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Kultur

Deutscher Liederforscher hält Gabalier-Lieder für „reaktionären Kitsch”

Julian Schernthaner

Veröffentlicht

am

Im Nachlauf der Verleihung des Karl-Valentin-Preises an „Volks-Rock’n’roller” Andreas Gabalier hört die Debatte rund um die Inhalt der Lieder des Steirers nicht auf.

Freiburg im Breisgau. – Gegenüber dem Spiegel-Jugendportal Bento bezeichnete der Freiburger Theologe, Historiker und Hymnologe Michael Fischer einzelne Passagen der Gabalier-Liedtexte als „gefährlich”. Insbesondere stößt sich der Leiter des Zentrums für Populäre Kultur und Musik an vermeintlich „politischen” Liedtexten.

Freiheit” als Begriff aus „rechtspopulistischem Umfeld”

Als Beispiel für diese Bewertung nennt Fischer die Verwendung der Wörter „Freiheit”, „Kameraden” oder „Heimatsöhne”. Damit benutze Gabalier „bewusst Begriffe aus einem rechtspopulistischen Umfeld”. Solche Bilder würden ihn an Soldatenlieder erinnern.

Wenn Gabalier in „Mein Bergkamerad” von eisernen Gipfelkreuzen, welche dem Sturmwind widerstehen sänge, sei dies „kein Zufall”. Er hält diesen Liedtext deshalb für eine „gewollte Provokation”. Obendrein sei dessen Musik „reaktionärer Kitsch” und nahe an der „Selbstparodie der volkstümlichen Musik”.

Gesang über frühere Bestrafung „skandalös”

Geradezu skandalös” findet er allerdings eine Passage im Liedtext von „Kleine Steile Heile Welt”, welche die antiquierte Bestrafung des Holzscheitlkniens referenziert. Dies sei insbesondere der Fall, weil es im gleichen Atemzug mit dem Vaterunser erwähnt würde. Fischers Ansicht nach müssten solche „Foltermethoden […] jeden religiös empfindenden Menschen […] empören.

Gabalier kein „naiver Lausbub in Lederhosen”

Dem nicht genug – einen Ausschnitt des Liedes „Mein Großvater hat gesagt” empfindet Fischer als Darstellung „überholter Rollenbilder”. Seine Kritik an der Emanzipation bleibe gezielt vage, so Fischer, wenn Gabalier offen eine Rückkehr der Frauen an den Herd fordere, würde er weibliche Fans vergraulen. Die Rolle des „naiven Lausbuben in Lederhosen” kaufe er dem Musiker jedenfalls nicht ab.

Regelmäßige Aufregung um Gabalier

Immer wieder versuchen insbesondere linksgerichtete Akteure des öffentlichen Lebens den beliebten Musiker in ein vermeintlich „rechtes Eck” zu stellen. Im Mai 2017 äußerte der Leiter des Wiener Konzerthauses die Meinung, wonach die Einladung von Musikern wie Gabalier „nicht so harmlos” sei.

Auch ist der mediale Vorwurf, dass Gabalier auf einem Albumcover ein Hakenkreuz darstellen würde nicht neu – sondern entstammt originär einem linksradikalen Blogeintrag aus dem Jahr 2012. Zwei Jahre später führte sein Festhalten an der ursprünglichen österreichischen Hymne zu eine Empörungswelle feministischer Politikerinnen – Gabalier zufolge ein Grund, weshalb linke Zeitungen gegen ihn seien.


Mehr zum Thema ‚Andreas Gabalier’:

Gabalier kritisiert Standard und Falter vor 14.500 Menschen (16.12.2018)

Konzerthaus-Affäre: OGH weist Gabalier-Klage zurück (26.2.2018)

12 Kommentare

12 Comments

  1. Avatar

    klasube

    11. Februar 2019 at 13:35

    Lieber Herr Fischer,
    die deutsche Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern ein über Jahrhunderte gewachsenes Kulturgut. Sie ist recht präzise und deutlich. Wer Zweifel an verschiedenen Worten und deren Bedeutung hat, kann notfalls im Duden nachschlagen. Falls Sie also Anstoß nehmen an der Verwendung der Wörter „Freiheit”, „Kameraden” oder „Heimatsöhne”, dann sollten Sie entweder eine andere Sprache wählen, oder gar keine benutzen. Letzteres wäre mir auch recht, denn auf Ihre absurde Meinung lege ich nach diesem Ihrem Kommentar keinen Wert.
    So weit kommt es noch, dass Menschen wie Sie die deutsche Sprache nach Ihrem Empfinden von „political correctness” umformen – lächerlich!
    Alles hat Grenzen…!

  2. Avatar

    Alexander Uhlig

    12. Februar 2019 at 8:58

    Rock’n’Roll war schon immer so.
    Egal in welcher Präsentation
    oder Interpretation.
    Wem das nicht passt braucht
    ja nicht zuhören.

  3. Avatar

    Andi

    12. Februar 2019 at 14:25

    Was für ein niveauloser Artikel faschistoider Gesinnung. Das sind unsere Wissenschaftler?
    Ach wie groß ist das Genie, ONANIE

  4. Avatar

    Dominik Heil

    12. Februar 2019 at 15:28

    Ob die Aussagen des Liederforschers stimmen, oder nicht; warum wird überhaupt so ein Wirbel um Andreas Gabalier gemacht? Vielleicht sind die Texte konservativ; und wenn schon.

    Viel eher sollten diese Liederforscher mal die Musik forschen, die unsere Jugend hört.

    Lieder, in denen sexuelle Gewalt, Antisemitismus und Kriminalität idealisiert werden. Lieder, die eine komplette Sexualisierung fördern. Pornos aus den 90er Jahren wirken geradezu fromm und keusch, im Vergleich zu diesen Liedern.

    Darüber sollten sich die Liederforscher mal Gedanken machen. Aber da heißt es ganz groß: „Kunstfreiheit”.

    Im Vergleich zu den Liedern, die unsere Jugend hört, ist Andreas Gabalier wirklich nur ein unschuldiger Lederhosenjodler.

    Ist schon witzig, dass man bei uns von „ficken”, „blasen”, „wixxen”, „sperma” und „muschis” singen darf, aber wenn ein Mann von Familie und Kultur singt, regt sich die ganze Republik auf.

    • Avatar

      Friedrich

      27. April 2019 at 19:27

      Finde Gabalier als Deutschsprachigem Elvis immer besser . Nach seinen bewegten Auftritten am Anfang bringt er jetzt sehr gute Songs. So gut wir wir sie aus den 70er Jahren kennen. Verdankt lang her.

    • Avatar

      Brigitte

      17. Juli 2019 at 19:45

      Das ist wirklich sehr gut zusammen gefaßt . Da erkennt man doch das politische Hintergrundziel und die diesbezügl. Einstellung des sogen. Wissenschaftlers . Und was so einer sich in seinem Kopf zusammenspinnt um seine Ziele zu erreichen soll dann für alle gelten . Furchtbar !

  5. Avatar

    Rainer Seifert

    13. Februar 2019 at 16:34

    Bislang dachte ich, „Rechtsextremismus-Experte” wäre der „Beruf” der Stunde, in dem man es ohne großes Wissen und viel Aufwand zu großem Ansehen und bester Bezahlung in Nachrichten Sendungen der ÖR und talk-shows schafft.

    Nun gesellt sich also auch noch der Beruf (?) des „Liederforschers” hinzu. Musik und Mammon, welch schöne Verbindung.

  6. Avatar

    Patty A.

    14. Februar 2019 at 11:11

    Es ist langsam wirkliche beängstigend, wie Menschen versuchen durch schwachsinnige Kommentare uns nicht nur zu diktieren was wir zu denken haben… Nein! Jetzt will man uns auch noch vorschreiben, wie wir uns zu artikulieren haben. Ich bin ein riesen Gabalier Fan. Aus seinem Hirn entspringen großartige Texte mit Sinn und Verstand. Leider kann man das heute nicht von jedem sagen!

  7. Avatar

    Rainer Seifert

    30. Juli 2019 at 20:43

    Nun ja, Freiburg und Theologe, wir sollten wirklich nicht zuviel erwarten.

    Was mag dieser Herr wohl, sollte er auch Sprachforschung außerhalb der Musikszene betreiben, zum Namen der schönen Stadt Wolfsburg sagen?

    Das sit doch wohl klare Nazisprache, oder? Von den Nazis für das KdF Werk gegründet und mit Hitlers Vorliebe für „Wolf” versehen. Siehe Wolfsschanz – übrigens nannte er sich privat auch gerne Wolf.

    Aber das ist für solche Herrschaften wahrscheinlich nicht erkennbar. Dabei denke ich auch noch an diesen komischen Professor, der damals kräftig mithalf, zusammen mit der armen Steuergeschädigten Schreynemakers und „Staatsschauspielerin” Berben, Eva Herman fertig zu machen.

  8. Avatar

    WernerJ

    10. November 2019 at 19:22

    Empfehle eine Auseinandersetzung und Analyse der Texte von „Feine Sahne Fischfilets.” Dort werden sie reichhaltig fündig an widerwertigen, hetzerischen und zur Gewalt aufrufenden Texten. mein Herr…man kann sie einfach nicht ernst nehmen. Wer gibt so etwas eine Plattform? Na ja…jeder blamiert sich so gut er kann.

  9. Avatar

    Betti

    14. November 2019 at 12:25

    Freiheit? Es gibt Menschen, die haben diesen Wert!

    Und die sind jetzt gar alle reaktionär oder werden noch schlimmer als Nazi bezeichnet?
    Was ein Schwachsinn, sorry

    Vielleicht ist dieser Herr auch schon zu alt, aber wenn man ein wenig forscht, findet man heute so viele moderne Blogs, die sich mit dem Finden der eigenen Werte, nach denen jeder Mensch handelt, beschäftigt

  10. Avatar

    Armin

    4. Februar 2020 at 19:38

    Zum Thema „Mein Großvater hat gesagt” und der angeblichen Darstellung „überholter Rollenbilder” fällt mir spoantan ein Lied unserer kroatischen Nachbarn ein.

    Anscheinend sind auch in diesem Land „überholte Rollenbilder” weit verbretet. Da hat der gute Herr Fischer ja noch einiger zu tun …

    Ja da gibt es eine Menge in diesem Musikvideo.… Hier, falls es jemanden interessiert:

    https://www.youtube.com/watch?v=LXsIw4EF7io

    Moj dida i ja – Mein Großvater und ich

    engl. Übersetzung:

    https://lyricstranslate.com/de/moj-dida-i-ja-my-grandpa-and-me.html

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Kultur

Neuer Name: „Neue Ordnung” benennt sich in „Abendland” um

Stefan Juritz

Veröffentlicht

am

Die konservative Quartalszeitschrift Neue Ordnung aus Graz trägt ab sofort den Namen Abendland.

Graz. – Zu den Gründen für diesen Schritt äußerte sich Herausgeber Wolfgang Dvorak-Stocker im Editorial der neuen Ausgabe. Er verweist darauf, dass der Begriff „Neue Ordnung” zunehmend als eine „globalistische Überwindung der überlieferten Ordnungssysteme Europas” verstanden werde. In diesem Sinne bedeute „Neue Ordnung” die „Zerstörung der Nationalstaaten und der sie tragenden Werte”. Aber auch Neokonservative um George Bush jr. hätten den Begriff immer wieder verwendet. „Jede Nähe zu diesen Bestrebungen will unsere Zeitschrift tunlichst vermeiden”, betont Dvorak-Stocker.

Dvorak-Stocker: „Es geht uns um Europa”

Aus der Neuen Ordnung wurde deshalb Abendland. An der der inhaltlichen Ausrichtung soll sich jedoch nichts ändern. „Abendland” stehe für den Bezug auf „die ethnische, religiöse und kulturelle Tradition Europas und seiner Völker”, erklärt der Herausgeber. „Unsere Zeitschrift hat sich auch in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Artikeln immer wieder den historischen und geistigen Wurzeln unseres Seins gewidmet – nicht nur jenen Österreichs oder der deutschen Nation, sondern denen ganz Europas.” Genau dies solle der neue Name ausdrücken: „Es geht uns um Europa, um unseren Kontinent, um die Völker und die geistige Kultur dieses Erdteils”, fasst Dvorak-Stocker zusammen.

Der Verleger hatte vor mehr als 20 Jahren die Zeitschrift Neue Ordnung von Ernst Graf Strachwitz und Franz Frank übernommen. Ziel der Zeitschrift war es seit den 1950er-Jahren, die katholische und die nationale Rechte in Österreich zu vereinen. In den letzten Jahren widmete sich die Neue Ordnung verstärkt auch der sozialen Frage und räumte kapitalismuskritischen Stimmen viel Platz ein, wie Dvorak-Stocker im Editorial betont.


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Kultur

Der Geist bewegt die Welt“ – 120 Jahre Antoine de Saint-Exupéry

Gastautor

Veröffentlicht

am

Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) ist aufgrund seines Bestsellers „Der kleine Prinz” (1943) weltberühmt. Von dieser Erzählung über ein außerirdisches Wesen, das durch stetes Fragen den wahren Dingen auf den Grund gehen möchte, wurden bis heute 140 Millionen Exemplare in über 100 Sprachen verkauft. Es ist ein Kinderbuch auch für Erwachsene, für Träumer jeden Alters, das der seit Jugendtagen zeichnerisch begabte Autor selbst illustrierte. Aber das Werk von „Saint-Ex“ ist weit umfassender. Und es ist fest verbunden mit der Welt des Fliegens.

Porträt von Benedikt Kaiser

Antoine Jean-Baptiste Marie Roger de Saint-Exupéry, 1900 in Lyon als Spross einer bis ins Kreuzzugszeitalter nachverfolgbaren Familie zur Welt gekommen, saß als Zwölfjähriger das erste Mal in einem Flugzeug, was ihn nach eigenem Bekunden in Ekstase versetzte. Zu jung für den Einsatz im Ersten Weltkrieg, beendete der auf Schlössern aufgewachsene Jugendliche 1917 die Schule und immatrikulierte sich im Fachbereich Architektur. Es folgten Leidenszeiten des jungen Technik- und Wissenschaftsbegeisterten, der von Anstellung zu Anstellung wechselte, ohne seiner Leidenschaft – dem Fliegen – näherkommen zu können. Erst 1926 wurde er in einem Flugunternehmen tätig, ein Jahr später wurde er Postflieger zwischen Frankreich und den Kolonien im Norden Afrikas. 1929 nahm er eine leitende Stelle im südamerikanischen Luftverkehr ein. Neben diesen Tätigkeiten als fliegender Kurier unternahm Saint-Exupéry diverse Rekordversuche.

Saint-Exupéry stürzt ab – und kämpft sich hoch

Seine Abenteuerlust und die Suche nach dem Neuen führten zweimal infolge eines Absturzes dazu, dass er lebensbedrohlich verletzt wurde. Einmal – in der libyschen Wüste – überlebte er dank Nomaden, die seinen Kameraden und ihn fanden. Das andere Mal, beim Flug von der US-amerikanischen Ostküste an die südamerikanischen Ausläufer Feuerlands im Jahre 1938, blieben nachhaltige gesundheitliche Schäden zurück, die ihn bis ans Lebensende marterten. Diese Erfahrungen sog der Tat-Mensch Exupéry auf: Er verarbeitete sie, neben verschiedenen Zeitschriftenbeiträgen, im „Südkurier” (1928), dem „Nachtflug” (1931) sowie in „Wind, Sand und Sterne” (1939).

Saint-Exupéry (rechts) und Generalresident Marcel Peyrouton (links) in Tunis (1935).

Der handelnde, tätige Mensch ist eines der Leitmotive Saint-Exupérys. Der Drang nach Handlung hieß bei ihm ganz konkret: Sehnsucht nach dem Fliegen. Gesundheitlichen wie weltanschaulichen Widrigkeiten zum Trotze in der Luftwaffe des „freien Frankreichs“ unter Charles de Gaulle (während der Süden des Landes unter Marschall Pétain mit den Deutschen kooperierte und der Norden von diesen besetzt gehalten wurde) erhielt Saint-Ex nach einem Aufklärungsflug über Arras das Kriegsverdienstkreuz mit Palme.

Dies veranlasste ihn, 1942 die Erzählung „Flug nach Arras” zu publizieren. In ihr beschrieb er das Leben mit den Kameraden, das souveräne Dienen trotz der möglichen Niederlage, die Idee der bleibenden Résistance gegen die Feinde Frankreichs. Die Treue zum Vaterland verbot Saint-Ex ohnehin jedwede Kollaboration mit den Deutschen, obschon er de Gaulle ebenso instinktiv ablehnte wie er Marschall Pétain auf der anderen Seite der Front als Vaterfigur der Nation verehrte. Gleichwohl verblieb Saint-Exupéry im Lager de Gaulles: Man fühlt sich somit unweigerlich an das englische „Right or wrong – my country!“ auf Französisch erinnert. Dabei war Saint-Exupéry gewiss kein Republikaner. Das Prinzip der Gleichheit – elementarer Bestandteil der französisch-republikanischen Dreieinheit „Liberté, Egalité, Fraternité“ – irritierte ihn: Gleichheit existiere nur in konkreten Gemeinschaften, nie als Abstraktum.

Gleichheit? Nur vor Gott!

Beißende Kritik der Gleichheit und der „Vermassung“ ändern nichts daran, dass Saint-Exupéry von Liebe beseelt war und damit zu freizügig umging – seine zahllosen Liebschaften sprechen Bände. Zuallererst galt diese Liebe aber: Gott. Die fortschreitende Säkularisierung wurde von ihm kritisiert. Eine religiöse Renovatio wäre erforderlich, die Religion müsste „die Menschen ergreifen, sie kann sie sich nicht unterwerfen“. Dafür müsse sich der Mensch jedoch einiger Dinge gewahr werden:

„Jedes Herzklopfen, jedes Leid, jedes Verlangen, jede Schwermut am Abend, jede Mahlzeit, jede Mühe bei der Arbeit, jedes Lächeln, jede Müdigkeit im Laufe des Tages, jedes Erwachen, jedes Wohlbehagen beim Einschlafen – sie alle erhalten ihren Sinn durch den Gott, der durch sie hindurch zu lesen ist.”

Diese tiefe und alle Bereiche des Lebens berührende und strukturierende Gottgläubigkeit schützte Saint-Ex vor Hass auf die Gegner im Weltbürgerkrieg 1939–1945, aber auch vor unkritischer Solidarität mit den Alliierten in Form der Sowjetunion, die er als religiöser Mensch und konservativer Antikommunist ablehnte. Drohende Säuberungsaktionen gegen den möglichen Verlierer durch die anzunehmenden Siegerallianz von de Gaulle bis zu den Kommunisten fürchtete er. Er verlangte daher einen Akt des Vergessens für die folgende Nachkriegszeit in Frankreich. Bekanntermaßen wurde seine Hoffnung nicht gehört.

Kaum zu bezweifeln ist: Weder die Sieger noch die Verlierer des Zweiten Weltkrieges kämpften für das, wofür Saint-Exupéry eintrat. Dies hinderte ihn nicht daran, trotz fortwährender gesundheitlicher Unzulänglichkeiten weiter seinen Kriegsdienst zu leisten. Er startete am 31. Juli 1944 zu seinem letzten Aufklärungsflug im Großraum Grenoble, von dem er nie zurückkehrte. Ob seine Maschine von der deutschen Flak abgeschossen oder Opfer eines Unfalls wurde, ob er gar den Freitod vorzog, ist bis heute nicht final geklärt. Offiziell wird ein Abschuss vermutet. Doch sein letzter Brief vom Tage des Fluges, in dem Abschied anklingt, nährten zumindest Spekulationen über ein freiwilliges Ausscheiden aus dem Leben.

Ein Standbild von Saint-Exupéry bei einer Bootstour von einem See in der Nähe von Montreal, Kanada, Mai 1942 gefilmt.

Achtung vor Andersdenkenden – Saint-Ex statt Ausgrenzung

„Ein Mensch verdient Achtung”, so ein heute längst verworfenes Lebensprinzip Saint-Exupérys, „einerlei welche Ideen er vertritt“. 120 Jahre nach seiner Geburt sind derartige Maximen längst vergessen. Der Meinungskorridor wird enger, Andersdenkende werden durch den linksliberalen Mainstream ausgegrenzt und bekämpft. Das macht eine neue Lektüre von Saint-Ex umso dringlicher.


Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, ist Politikwissenschaftler (M.A.) und Publizist. Er ist Lektor im Verlag Antaios und Redakteur der Zeitschrift Sezession. Dort erschien im 91. Heft (August 2019) ein ausführliches Autorenporträt zu Antoine de Saint-Exupéry. Erstmals beschäftigte er sich mit dem französischen Solitär in Heft IV/2012 der Grazer Quartalszeitschrift Neue Ordnung.


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Interview

Jean Raspail hat sich niemals mit dem Zeitgeist gemein gemacht”

Redaktion

Veröffentlicht

am

Am letzten Wochenende verstarb der französische Schriftsteller Jean Raspail im Alter von 94 Jahren. Das Werk dieses katholischen Reaktionärs umfasst Dutzende Bücher, die zum Teil auch ins Deutsche übersetzt wurden – am bekanntesten ist sicherlich sein apokalyptischer Roman „Das Heerlager der Heiligen”. Die Tagesstimme sprach mit Konrad Markward Weiß, der Raspails Roman „Die Axt aus der Steppe” ins Deutsche übersetzt und im Wiener Karolinger Verlag veröffentlicht hat. Im Interview erzählt Weiß von seinem Treffen mit dem Schriftsteller und schildert das Besondere am Werk Raspails.

Tagesstimme: Vor einer Woche starb der Schriftsteller Jean Raspail im Alter von 94 Jahren. Sie haben Ihn 2016 in Paris besucht. Wie war Ihr erster persönlicher Eindruck von ihm?

Weiß: Derselbe, wie bei allen weiteren Kontakten, sei es brieflich, telefonisch oder bei meinen alljährlichen Besuchen: Jean Raspail war der Kavalier der alten Schule par excellence: Höflich, charmant, elegant, dabei herzlich und voller Interesse an seinem Gegenüber. Aber eben weit, weit entfernt von jeder distanzlosen Vertraulichkeit. Ein kleine Anekdote macht das deutlich: Selbstverständlich sprach ich Raspail immer mit Monsieur an, während er mich ebenfalls siezte, nach einiger Zeit aber in Verbindung mit meinem Vornamen. Er hatte den Takt, diese auch dem großen Altersunterschied geschuldete Asymmetrie immer wieder zu erwähnen und über Alternativen nachzudenken – aber zum Glück auch das Fingerspitzengefühl, es dann letztlich dabei zu belassen, zu meiner großen Erleichterung.

Tagesstimme: Sie haben im vergangenen Jahr den Roman „Die Axt aus der Steppe“ ins Deutsche übersetzt und im Karolinger Verlag veröffentlicht. In dem Roman reist Raspail „auf verwehten Spuren“, wie es im Buchtitel heißt. Auch hier zeigt sich ein zentrales Motiv in seinem Gesamtwerk: nämlich der Untergang bedrohter Kulturen. Alain de Benoist nannte Raspail einmal einen „Propheten des Untergangs“. Eine aus Ihrer Sicht korrekte Bezeichnung?

Weiß: Von den letzten Ainu, den Ureinwohnern Japans, zu den Uru in den Anden, von den letzten Alakaluf-Seenomaden in der Magellanstraße bis zum langen Todeskampf der Westgoten in Südfrankreich: Jean Raspail ist auf seinen Reisen um die Welt den Fährten der jeweils Letzten ihrer Art gefolgt. Er wollte in ihrem letztem Abendrot noch einen Blick auf diese Kulturen werfen. Es war aber nicht deren Untergang, der ihn interessierte, sondern ihre Andersartigkeit, die sie sich im besten Fall erhalten hatten, über viele Jahrhunderte, als immer kleinere, immer bedrängtere Minderheit. Oder eben umgekehrt der Moment, wo sie sich selbst verloren hatten, der Anfang von ihrem Ende. Raspail ging es nicht um den Untergang, sondern um das Andenken, um das Bewahren eines letzten Flämmchens. „Barde vergangener Völker und Lebensweisen“ trifft es also insgesamt eher.

Der Verleger und Übersetzer Konrad Markward Weiß. Bild: privat

Tagesstimme: Im deutschsprachigen Raum war Raspail vor allem wegen seines 1973 erstmals erschienenen apokalyptischen Romans „Das Heerlager der Heiligen“ bekannt. Gerade durch die große Asylkrise 2015, also Jahrzehnte später, gewann das Buch wieder an Bedeutung und Aktualität. Hatte Raspail ein besonderes Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen, oder wie erklären Sie sich die vielen Parallelen zwischen Roman und Wirklichkeit?

Weiß: Um an vorhin anzuschließen: Raspail hatte rund um die Welt so oft erlöschende Kulturen kennengelernt, dass er sehr genau wusste, was stets der Todeskeim gewesen war: Die Preisgabe der eigenen Identität: Von Stammesbewusstsein, Glaube, Traditionen, Ahnenverehrung, Sitten, Tabus – der Verlust der eigenen Lebensweise in jeder Hinsicht. Als er nach dem „nomadischen Teil seiner Existenz“ endgültig nach Frankreich zurückkehrte und viele dieser Symptome auch in seiner Heimat immer deutlicher wurden – es waren die Jahre nach 1968 – konnte er Kraft seiner vielen entsprechenden Erfahrungen „hochrechnen“, wohin auch hier die Reise gehen würde. Dass es ihm, bis zur geradezu beängstigend präzisen Wiedergabe des Neusprechs der „Eliten“ des Jahres 2015, also 40 Jahre im Voraus gelungen ist – da kam dann das Genialische dieses Schriftstellers hinzu.

Tagesstimme: Als Übersetzer kennen Sie Raspails Stil aus dem französischen Original. Wie würden Sie seine Art zu schreiben charakterisieren?

Weiß: Immer wieder: Mit dem klassisch raspailesken Vierklang, der sich durch sein ganzes Werk zieht: Stolz, Ironie, Zärtlichkeit, Melancholie. In diesem Tonfall erzählt Raspail seine Geschichten, darum kreisen seine wiederkehrende Leitmotive und dieser Vierklang charakterisiert auch gewisse archetypische Figuren, denen man bei ihm immer wieder begegnet. Während Literatur heute ja sonst weit überwiegend von Frauen gekauft und gelesen wird, begeistern Raspails Bücher und sein Stil erfahrungsgemäß mehrheitlich Männer; hier kommt wohl „das Kind im Manne“ ins Spiel… Aber in den seltenen Fällen, wo „Stolz, Zärtlichkeit und Melancholie“ Raspails literarisches Spiel an die Grenze eines „too much“ bringen, kommt als Vierte im Bunde rechtzeitig seine Ironie einher.

Tagesstimme: Raspail war Katholik, Traditionalist, Reaktionär und Monarchist – und befand sich damit in totaler Opposition zum heutigen modernen linksliberalen Zeitgeist. Für Karlheinz Weißmann war er einer der letzten Repräsentanten einer fast schon verschwundenen Welt. Ist es vielleicht genau diese Haltung, die Jean Raspail so besonders macht und die auf den Leser so faszinierend wirkt?

Weiß: Stellen wir den Vergleich mit den Mächtigen in heutigen Demokratien westlichen Zuschnitts an, sogar und gerade mit den Regierenden: Da ist ein fast schon verzweifeltes Bemühen, so zu sein, wie alle anderen auch, jeder Zeitgeistvolte atemlos zu folgen, ihr das Traditionelle und das Eigene bereitwillig zu opfern. Jean Raspails Haltung war ziemlich genau das Gegenteil von alldem. Das ist vielleicht eine Erklärung. Raspail hat sich während seines gesamten langen Lebens niemals mit dem Zeitgeist gemein gemacht und immer seine Haltung bewahrt; er hat dafür nicht Verständnis erheischt, sich nicht entschuldigt, nichts relativiert, sich nicht distanziert. Für ihn daraus resultierende Nachteile waren ihm einigermaßen gleichgültig. Ein Aphorismus unseres Autors Michael Klonovsky charakterisiert treffend auch Jean Raspail. Er war „ein Reaktionär, das heißt: Ein Konservativer, der keinen Wert mehr darauf legt, von irgendjemandem eingeladen zu werden.“

Tagesstimme: Vielen Dank für das Gespräch!

Über die Person:

Konrad Markward Weiß, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet in Wien als Verleger, Übersetzer und Publizist sowie im Bereich der Unternehmenskommunikation. Er ist patagonischer Vizekonsul zu Wien.

Karolinger Verlag: https://www.karolinger.at


Weiterlesen:

„Es lebe der König – Erinnerungen an Jean Raspail (1925 – 2020)” (von Konrad Markward Weiß)

„Jean Raspail im Alter von 94 Jahren verstorben”


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