Gesellschaft

Bottrop/Essen: Haftbefehl nach Amokfahrt in der Silvesternacht

Symbolbild: Christoph Scholz via Flickr [CC BY-SA 2.0] (Bild zugeschnitten)

In den nordrhein‐westfälischen Städten Bottrop und Essen kam es in der Silvesternacht zu einer Aneinanderreihung folgenschwerer Vorfälle. Ein offenbar psychisch kranker Mann fuhr mit einem Auto mehrfach in Menschenmengen. 

Bottrop/Essen.Medienberichten zufolge fuhr ein 50‐jähriger deutscher Staatsbürger aus Essen kurz nach Mitternacht in mittlerer Geschwindigkeit an vier Tatorten in seiner Heimatstadt sowie in der Nachbarstadt Bottrop auf Personengruppen zu. Auf diese Art und Weise wurden insgesamt acht Personen aller Altersgruppen verletzt, darunter insbesondere Personen mit Migrationshintergrund. Die Debatte um die Einordnung der schrecklichen Tat dominiert derzeit noch die Aufarbeitung. Gegen den tatverdächtigen Essener wurde inzwischen ein Haftbefehl verhängt.

Psychisch kranker Tatverdächtiger

Für Aufregung sorgte am Neujahrstag dabei zunächst das mutmaßliche Motiv des Tatverdächtigen. Wie der Innenminister des Bundeslandes, Herbert Reul (CDU) darstellte, hätte sich der Mann nämlich bereits bei seiner Festnahme fremdenfeindlich geäußert. Gleichzeitig scheint derzeit als gesichert, dass es sich bei dem Mann um einen psychisch labilen Einzeltäter handelt. Er war offenbar in der Vergangenheit wegen einer schizophrenen Erkrankung in fachärztlicher Behandlung.

Demgegenüber war der mutmaßliche Attentäter bislang weder aus polizeilichen noch staatspolizeilichen Gründen auf dem Radar der Behörden. Für eine allfällige Vernetzung in ein politisches Lager sprechen derzeit keine belastbaren Indizien. Dennoch werten die Behörden den Vorfall demnach als „gezielten Anschlag” sowie als terroristische Straftat. Ihrer Ansicht nach sei der Täter „vergleichbar mit radikalisierten Islamisten die auf eigene Faust handeln”.

Politik will „Kampf gegen rechte Gewalt”

Auch die Reaktionen der Lokalpolitik waren voll drastischer Rhetorik und großer Vorkehrungen. So instrumentalisierte der Ministerpräsident des Landes Nordrhein‐Westfalen, Armin Laschet (CDU) den schrecklichen Vorfall für eine politische Ansage. Er forderte ein Zusammenstehen „gegen rechte Gewalt” und kündigte einen „Kampf gegen den Hass auf andere Menschen” an. Der Bottroper SPD‐Bürgermeister Bernd Tischler blies die geplante 100‐Jahr‐Feier der Stadt kurzerhand ab.

Andere linksgerichtete Parteien waren in ihrer Einordnung sogar noch etwas schärfer. Die innenpolitische Sprecherin der Grünen‐Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, forderte Erhebungen, ob sich der Tatverdächtige nicht doch „in rechtsextremen Kreisen” bewegt hätte. Der Bundesvorsitzende der Linkspartei, Bernd Riexinger, schob die Tat in einem Beitrag auf Facebook sogar auf eine vermeintliche Anheizung der politischen Stimmung durch „geistige Brandstifter von der AfD bis zum Innenminister Seehofer”.

Patriotisches Portal gegen Instrumentalisierung

Patriotische Akteure und Medienmacher verurteilten unterdessen die einseitige Instrumentalisierung der Tat. Ein Journalist des Online‐Portals PI‐News moniert etwa, dass deutsche Täter „umgehend gnadenlos an den Pranger” kämen. Gleichzeitig würden migrantische Täterschaften „möglichst lange hinsichtlich Herkunft, Alter, islamische Religion, Motiv, Tathergang verschleiert und medial verschleppt”.

Dass dies bei der „ebenso verabscheuungswürdigen wie idiotischen Amokfahrt” in Bottrop erneut geschehe, zeige die „unterschiedlichen Maßstäbe”, mit welchen Politik und Behörden arbeiten würden. „Zweifellos” gehöre diese Tat „auf das Schärfste verurteilt”. Ebenso „abstoßend” sei allerdings, dass er Fall „ausgerechnet von denen” instrumentalisiert würden, welche Kritik an derartigen Taten von Personen mit Migrationshintergund als „rechte Instrumentalisierung” abtäten.

Sellner: „Grauenhafte Tat kein Terroranschlag”

In dieselbe Richtung stieß auch der patriotische Vlogger Martin Sellner. Der Leiter der österreichischen Identitären führte in einem Video etwa die kontrastreiche Reaktion auf eine gewalttätige Hetzjagd durch Asylwerber auf Deutsche im bayerischen Amberg vor wenigen Tagen ins Feld. Damals wären Verantwortliche schnell gewesen, keinen „Generalverdacht” gegen Asylsuchende aufkommen zu lassen. Auch wertet er die „grauenhafte Tat” nicht als Terroranschlag, sondern als Amoklauf. Experten zufolge sei ein Amoklauf nämlich eine „blindwütige Reaktion, mit oder ohne Todesopfer”, Täter hätten dabei zumeist ein unauffälliges Vorleben.

Demgegenüber wäre ein Terroranschlag „politisch motiviert, präzise und systematisch geplant”. Die Gewalt sei dort ein „Mittel zum Zweck”, um eine Veränderung herbeizuführen. Obwohl es sich somit eindeutig um eine Amokfahrt handle, würden zahlreiche Zeitschriften „triumphierend” über einen Terroranschlag schreiben. Er verwies auf auf die konsequente mediale Behandlung eines ähnlichen Falles in Graz im Jahr 2015 als ‚Amokfahrt’. Damals tötete der gebürtige Bosnier Alen R. mit einem Geländewagen drei Menschen. Gewalt und Terror in aller Form seien jedenfalls „absolut abzulehnen” und „verabscheuungswürdig”.

1 Kommentar

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  • Dieselben Leute, die mit dem Finger auf Bürger zeigen, die gegen islamistischen Terror protestieren, sind nun ganz schnell mit ihren Wortsalven bei der Sache, wenn es gegen angebliche „rechte Gewalt” geht.

    Mir stellt sich viel mehr die Frage, wie ein derart psychisch kranker Mensch noch im Besitz einer Fahrerlaubnis sein kann.

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