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Gesellschaft

Hannover und die Genderdebatte: Frauen, Feuer und gefährliche Ideologie

Julian Schernthaner

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Am Dienstag fällte die Stadt Hannover den folgenschweren Entschluss, seinen Schriftverkehr vollkommen auf genderneutrale Formulierungen umzustellen. Ohne Not leistet die niedersächsische Hauptstadt damit einer in der Forschung wie Bevölkerung ebenso umstrittenen Ideologie heftig Vorschub. 

Kommentar von Julian Schernthaner 

Wenn Ihnen die Überschrift gefällt, werter Leser, dürfen Sie die Lorbeeren für diesen Einfallsreichtum leider nicht vollständig auf mein Haupt setzen. Sie bezieht sich nämlich auf ein einflussreiches Werk des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers George Lakoff. Dieser nahm in Women, Fire and Dangerous Things eine Nominalklasse der aussterbenden australischen Sprache Dyirbal als Ausgangspunkt für seine Hypothese, wonach Kategorien unser kognitives Denken beeinflussen. Was das mit Hannover zu tun hat? Ziemlich viel.

Sprache als Schlachtfeld der Gleichberechtigung

Denn mit diesem Buch reihte sich Lakoff nahtlos in eine dominante Schule in der zeitgenössischen Sprachwissenschaft ein, welche der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese folgt. Diese besagt im Kern, dass die semantische – also die Bedeutung von Zeichen betreffende – Struktur und der Wortschatz unserer Muttersprache unser Denken beeinflusst. Auch die feministische Linguistik, deren Begründung pikanterweise auf dessen Ex-Frau Robin Lakoff zurückgeht, klammert an diesem Strohhalm.

Das genannte Forschungsgebiet ist deshalb auch der Ansicht, dass eine Veränderung der Sprache notwendig ist, um die Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft voranzutreiben. Eine wirkliche Gleichstellung könne nur anhand eines durch die Sprache ausgelösten Bewusstseinswandels überhaupt möglich werden. Aus diesem Grund, so die Annahme, wäre es unumgänglich, Frauen in der Sprache stärker sichtbar zu machen – andernfalls wäre das hypothetische Patriarchat quasi ewig. Dem sogenannten generischen Maskulinum gilt deshalb der Kampf.

Inkonsequenz der konsequenten Verballhornung

Der grammatikalische Reichtum der deutschen Sprache ermöglicht hier sonderbarste Stilblüten. Lateinische Partizipialkonstruktionen bekommen ein deutsches Partizip hinzu. An der Leipziger Uni ist die weibliche Form nötig. In Hannover dürfen keine geschlechtsbezogenen Anreden mehr in den Schriftverkehr. Einzig die Konsequenz fehlt hierbei: Denn, wie die Erfahrung des „Binnen‑I” zeigte: negative Sachverhalte und Beschreibungen bleiben zumeist genuin männlich.

Selten beschweren sich linksradikale Akteure über ‚FaschistInnen’, polizeiliche Presseaussendungen postulieren selten eine ‚Täterin’. Eine Diskussionsrunde über Gewalt an Frauen im österreichischen Fernsehen kam kürzlich überhaupt ohne diese weibliche Form aus. Ohne das Tabuthema häuslicher Gewalt an Männern thematisieren zu müssen, wäre ja anzunehmen, dass Gewalt an Frauen zumindest auch in lesbischen Beziehungen denkbar wäre. Außer natürlich, man betreibt tatsächlich sexistisches Framing.

Patriarchale Kulturen: Oft kein sprachlicher Unterschied

Apropos: Ich bin übrigens kein Bösmensch, dessen Frauenbild sich ein malochendes Heimchen in völliger Knechtschaft erträumt. Frauen sollten prinzipiell dieselben Chancen im Leben genießen wie Männer, selbstbestimmtes weibliches Wirken verdient neidlose Würdigung. Auch gäbe es keine gerechte Sache, welche ohne die Teilnahme engagierter Aktivistinnen noch nachhaltigen Mehrwert hätte. Nur: Weder das Binnen‑I, noch der Genderstern, noch irgendwelche Partizipialkonstrukte haben die soziale Stellung einer einzigen Frau jemals verbessert.

Würde Sprache gottgegeben die Mentalität beeinflussen, müssten iranische Frauen heute kaum gegen den Kopftuchzwang protestieren. Denn die persische Sprache legte jegliches grammatisches Geschlecht bereits vor 2.000 Jahren ab. Auch das Armenische seit Jahrhunderten und das Türkische seit Anbeginn kennen diese Unterscheidung nicht. Dennoch sind beide zugehörigen Kulturen auf ihre eigene Weise patriarchaler als jedes noch so konservative mitteleuropäische Land. Einschließlich Ungarns, dessen Sprache diesen Unterschied übrigens ebenso wenig kennt.

Dogma mit mittelalterlichem Eifer

Wenig verwunderlich trifft das Thema abseits akademischer und politischer Kreise auf breite Ablehnung. Die Menschen stemmen sich verständlicherweise gegen einen erzwungenen Sprachwandel. Dass das liberale, feministische Schweden sich heute unter dem läkaren (‚Arzt’) ebenso gut eine Frau vorstellen kann, ist übrigens keine Folgeerscheinung der im Frühneuschwedischen aufgehobenen grammatikalischen Unterscheidung, sondern eines unabhängigen gesellschaftlichen Wandels. Zumal die Schweden etymologisch ohnehin meist die männliche Form weiterführten.

Und doch ist die Hypothese einer ‚gendergerechten Sprache’ heute so etwas früher das geozentrische Weltbild. Ein Mann der sich dagegen stellt, gilt als Chauvinist. Eine Frau, welche es ablehnt, wird schnell als Erfüllungsgehilfin des nebulösen Unterdrückers diffamiert. Die Hinterfragung dieses modernen Dogmas erntet Blicke, als hätte man soeben die Schwerkraft geleugnet. Wer sich im Mittelalter an Hexenverbrennungen ergötzte, würde heute wohl über ‚Gendersünder’ herfallen wie ein wildes Tier.

Akademischer Wettstreit muss möglich bleiben

Diesen mittelalterlichen Eifer musste ich auch an der Universität feststellen. Der akademische Wettstreit lässt bekanntlich viele Theorien als legitim gelten – und aus diesem Grund besuchte ich während meines linguistischen Studiums eine Vorlesung zu feministischer Linguistik. Schnell war aber klar: In einer Hochschule, der geisteswissenschaftliche Fakultäten einem linken Marsch durch die Institutionen unterworfen waren, ging es nicht um den akademischen Wettstreit. Es ging um die Vermittlung eines Dogmas.

Also mimte ich den Feigling, und verschaffte mir das restliche Semester eine Freistunde. Zu meinem Glück folgte ich noch der alten Studienordnung und entkam somit einer Verpflichtung. Ich entkam somit auch dem Schicksal einiger männlicher Studenten bei einer späteren Gastprofessorin im Fach, welche männliche Referenten aus feministischem Prinzip schlechter benotete. Ähnlich ging es den wenigen Frauen im Kurs, welche diese These kritisch sahen. Bei meiner Diplomarbeit stahl ich mich übrigens durch eine geschickte Formulierung aus der Affäre. Bratpfanne und Staubsauger kenne ich trotzdem nicht ausschließlich vom Anschauen.

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Gesellschaft

Prozess gegen afghanischen Messerstecher von Wullowitz beginnt in Linz

Julian Schernthaner

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Am heutigen Mittwoch beginnt am Landesgericht Linz der mit Spannung erwartete Prozess gegen jenen Afghanen, der vergangenen Herbst im nördlichen Mühlviertel zuerst seinen Asylbetreuer und dann einen Landwirt erstochen haben soll. 

Linz. – Es war ein Fall, der ganz Österreich fassungslos hinterließ. Nach einem Streit wohl über Dienstzeiten bei der gemeinnützigen Tätigkeit, die ihm der Rotkreuz-Mitarbeiter vermittelt hatte, stach der Afghane zu. Anschließlich flüchtete er und attackierte den Bauern Franz G., um dessen Auto als Fluchtfahrzeug zu missbrauchen. Die filmreife Flucht endete schließlich in Linz, nun wird ihm ein Doppelmord vorgeworfen.

Tatverdächtiger gab kürzlich Opfern die Schuld

Erst nach einigen Tagen war Gewissheit: Auch das zweite Opfer überlebte die Horror-Tat nicht. Erst vor zwei Wochen stellte sich dann heraus: Der mutmaßliche Täter Jamal A. (33) zeigt keinerlei Reue. Wie die Heute kürzlich berichtete, finde er es zwar nicht gut, dass zwei Menschen durch ihn sterben mussten.

Gleichzeitig, so seine Ansicht, trügen beide Opfer „selbst Schuld an ihrem Tod”. Weiters, so die Ansicht des strenggläubigen Muslims: „Nur Allah kann über mich richten”. Der Tatverdächtige kam im Jahr 2015 offenbar mit Unterstützung von Schleppern nach Österreich.

Laut Gutachten war Afghane zurechnungsfähig

Der ORF wiederum zitiert den geständigen Mann am heutigen Mittwoch mit der Darstellung, dass Jamal A. die beiden Opfer gar nicht töten, sondern nur erschrecken hätte wollen. So oder so: Obwohl der Mann eine Wahnerkrankung besitzt, stuft ihn ein Gutachten als zum Tatzeitpunkt zurechnungsfähig ein. Egal, ob das Urteil letztendlich auf zweifachen Mord oder auf ein anderes Tötungsdelikt lautet, steht dem Afghanen demnach wohl eine lange Freiheitsstrafe ins Haus.

Für den Mann gilt selbstverständlich bis zu einem rechtskräftigen Urteil die Unschuldsvermutung. Für Stirnrunzeln sorgte in diesem Zusammenhang die Ankündigung der einschlägig bekannten Anwältin Astrid W., Identitären-Leiter Martin Sellner verklagen zu wollen. Dieser hatte wenige Tage nach der bestialischen Tat den mutmaßlichen Täter in einer Gedenkrede als „Mörder” bezeichnet – Die Tagesstimme berichtete.


Weiterlesen:

Wegen Gedenkrede: Anwältin verklagt Identitären-Leiter Sellner (21.10.2019)

Messerattacken in Wullowitz: Nun auch zweites Opfer verstorben (18.10.2019)

Messerattacke in Asylunterkunft: Streit wegen Arbeit als Auslöser (16.10.2019)


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Gesellschaft

Erfurt: Mutmaßlich linksextremer Farbanschlag auf AfD-Wahlkreisbüro

Julian Schernthaner

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Am Wochenende machten sich mutmaßliche Linksextremisten an einem AfD-Büro in der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt zu schaffen. 

Erfurt. – Am Sonntag schmierten unbekannte Täter einschlägige Symbole und politische Parolen auf die Hausfassade und Fensterscheiben. Obwohl es sich dabei um das Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten Stephan Brandner handelt, dürften die Schmierfinken zumindest mit einem Teil der Aufschriften auf AfD-Thüringen-Chef Björn Höcke abzielen.

Nicht einziger Angriff auf AfD-Büro am Wochenende

In roter Sprühfarbe stehen die Parolen „FCK NZS”, „Fickt AfD”, „Volksverdummung Olé” und „Deshalb AfD, Björn, wir haben dir ein Denkmal gebaut”. Damit nehmen die unbekannten Täter wohl auch Bezug auf die Aktion des linksradikalen Zentrum für politische Schönheit, das einst das Berliner Holocaust-Mahnmal in Höckes Nachbargarten nachbauten und dafür auch strafrechtliche Ermittlungen gegen sich hervorrief.

Der Sachschaden wird laut Nordbayerischem Kurier auf etwa 3.000 Euro geschätzt. Im rot-rot-grün regierten Thüringen sind diverse gewaltbereite, linksextreme Gruppen aktiv, immer wieder kommt es zu Angriffen auf Parteibüros der AfD. Deren Einrichtungen sind bundesweit häufig Ziel politischer Gewalt, erst einen Tag zuvor beschmierten mutmaßliche Linksextremisten in Stralsund die Front eines AfD-Büros mit dem Zahlencode 161 („Anti-Faschistische Aktion”).

AfD-Brandner: „Wir weichen nicht!”

Brandner, dessen Wahlkreisbüro wiederholt zum Ziel solcher Attacken wird, gab sich in sozialen Medien trotz des ungustiösen Angriffs kämpferisch. Er macht dabei auch das Vorfeld des politischen Mitbewerbers verantwortlich. Allerdings hätte derartige Anschläge keinerlei Wirkung. Denn: „Das macht mich und uns von der AfD nur noch stärker! Wir weichen nicht und arbeiten weiter für ein besseres Deutschland,” so der Bundestagsmandatar auf Twitter.


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Gesellschaft

VIMÖ fordert: Geschlechtseintrag mehr als nur einmal ändern können

Monika Šimić

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Vertreter mehrerer Vereine, die sich „gegen Diskriminierung aufgrund von Geschlechtsmerkmalen oder Geschlechtsidentität aussprechen”, fordern aktuell, dass Personen ihren Geschlechtseintrag mehr als nur einmal wechseln können sollen.

Wien. – Der Verein für Intersexuelle Menschen Österreich (VIMÖ) forderte heute in einem offenen Brief, dass Innenmnister Karl Nehammer (ÖVP) die Verordnung seines Vorgängers, Herbert Kickl (FPÖ), zur Eintragung des dritten Geschlechts zurücknimmt bzw. diese überarbeitet und neue Regelungen trifft. Unterstützt werden diese Forderungen dabei von SPÖ, NEOS und den Grünen.

Eintragung von „inter”

Im Brief, der von über 60 Organisationen unterzeichnet wurde, sind insgesamt fünf Forderungen aufgelistet. So heißt es etwa, dass der dritte Geschlechtseintrag allen Menschen offenstehen solle, „unabhängig ihrer individuellen körperlichen Geschlechtsmerkmale”. Neben den bisher möglichen Einträgen „weiblich”, „männlich”, „offen” und „divers” fordert der Verein auch die Möglichkeit der Eintragung von „inter”. Intergeschlechtliche Personen sind Menschen, deren Geschlecht als nicht eindeutig männlich oder weiblich zugeordnet werden kann.

Weiters wird gefordert, die Regelung bezüglich eines medizinischen Expertenboards zu streichen. Kickls Verordnung sieht aktuell eine „fachmedizinische Begründung durch ein multi-medizinisches Board” vor, um die Eintragung des dritten Geschlechts zu regulieren. Der Verein VIMÖ ist jedoch der Meinung, dass hierfür „eine Änderung nach Selbstauskunft beim Standesamt” genügen müsse. Neben dem Abbau „bürokratischer Hürden zur Änderung des persönlichen Geschlechtseintrags” wird zudem gefordert, dass der Geschlechtseintrag einer Person mehr als einmal gewechselt werden können soll. Denn „das Empfinden der Geschlechtsidentität” könne sich im Laufe eines Lebens verändern, wie in dem Brief betont wird. Betroffene bräuchten im Grunde einen Eintrag, „der ihrer Identität entspricht und nicht ihre Körperlichkeit medizinisch begutachtet und diagnostiziert”, heißt es in dem Brief, den unter anderem auch der SPÖ-Parlamentsklub und NEOS unterzeichnet haben, abschließend.

Unterstützung von SPÖ, NEOS und Grüne

Der NEOS-Abgeordnete Yannick Shetty reagierte auf den offenen Brief und forderte Nehammer in einer Aussendung auf, die „schikanöse” Verordnung seines Vorgängers zurückzunehmen. Shetty kritisierte auch, dass Kickl die Eintragung des dritten Geschlechts „massiv erschwert” hätte. Die von Kickl verlangte fachmedizinische Begründung für die Eintragung durch ein multi-medizinisches Board bezeichnete Shetty als „reine Schikane und Blockade eines Höchstgerichtsurteils”, dass der FPÖ „ideologisch nicht passte”. Dass ein ÖVP-Innenminister genauso verbohrt sei, sei „erschreckend”, so Shetty.

Auch SPÖ-Vizeklubchef Jörg Leichtfried verurteilte „aufs Schärfste”, dass Nehammer an Kickls Verordnung festhält. Die Grünen unterstützen die Forderungen der Vereine ebenfalls. Ewa Ernst-Dziedzic, Vize-Klubobfrau der Grünen: „Die Schikane von intergeschlechtlichen Menschen muss ein Ende haben. Es gilt die individuelle Geschlechtsidentität einer jeden Person rechtlich anzuerkennen. Das ist die unmissverständliche Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs”, erklärte sie in einer Aussendung. Die Reparatur des Erlasses zur Umsetzung der VfGH-Entscheidung sei mit der ÖVP verhandelt worden und müsse nun umgesetzt werden.

 


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