

Ich habe eingangs die Freiheit der Kunst verteidigt, und stehe zu dieser Bewertung – sie soll provozieren dürfen und dabei auch die Grenzen des guten Geschmacks ausloten dürfen. Heute werden aber Musiker, welche etwa Heimat, Brauchtum und Tradition wohlwollend besingen, ausgegrenzt und mit unvorteilhaften Adjektiven beladen. Sie einzuladen sendet für Konzerthauschefs sogar „falsche Signale” aus. Gleichzeitig haben dieselben Entscheidungsträger in Kunst und Kultur offenbar kein Problem mit Phrasen wie „Deutschland verrecke” oder der Verhöhnung toter Weihnachtsmarktbesucher und der Verherrlichung von Gewalt.

Dabei sollten wir uns eingehend überlegen, welche Zeichen wir unseren Kinder und Kindeskindern vermitteln. Dazu gehört auch eine weniger einseitige Kulturpolitik. Der derzeitige Zeitgeist verurteilt patriotische Musiker – und bietet scheinbar Narrenfreiheit für linksextreme Künstler. Darüber hinaus verteilen Ethik‐Beiräte offenbar Persil‐ und Freifahrtsscheine für unter diesem Denkmantel ausfällige Migranten und Islam‐Konvertiten in der Kunst. Die angeblich angestrebte Vorbildwirkung wird dadurch vollkommen verfehlt – Fünf, setzen!

Kommentar hinzufügen

Hier Klicken, um zu kommentieren

Newsletter

Jetzt in den Newsletter eintragen und wöchentlich die Top-Nachrichten erhalten!
Newsletter

Neues von Anbruch

Jordan Peterson – Gegengift oder Gift?

Der Name Jordan Peterson ist momentan in aller Munde. Doch worum geht es in seinem neuen Buch überhaupt und birgt seine Weltsicht auch Problematiken?

 

… weiterlesen