Gesellschaft

Deutschklassen: Wiener Direktoren kündigen Boykott an

Symbolbild: Pixabay [CC0]

Ab Herbst sollen Kinder mit unzureichenden Deutschkenntnissen eigene Deutschförderklassen besuchen. Einige Wiener Direktoren üben nun den Aufstand, indem sie einen Boykott der Pflicht zu den Deutschklassen oder eine Umgehung der beschlossenen Neuerung überlegen. 

Damit die Kinder dem Regelunterricht folgen können, sind ab acht Kindern einer Schulstufe verpflichtende Deutschförderklassen einzurichten. Dort sollen verpflichtend in 15 (Volksschule) bzw. 20 (Neue Mittelschule bzw. AHS‐Unterstufe) Wochenstunden die Deutschkenntnisse verbessert werden. In ehemaligen Nebenfächern wie Zeichnen, Musik und Turnen sollen sie gleichzeitig in die Regelklassen integriert werden. Am Ende jeden Semesters entscheidet ein Test, ob die Kinder die deutsche Sprache ausreichend beherrschen, um den Regelunterricht folgen zu können.

SPÖ Wien: Deutschklassen „widersinnig und undurchführbar”

Die von Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) angestoßene Reform stößt allerdings nicht nur auf Gegenliebe. Die Wiener SPÖ etwa bezeichnete den Gesetzesentwurf bereits im Vorfeld als „widersinnig und undurchführbar”. Für den roten Gemeinderat Vettermann begünstigt diese überhaupt eine „Ghettobildung im Kindesalter” – Die Tagesstimme berichtete. Die beiden Regierungsparteien ÖVP und FPÖ erwarten sich hingegen eine raschere Integration der Kinder. Kürzlich passierte das Gesetz mit dem Bundesrat auch die letzte Hürde.

Auch Direktoren befürchten Ghettobildung

Wie die OÖN berichten, wollen sich einige Wiener Direktoren aber der Umsetzung entziehen. Sie argumentieren unter Anderem mit nicht vorhandenen räumlichen und personellen Ressourcen. Außerdem befürchten sie aufgrund der hohen Anzahl von Kindern mit Migrationshintergrund die Einrichtung gleich mehrerer Förderklassen pro Schulstufe. Dies könne außerdem dazu führen, dass einheimische Familien sich eine Schule weiter am Stadtrand suchten. Damit, so der Direktor einer Volksschule in Wien‐Favoriten, drohe seine Schule zu einer „Ghettoschule” zu werden.

Später müssten die Klassen dann neu zusammengemischt werden, da andernfalls nur mehr acht bis zehn Kinder in einer Klasse verblieben. Herbe Kritik äußerte auch die Direktorin der NMS Schopenhauerstraße in Wien‐Währing, Erika Tiefenbacher. Die laut News „streitbare Frau” war in den vergangenen Jahren häufiger wortführend in der Bildungsdebatte in der Bundeshauptstadt. An ihrer Schule gab es außerdem Pilotversuche mit trilingual deutsch‐türkisch‐serbokroatischem Unterricht sowie mit reinen Flüchtlingsklassen. Die Kinder aus Letzteren, so Tiefenbacher, würden heute über schlechtere Deutschkenntnisse verfügen als jene in Regelklassen.

VP‐Nehammer: „Brauchen keine linken Ideologen, sondern Pädagogen”

Kein Verständnis für allfällige Boykottaufrufe hat indes VP‐Generalsekretär Karl Nehammer. In einer Aussendung betont er, dass gute Deutschkenntnisse in Österreich einen „Schlüssel zur Integration” darstelle. Wer Kindern mit Sprachdefiziten die neuen Förderklassen verwehre, nehme ihnen „alle Chancen” für die Zukunft. Man bräuchte an den Schulen Pädagogen, welche sich um die Zukunft der Kinder kümmerten und „keine linken Ideologen.”

Er nahm deshalb den Wiener Bildungsstadrat Czernohorszky (SPÖ) in die Pflicht. Dieser sei nun angehalten, die „sehr wichtige Maßnahme” der Bundesregierung zur Integration umzusetzen. Da Österreich ein Rechtsstaat sei, habe man sich auch dann an Gesetze zu halten, wenn sie „der eigenen Ideologie” widersprächen. Es könne nicht sein, dass sich Lehrer gezielt gegen eine gesetzliche Regelung sträuben würden. Damit knüpfte Nehammer auch an seine Aussagen im April, wonach ein „Mindestmaß an Deutschkenntnissen” eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Bildungslaufbahn sei.

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