Gesellschaft Meinung

Gauland‐Debatte: Linke Kommentatoren kämpfen um Deutungshoheit

Bild (Gauland 2014): blu-news.org via Wikimedia Commons [CC BY-SA 2.0] (Bild zugeschnitten)

Am Samstag erschien ein Gastbeitrag des AfD‐Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Seitdem bleibt in einigen Konkurrenzmedien kein Stein auf dem anderen. Dabei ist keine fragwürdige Argumentation und kein plumper Vergleich zu schade. Der Grundtenor: Was nicht sein darf, kann nicht sein.

Kommentar von Julian Schernthaner

Der durchaus ausgewogene Kommentar des langjährigen CDU‐Mannes beschäftigte sich mit dem Populismusbegriff und der Frage, weshalb es populistische Parteien brauche, um die Sorgen der einfachen Leute zu verstehen und bedienen. Er kritisierte darin eine globalisierte Klasse, welche in allen Institutionen sitze und traf auch sonst den Zahn der Zeit. Pointiert und angriffig, aber nicht aggressiv – und beinahe ein wenig staatsmännisch. So weit, so gut. Was folgte, war eine Realsatire im linksliberalen Blätterwald.

taz: Zweierlei Maß bei Politiker‐Gastbeiträgen

Die erste Empörung in einem linksgerichteten Blatt kam – wie könnte es anders sein – von der Berliner taz. Sophie Spelsberg echauffierte sich lauthals darüber, dass man einem „Nationalisten” und „Rassisten” das Wort überlasse. Und das auch noch unkommentiert. Ganz besonders schlimm: dass dieser als Politiker die Möglichkeit habe, seine Meinung „ungefiltert in die Welt zu blasen”. Zeitungen seien kein geeigneter Ort dafür, die FAZ habe damit „eine der wichtigsten journalistischen Pflichten verraten”.

Natürlich „vergisst” Sophie Spelsberg mal eben, dass sie ihre Kolumne für ein Blatt schrieb, das selbst eine rege Vergangenheit mit Gastbeiträgen namhafter Politiker hat. Die Linken‐Chefin Katja Kipping etwa schrieb in den vergangenen Jahren gleich mehrfach Gastbeiträge für die taz. Aber auf der linken Seite ist das ja kein Problem, da nennt man das „Haltung”. Da ist dann auch nicht wichtig, dass es sich bei Kipping tatsächlich um eine Berufspolitikerin wie aus dem Bilderbuch handelt, während Gauland selbst einst Herausgeber eines regionalen Leitmediums war.

Tagesspiegel: Durchschaubares Hitler‐Argument

Den größten Vogel schoss dann allerdings der eigentlich traditionell mittige Berliner Tagesspiegel ab, indem der Historiker Wolfgang Benz in einem Gastkommentar Gauland – immerhin früher Kolumnist derselben Tageszeitung (!) – eine Diktion im Stile Adolf Hitlers nahelegte. Ähnlich drastisch und gefeiert durfte sich auch ein gewisser Michael Wolfssohn äußern. Übrigens derselbe Wolfssohn, der noch kürzlich selbst weithin als Buhmann galt, weil er als Jude das Recht anderer Juden verteidigte, sich in der AfD zu engagieren. Für das ultimative Argument der linken Debattenkunst, das argumentum ad Hitlerum, durfte er dann aber wieder herhalten.

Dieses Argument an sich wäre bereits problematisch genug, da es sich der simplen Prämisse bedient, dass etwas automatisch schlecht sein muss, weil es ein gescheiterter Maler aus Braunau einst tat, verfocht oder mochte. Neoklassische Architektur? Böse. Werbeplakate mit blonden Kindern? Noch böser. Eiernockerl mit grünem Salat? Ganz böse. Vegetarismus, Abstinenz vom Alkohol, Sommerfrische in den Bergen – immerhin nur theoretisch böse. Im politischen Kontext ist es aber linken Kommentatoren billig, damit ihr Narrativ zu bedienen, dass jeder Konservatismus und Faschismus lediglich Spielarten voneinander wären. Zwischen Marxismus und Marxismus‐Leninismus wiederum möge man aber strikt trennen.

Die gute, alte Deutungshoheit

Ganz besonders wird das proverbiale Schachspiel mit einer Taube allerdings offensichtlich, wenn man feststellt, woran sich Gauland tatsächlich orientierte. Denn die Passagen, in denen er über die globale Klasse spricht, erinnern stark an einen Gastbeitrag eines gewissen Michael Seemann. Teilweise übernimmt Gauland ganze Sätze des Artikels aus dem Jahr 2016 beinahe im Wortlaut. Dreimal dürfen Sie, werter Leser, nun raten, in welchem Medium dieser erschien. Richtig: Im Tagesspiegel. Also irgendwo ein klassisches Eigentor, und zwar direkt unters Lattenkreuz.

Interessant dabei: der Artikel Seemanns dreht sich um die politische Hegemonie in Deutschland – und um eine Analyse patriotischer Gegenbewegungen. Dessen Anriss beginnt mit den Worten: „Das Bürgertum hat die Deutungshoheit verloren. Eine neue, die globale Klasse hat die Herrschaft übernommen. Sie kontrolliert den Diskurs und die Moral.” Und genau darum geht es bei der Debatte um den FAZ‐Beitrag Gaulands eigentlich. Nicht um den Inhalt, nicht um Politikerkommentare an sich. Es geht rein darum, die mühsam errungene Deutungshoheit zu erhalten und Konservative von deren Rückgewinnung abzuhalten.

1 Kommentar

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  • Es gibt echte Nazi Wortschöpfungen, die heute wirklich kein Mensch mehr gebrauchen dürfte.

    Die eine: Volkswagen ! Bitte das Wort langsam auf der Zunge zergehen lassen. Ein Wagen für das Volk sollte geschaffen werden, den sich auch Arbeiter leisten konnten. Nun ja, das hat inzwischen ganz gut geklappt – von den bekannten Mauscheleien und Betrügereien mal abgesehen. Aber dafür kann der „Führer” ja nicht.

    Das zweite Wort ist noch wesentlich schlimmer: Wolfsburg ! Burg der Wölfe. oder was soll der Name ausdrücken? An Werwölfe dachte damals sicher noch keiner der herrschenden Nazi Clique. Aber alleine „Wolf”. Hitlers Lieblingsbezeichnung für sich selber‐ einfach schrecklich. Er nannte sich im privaten Umfeld – auch im Briefverkehr mit seiner Schwester in Wien – Wolf. Überbringer war – zumindest in einigen Fällen – sein Bewacher SS Mann Misch.

    Und sein Quartier? Richtig, das war die Wolfsschanze. Also die Schanze für ihn, den Wolf und seinen Mitwölfe. Echt gruselig, oder?

    Autobahn” ist dagegen noch eines der eher harmlosen Wörter aus dem NS Wortschatz. Bekanntlich haben die Nazis sich ja unter anderem auch an der deutschen Sprache vergriffen. Nun ja, das soll auch später noch vorgekommen sein.

    Aber wie man die Stadt Wolfsburg so mit dem von einem Massenmörder gegebenen Namen existieren lässt, wo sich weitaus harmlosere Bezeichnungen, je nach Momentum und wie es gerade so passt, sich schon längst auf dem Index gelehrter Professoren gegen Rechtsextremismus befinden, das konnte mir noch keiner dieser angeblich Weisen erklären. Natürlich kann es aber auch darin begründet sein, dass unter diesen Herrschaften weniger die Bildung, als viel mehr die Einbildung zu finden ist.

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