Gesellschaft

Sozialforscher Miegel: „Der Weiße wird verdrängt”

Symbolbild: Meinhard Miegel (rechts) bei einer Podiumsdisskusion der Heinrich-Böll-Stiftung; daneben Anton Hofreiter (B'90/Grüne, links) und Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld (mitte) / Bild von Heinrich-Böll-Stifung / Flickr / CC BY-SA 2.0

In einem Gespräch mit dem Politmagazin Cicero äußerte sich der bekannte Sozialforscher Meinhard Miegel bereits vor geraumer Zeit kritisch gegenüber dem Bevölkerungswandel in Europa. Miegel ist auch an anderen Stellen durch seine kritische‐nüchterne Haltung aufgefallen.

München/Bonn. Die Feststellung Miegels ist, dass „europäischstämmige Menschen auf längere Sicht zur Minderheit” werden. Grund dafür ist der Rückgang der Geburtenrate und der Mangel an Kindern. Die Gründung einer Familie sei längst nicht mehr notwendig, um dem Leben einen Sinn zu geben. Dieses menschlichen Grundbedürfnis würde durch viele andere Lebensentwürfe abgelöst. Der Artikel stammt bereits aus dem Jahr 2006 – gewinnt nun aber wieder an Aktualität.

Europäische Vorherrschaft als Ursache

Miegel stellt die demographische Entwicklung in den Zusammenhang mit der jahrhundertelang dominierenden Stellung, die die Europäer in der Welt innegehabt haben. Diese „physisch, zivilisatorisch und kulturelle” Vorherrschaft habe als eine Art Verbrennungsprozess fungiert, der nun an ein Ende gekommen sei. Man solle jedoch nicht allein die negative Seite dieser Entwicklung sehen, sondern den Rückzug der hegemonialen Stellung der Europäer als „Ruhepause” nutzen, so Miegel.

Autochthone Europäer als globale Minderheit

So oder so werden „der weiße Mann und die weiße Frau werden weltweit zu einer immer kleineren Minderheit”. Schätzungen zur Folge werden im Jahr 2050 die autochthonen Europäer nur noch sieben Prozent der Erdbevölkerung ausmachen. Im Jahr 1900 waren es hingegen noch ein Drittel. Miegel warnt zugleich jedoch vor einem Katastrophenszenario.

Wir befänden uns zwar in einem drastischen Veränderungsprozess, so Miegel, doch sollten wir die Chance zur Gestaltung nutzen. Der Sozialwissenschaftler sieht dabei ferner den Konflikt der Zukunft nicht auf einer religiösen Ebene, sondern auf einer ökonomischen stattfinden. Daher werde sich dieser Konflikt auch eher entlang der großen Wirtschaftsräume wie China oder Indien abzeichnen.

Differenzierte Position zu Einwanderung

Interessant ist in diesem Zusammenhang, wie Miegel zehn Jahre nach seinem Cicero-Interview mit der Migrationskrise ab 2015 umging. Zwar lobte er die Grenzöffnung durch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ursprünglich – allerdings unter einem Vorbehalt. Er gab sich nämlich gleichzeitig zuversichtlich, dass es möglich sei, etwa eine Hälfte der Eingewanderten wieder abzuschieben.

Gleichzeitig prognostizierte er damals, dass migrationswillige Menschen in den Herkunftsländern bald einsehen würden, dass die Aussichten auf ein Bleiberecht in Europa gering seien. Deshalb würden diese früher oder später von diesem Vorhaben absehen. Diese Einschätzung ist von zentraler Bedeutung für die Standpunktfindung einer europäischen Grenz‐ beziehungsweise Einwanderungspolitik.

Miegels sachliche Analyse besticht

Gerade vor diesem Hintergrund zeigt sich Miegels einstige Warnung als wertvolle nüchterne Stimme, welche auf das demographische Problem Europas hinweist. Dabei verfällt er bei diesem Thema ebensowenig in politische Trotzhaltungen wie bei ökonomischen Komplexen, an denen er sich bevorzugt abarbeitet.

Miegels wohl populärsten Bücher sind „Exit: Wohlstand ohne Wachstum” (2010) und „Hybris: Die überforderte Gesellschaft” (2014). Beide beschäftigen sich kritisch mit den Begleiterscheinungen einer auf immer größere Daseinsentwürfe ausgelegten Welt.

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