Interview Meinung

Was Rechte bei Karl Marx entdecken können – Interview mit Benedikt Kaiser (II)

Bild: Benedikt Kaiser

Im ersten Teil des Interviews gab der Politikwissenschaftler Benedikt Kaiser seine Einschätzung zur neuen linken Sammlungsbewegung „Aufstehen” ab und was sie für die AfD bedeutet. Außerdem befragten wir ihn nach Grundsätzen einer „sozialen Rechten” (Ersten Teil lesen). Im zweiten Teil geht es um das Konzept der „Querfront”, warum sie für eine Neue Rechte nicht erstrebenswert sei und inwiefern Karl Marx wieder aktuell wird:

Die Tagesstimme: Eine soziale „Neue Rechte” soll sich auch linker Ideen öffnen. Dennoch verwerfen Sie die Idee einer Querfront zwischen Linken und Rechten. Können Sie unseren Lesern kurz erläutern, warum Sie das so sehen?

Kaiser: Nun, genau darüber schrieb ich 2017 das Büchlein Querfront. Ich versuche es, für Ihre Leser, die das Buch vielleicht nicht kennen, zusammenzufassen:

Es gab in der europäischen Geschichte immer wieder Momente, in denen es ratsam war, dass unterschiedlichste Akteure kooperieren. Ich führe einige Beispiele im Buch an und ordne sie entsprechend historisch und politisch ein. Bei uns heute jedoch ist es die Linke in all ihren Schattierungen gar nicht (mehr) wert, sich um sie zu bemühen. Weder weltanschaulich noch strategisch. Das schließt natürlich nicht aus, dass dort auch ehrliche Idealisten mit vernünftigen Standpunkten am Werke sind, aber diese sollten und werden dann eben den Weg zu „uns“ finden – oder sie bleiben isolierte Leuchttürme innerhalb linker Parallelwelten – man denke nur an Sahra Wagenknecht.

Wir brauchen einen Neubeginn”

Eine Querfront ist nicht möglich, nicht nötig, nicht erstrebenswert. Ich versuche in meinem Buch aufzuzeigen, dass stattdessen etwas ganz anderes wichtiger ist: eine Neujustierung und weitgehende Profilschärfung neurechter, konservativ‐kämpferischer politischer Theorie. Letztendlich umfasst dieser Aufruf zu einer weltanschaulichen Erneuerung mehr als „nur“ die Besetzung des sozialen Feldes, das die Linke längst begonnen hat, zu räumen.

Wir brauchen einen Neubeginn, eine „Neue Rechte“, die sich gegen libertäre Marktgläubigkeit und konservativ‐sozialdarwinistische Kapitalismusaffirmation stellt; eine Neue Rechte, die sich geopolitisch für eine „Pluralisierung der Hegemonien“ (Chantal Mouffe), also für die Vielfalt der Völker und Staaten positioniert; eine Neue Rechte, die europäisch denkt und mehr als nur einen populistischen Anti‐Brüssel‐Block formieren möchte, die die Idee des einigen Europas neu und innovativ, aber rückgebunden an Tradition und Herkunft betrachtet; eine Neue Rechte schließlich, die in der Lage ist, die größeren Zusammenhänge beim sogenannten „Großen Austausch” und der aktuellen Lage des Finanzmarktkapitalismus zu analysieren und Gegenentwürfe zu entwickeln usw. usf. – eine solche Rechte hätte es doch gar nicht nötig, auf der linken Seite nach Partnern zu suchen. Sie genügte sich selbst und verkörperte aus eigener Kraft und eigenem Ideenreichtum eine intellektuelle Alternative. Das ist unser Ziel.

Die Tagesstimme: Sie sind auch Mitautor des neuerschienen Buches Marx von rechts. Weshalb ist Karl Marx Ihrer Ansicht auch im 21. Jahrhundert noch aktuell?

Kaiser: Das lässt sich eigentlich nicht so kurz beantworten: Das Buch an sich ist ja geschrieben worden, um ebendiese Frage zu beantworten! Grundsätzlich gilt es eben, einige Dinge geradezurücken. Dazu zählt die Gewissheit, dass Kapitalismuskritik eine rechte Tradition ist, die in den 1970er, 1980er Jahren mit Reagan und Thatcher und dem neoliberalen Wandel der Rechten verloren ging. Das ist die eine Seite, weshalb wir im Buch eine Geschichte rechter Kapitalismuskritik ab 1871 vorlegen, um zu zeigen, aus welchem Fundus man schöpfen kann.

Marx neu entdecken

Eine andere Seite ist, dass Karl Marx für uns nicht als Theoretiker des Untergangs des Kapitalismus, nicht als Determinist, nicht als kommunistischer Agitator interessant ist, sondern als nahezu zeitloser Analyst der kapitalistischen Produktionsweise, der sozialen Beziehungen, der Globalisierung, der Entfremdung usw. Wir klopfen einige Begriffe ab, die heute erst, im Jahr des 200. Geburtstags von Marx, wirklich aktuell werden. Dazu zählt die „Industrielle Reservearmee“ ebenso wie globale Vereinheitlichungstendenzen und die geballte Macht des Kapitals als Motor der Weltgeschichte.

Es gibt, so meinen wir, im unvollendet gebliebenen Werk von Marx viel zu entdecken, das darauf wartet, für das 21. Jahrhundert und seine Herausforderungen von rechts nutzbar gemacht zu werden. Diese Lust an der Entdeckung sollte bedeuten, wie Lothar Fritze korrekt zusammenfasst, „den rationalen Kern vieler seiner Analysen von ihrer zeitbedingten Schale zu trennen; sie von geschichtsdeterministischen Verirrungen, propagandistischen Verunreinigungen und utopistischen Illusionen zu befreien, um sie auf jeweils das Stück von Wahrheit zu reduzieren, von dem nach wie vor eine intellektuelle Anziehungskraft ausgeht“.

Grenzen im Denken überschreiten

Darum geht es in diesem Buch, und wer Lust daran finden kann, Grenzen im Denken zu überschreiten, etwas Neues kennenzulernen, sich nicht von Denkblockaden abhalten zu lassen – für den wird dieses Buch ein Gewinn sein. Auch radikale Marx‐Gegner werden viele interessante Ansätze finden und in die Diskussion einsteigen können.

Nicht zuletzt wollen wir einen Mythos vieler Rechtsliberaler und Rechtskonservativer von heute zertrümmern: Den Mythos des Zusammenhangs zwischen Konservatismus und Kapitalismus. Wir – im Buch sind das Alain de Benoist, Philip Stein, Diego Fusaro und ich – wollen, dass die Rechte sich wieder daran erinnert, dass ein wahrhafter Konservatismus sich zum „Marktfundamentalismus wie Wasser zu Feuer verhält” (W. F. Haug) – ist es doch letztendlich das neoliberale Denken des Mainstreams, das ehedem konservative Fixpunkte wie Staat, Familie und Nation auflöst und neue Fixpunkte schafft: die „marktkonforme Demokratie“ ist das neue Leitbild im Kleinen, der Umbau einer vielgestaltigen Welt zum globalen Market Place durch die von Marx abschätzig eingestuften „Freihandelsdoktoren” und „Quacksalber“ ist das neue Leitbild im Großen.

Ob man Marx lesen möchte oder nicht: Unser Buch soll Diskussionsanstöße liefern, und jeder ist eingeladen, in diese Debatte einzusteigen. Das Buch aber pauschal abzulehnen, wie es einige Altkonservative tun, weil man „sowas wie Marx nicht liest“, zeigt nur, dass die Rechte im Jahr 2018 leider viele Denkmuster linker Kreise verinnerlicht hat, namentlich die Engstirnigkeit. Ausgerechnet linke Ansätze also, die zu überwinden sind. Die positiven Seiten, und die gibt es, werden da ignoriert. Wir schaffen hier Abhilfe.


Zur Person:

Benedikt Kaiser ist Jahrgang 1987 und studierte in Chemnitz Politikwissenschaft mit europaspezifischer Ausrichtung (M. A.). Sein Forschungsschwerpunkt gilt den Faschismus‐ und Totalitarismus‐Studien, der geopolitischen Lage in der Levante sowie dem Themenkomplex der »sozialen Frage«.

Seit 2013 schreibt Kaiser für Sezession im Netz. Außerdem publiziert er regelmäßig in der österreichischen Quartalsschrift Neue Ordnung, unregelmäßig außerdem für Compact, éléments (Paris) und Tekos (Mechelen/Belgien). Er arbeitet als Verlagslektor.

Bisher Buchveröffentlichungen:

  • Marx von rechts (= Jungeuropa Theorie, Bd. 2), Dresden 2018 (zusammen mit Alain de Benoist und Diego Fusaro)
  • Querfront (= reihe kaplaken, Bd. 49), Schnellroda 2017
  • Phänomen Inselfaschismus. Blackshirts, Blueshirts und weitere autoritäre Bewegungen in Großbritannien und Irland 1918–1945, Kiel 2013 (zusammen mit Eric Fröhlich)
  • Eurofaschismus und bürgerliche Dekadenz. Europakonzeption und Gesellschaftskritik bei Pierre Drieu la Rochelle, Kiel 2011

1 Kommentar

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  • Beginne gerade >Marx von Rechts< zu lesen mit Hoffnung auf Erkenntnisgewinn in meiner politischen Vereinsamung zwischen einer Linken, die schon lange nicht (mehr) meine Heimat ist und einer Rechten, die das verlassene soziale Feld bislang gerade so als Randthema widerwillig(?) wahr nimmt, obwohl ich mir als Arbeiter meiner historischen Rolle als lobbyloses „Tubenfleisch” durchaus bewusst bin.

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