Meinung Welt

Royal Wedding”: Brot, Spiele und ein Hauch von Propaganda

Das Brautpaar am Weihnachtstag 2017. Bild: Mark Jones via Wikimedia Commons (cropped & resized to fit) [CC BY 2.0]

Es war das mediale Großereignis des vergangenen Wochenendes. Der früher für Skandale aller Art bekannte Prinz Harry ehelichte seine Meghan und die Welt sah zu. Die Hochzeit war ein Spektakel – und hinterlässt dennoch einen fahlen Beigeschmack, da sie von einigen dringenden gesellschaftlichen Fragen im Land ablenkt.

Kommentar von Julian Schernthaner

Normalerweise verlangt eine royale Hochzeit trotz allen berechtigten Pomps keine besondere Auseinandersetzung. Wenn der jüngere Sohn des designierten Thronfolgers eine Bürgerliche heiratet, ist das heute keine große Schlagzeile mehr. Nicht einmal wenn er sich eine hübsche Hollywood‐Schauspielerin angelt, das hat der frühere Fürst von Monaco nämlich schon vorgemacht. Die Wahl dessen Sohnes fiel auf eine olympische Schwimmerin, und die schwedische Prinzessin heiratete ihren Fitnesstrainer.

Abstammung als Leitthema…

Dennoch ist diese Eheschließung anders, denn sie wurde als richtungsweisendes gesellschaftliches Thema vermarktet. Freilich steht die Freigabe, eine geschiedene Amerikanerin zu heiraten in krassem Gegensatz zum Umgang mit seinem Großonkel Edward VIII. Dieser musste deshalb noch abdanken und den Thronanspruch seiner Nachfahren aufgeben. Auch die Hochzeit mit einer Nicht‐Anglikanerin hätte früher einen Aufstand bedeutet – heute gibt’s eine Konversion im Eilverfahren.

Aber im Vordergrund stand nicht der offensichtliche Sinneswandel innerhalb des Königshauses. Leitthema war die Abstammung der Braut, ihre Mutter ist Afro‐Amerikanerin. Man band Gospel‐Töne in die anglikanische Messe ein, der Pfarrer zitierte den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King. Alle Beobachter sind sich sicher: Mit dieser Verbindung ist das britische Königreich im 21. Jahrhundert angekommen.  Nach der liechtensteinischen Prinzessin Angela ist die nunmehrige Herzogin von Sussex die zweite Person mit afrikanischen Wurzeln im europäischen Hochadel.

…und ideologisches Instrument

Einhellig war also die Feierstimmung, das Königshaus werde ethnisch „diverser”. Es sei ein positives Zeichen, weil es die britische Gesellschaft widerspiegle. Immerhin hätten viele Briten heute einen Migrationshintergrund, im Jahr 2050 werde dies für ein Drittel der Bevölkerung gelten. Wochenlang gaben sich Experten mit immer derselben Bewertung bei Fernsehanstalten die Klinke in die Hand. Ohne die Sinnhaftigkeit einer Veränderung zu hinterfragen, wird sie als positives Zeichen gefeiert. Dargestellt wird es an einer Frau, welche vermutlich einfach ihren Liebsten heiraten wollte.

Auffallend ist dabei: Nach Obama ist auch diese repräsentative Figur des ‚neuen Multikulti’ erneut nicht besonders „schwarz”. Nein, nicht wegen ihres hellen Teints – sondern durch die Sozialisierung in traditionell „weißem” Umfeld einschließlich Privatschulen und Teilhabe an der gesellschaftlichen Hautevollée. Damit taugt die Instrumentalisierung nämlich nicht einmal für eine angemessene Sozialkritik – und entlarvt sich als übliche Phrasendrescherei.

Multikulti in Großbritannien ist gescheitert

Denn der ‚royale Multikulturalismus’ deckt sich auch nicht mit den Erfahrungswerten im britischen Alltag. Bei den Missbrauchskandalen in Rotherham und Telford schwiegen die Behörden jahrelang. Mitarbeiter lebten in der Furcht, der Hinweis auf die pakistanische Herkunft der Grooming‐Gangs könnte als rassistische Feststellung gewertet werden. In mehreren britischen Großstädten kam es in den vergangenen Jahren zu islamistischen Anschlägen. Für den muslimischen Bürgermeister in London, Sadiq Khan gehört das zum Leben in einer Großstadt dazu.

Viele Länder in Europa tun sich mit den Herausforderungen ihrer neuen ethnischen Zusammensetzung schwer. Aber kaum eines tut sich ähnlich schwer wie Großbritannien. Abwechselnd laboriert es an seinem kolonialen Erbe als vermeintlich historische Schuld und versteht sich durch seine wechselvolle Geschichte als Einwanderungsland. Römer, Angelsachsen und Nordmänner müssen als historische Symbole des Multikulti‐Gedankens herhalten. Währenddessen bilden sich in britischen Städten entlang ethnischer und religiöser Grenzen die Parallelgesellschaften. Der ‚biobritische’ Arbeiter verhüllt sein wachsendes Entsetzen an den Zuständen indes in Sätzen, die mit „I’m not a racist, but…” beginnen.

Abweichende Meinungen unerwünscht

Personen, welche diese Probleme ansprechen möchten, sind erst gar nicht erwünscht.  Inländische Kritiker sehen sich erheblicher staatlicher Repression ausgesetzt. Ausländischen Dissidenten verweigerte man in den vergangenen Monaten mehrmals die Einreise. Ohnmächtig tänzelt die britische Öffentlichkeit zwischen dem Anspruch der langjährigen Tradition an Bürgerrechten und der Wirklichkeit eines Meinungsdiktats durch die multikulturelle Leitagenda umher. Es ist ein Alarmsignal eines scheiterndes Experiments – dessen Kunde nicht gehört und gesehen werden soll.

Hochzeit als „Brot und Spiele”

Großbritannien ist also ein Land, welches mit den verheerenden Auswirkungen einer jahrelang verschlafenen Einwanderungs‐ und Integrationspolitik zu kämpfen hat. Es ist ein Land, welches jahrhundertealte Rechte am Altar der „political correctness” opfert, um gesellschaftliche Fragen nicht an der Wurzel packen zu müssen. Da kommt die Vermählung des Prinzen gerade Recht. Reale Probleme durch mediale Spektakel auszublenden ist zwar heuchlerisch – aber es kommt den Handelnden gelegen.

Denn Brot und Spiele halten den geschundenen Souverän beschäftigt und verschaffen einige Atempausen. Auch, weil man nun am königlichen Paar ein neues ‚multikulturelles Märchen’ errichten kann. Weil sich das Königshaus allseits großer Beliebtheit erfreut, lässt sich dadurch das ins Wanken geratene Narrativ des kulturellen Schmelztiegels aufrecht halten. Dabei ist diese Zuschreibung auch den jungen Eheleuten gegenüber nicht gerecht. Ihr Liebesglück steht und fällt nun mit dem Gelingen und Scheitern einer Idee. Ohne sein Zutun wäre das Thema auch bei einem Paradigmenwechsel wieder aktuell.

Medienrummel: Erfrischende Adrowitzer‐Kritik

Angesichts des Einheitsbreis, welchen man wochenlang vorbetete, sind kritische Stimmen erfrischend – und sei es nur am Spektakel an sich. Umso überraschender, dass der Lacher dieser Tage von einem Urgestein des öffentlich‐rechtlichen ORF kam. Mit mittlerweile in etablierten Medien seltenem Pfeffer kommentierte Korrespondent Roland Adrowitzer das Schauspiel eloquent und kritisch.

Er nahm gleichermaßen die „Meute” an Pressevertretern und Paparazzis aufs Korn, welchen der Bräutigam jahrelang die Schuld am Tod seiner Mutter gab. Er beschwert sich unverhohlen über die „Flugzeuge im 90‐Sekunden‐Takt”, welche über seinen Kopf hinwegbrausen. Zwischendrin mokierte er sich sogar über Statistiken, wonach zwei Milliarden Menschen weltweit vor den Bildschirmen harren würden. Denn, so Adrowitzer, generell solle man nur Statistiken trauen, die man selbst gefälscht hat. Eine treffende Feststellung in Zeiten, wo ein Mega‐Event zur willkommenen Bespaßung des Volkes das nächste jagt.

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