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Six und Zirngast: Pressefreiheit darf keine Gesinnungsfrage sein!

Bild El Helicoide: Damián Fossi via Flickr [CC BY-SA 2.0] (Bild zugeschnitten) / Bild Six: Mariab35 via Wikimedia Commons [CC BY-SA 4.0] (Bildausschnitt/umrandet) / Collage: Die Tagesstimme.

Am Heiligabend kam es nach einigem Hickhack zur von vielen Akteuren geforderten Enthaftung des linksradikalen Journalisten Max Zirngast in der Türkei. Denselben musste der patriotische Reporter Billy Six weiterhin in einem venezolanischen Geheimdienstgefängnis verbringen. Beim Aufschrei halten sich hier jedoch viele vornehm zurück.

Kommentar von Julian Schernthaner.

Es war ein kleines Weihnachtswunder: Der Journalist und linke Aktivist Max Zirngast, der seit September in einem türkischen Gefängnis darben musste, ist seit Heiligabend frei. Sein Schicksal berührte in den vergangenen Wochen unzählige Menschen – unabhängig davon, ob sie seine Grundhaltung teilen. Zwar muss er bis zu seinem Prozessauftakt in der Türkei bleiben – aber wenigstens ist seine Haft vorüber. Und zurecht solidarisierten sich hier weltweit Menschen mit dem Reporter, dessen angebliches Verbrechen es wohl war, der Regierung dem Despoten Erdogan kritisch gegenüber zu stehen.

Kaum Berichterstattung über Six’ Festsetzung

Allerdings entlarvt der Fall auch eine zutiefst sonderbare Dynamik im Blätterwald. Zirngast und sein Kampf ums freie Wort war die vergangenen Wochen so etwas wie das Marienbild des Haltungsjournalismus. Weit über politische und sprachliche Grenzen hinaus solidarisierten sich Journalisten mit dem linksradikalen Berufskollegen. Ein türkischstämmiger Zeit-Kolumnist brachte seine Kolumne samt Forderung nach einer Freilassung sogar in zwei Sprachen heraus. Die Washington Post druckte in der Zwischenzeit überhaupt eine Analyse des Erdogan‐Regimes aus Zirngasts Feder.

Und zum Fall des im sozialistischen Krisenstaat Venezuela festsitzenden Billy Six, einem Reporter der konservativen Jungen Freiheit? Wochenlang nichts, weiterhin wenig. Nach Aussage seines Chefredakteurs wurde sogar die Hilfsorganisation Reporter ohne Grenzen erst nach mehrwöchigem Hinweis des Arbeitgebers tätig. Erste etablierte Medien reagierten daraufhin – allerdings sehr verhalten. Viele berichten weiterhin nicht. Wenn doch, verstecken sie den eigentlich so wichtigen Artikel wie beispielsweise die Welt mitunter hinter einer Paywall.

Unterschiedliche Reaktion der Außenminister

Noch viel schwerer als die zaghafte Berichterstattung wiegt aber die unterschiedliche Behandlung durch die hohe Politik. Am eklatantesten zeigt sich hier das unterschiedliche Maß bei der Reaktion der jeweiligen Außenressortchefs des Heimatlandes. Hüben findet sich eine österreichische Außenministerin auf blauem Ticket. Von Anfang an setzt sie sich jenseits weltanschaulicher Grenzen für eine Freilassung von Zirngast ein. Zu jedem Zeitpunkt sichert sie ihm öffentlich jede Form der Unterstützung zu.

Drüben steht die schwache Reaktion des deutschen Auswärtigen Amts. Nach sechs Wochen schaffte es bislang weder Außenminister Heiko Maas (SPD) noch ein anderer Vertreter seines Ressorts, sich öffentlich zu positionieren. Teilweise bleiben sogar Anfragen namhafter Zeitungen unbeantwortet. Vorige Woche beklagte der Vater des Journalisten hinter Gittern die unzureichende Betreuung des Außenamts. Die qualitative Zusicherung selbiger bleibt abseits kleinster Lippenbekenntnisse aber weiterhin Fehlanzeige.

Einseitige Solidarität durch Ideologie?

Dass Politik und Medien hier um die Wette schweigen, verwundert kaum, legt aber doch einen völligen moralischen Schiefstand frei. Dieser ist dem geneigten Leser bereits seit der Mucksmäuschenstille etablierter Medien um die widerrechtliche Festsetzung des patriotischen Journalisten Tommy Robinson in England bekannt. Denn für eine abgehobene, linke Clique richtet sich Repression kategorisch nur gegen die eigenen Leute. Bei Personen, die in ihren Augen ohnehin keine Daseinsberechtigung genießen, ist sie ihnen offenbar völlig herzlich egal. Freiheit ist ihnen nicht die Freiheit der Andersdenkenden.

Dass wenigstens das Auswärtige Amt anders kann, zeigte Maas’ Vorgänger und Parteifreund Sigmar Gabriel. Dieser erklärte den streitbaren türkischstämmigen Journalisten Deniz Yücel einst zum „deutschen Patrioten”. Für dessen Freilassung scheute man keine Mühen. Und der davor amtierende Guido Westerwelle (FDP) zeigte dies sogar schon bei Billy Six. Der geriet nämlich schon vor sechs Jahren im Bürgerkriegsland Syrien in Gefangenschaft. Gemeinsam mit Russland setzte man sich damals für dessen Enthaftung ein. Man kann also – wenn man will. Ob Maas mit seiner Schweigsamkeit also bloß die sozialistischen Gesinnungsfreunde in Lateinamerika nicht brüskieren möchte?

Yücel: „Freiheit des Wortes ist unteilbar”

Apropos Yücel: Dieser gehört zu den ganz wenigen löblichen Ausnahmen im deutschen Journalismus, welche sich öffentlich für eine Freilassung von Six aussprechen. Er weiß immerhin, was es bedeutet, aus fadenscheinigen Gründen in einem autoritär regierten, fremden Land festgehalten zu werden. Und will vermutlich auch nicht, dass man einem Berufskollegen, mit dem er sich außer der Branche eigentlich wenig teilt, ähnliches zufügt.

Pressefreiheit muss für alle gelten

Chapeau, genau so und nicht anders sollte es sein! Denn wer auf der einen Seite allumfassende Pressefreiheit einfordert, muss sie auch auf der anderen Seite bewahren wollen. Wer ungehinderte Arbeit von Journalisten befördern möchte, muss dies auch für jene bejahen, deren Erhebungen dem eigenen Narrativ entgegen stehen.

Pressefreiheit ist ein eine wichtige Säule der demokratischen Willensbildung. Ein hohes Gut, um das frühere Generationen blutig kämpfen mussten. Sie aufgrund (meta-)politischer Grabenkämpfe am Altar der Deutungshoheit zu opfern, wäre ein kurzsichtiger Todesstoß für unsere Demokratie insgesamt.


Weiterlesen:

Weihnachten im Gefängnis: Patriotischer Journalist in Venezuela inhaftiert (24.12.2018)

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  • Für die allermeisten Linken gelten Freiheit und Recht nur, solange sie die eigene Richtung betreffen. Politisch Andersdenkende mögen sehen wie sie selber klar kommen. Sofern ihnen nicht auch noch zusätzlich Schläge verabreicht werden.

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