Entmenschlichung

Wachsende Verrohung der Sprache gegen Patrioten

In der Debatte rund um die Identitären und deren angebliche Verstrickungen mit den Freiheitlichen fallen zusehends alle Hemmungen: Plötzlich werden Vergleiche, Ausdrücke und Pauschalisierungen wieder salonfähig, welche man in der Mottenkiste der Geschichte vermutet hätte.

Julian Schernthaner
4 Minuten
<p>Bild: Identitäre Bewegung Österreich (leichte Bearbeitung)</p>

Bild: Identitäre Bewegung Österreich (leichte Bearbeitung)

Kommentar von Julian Schernthaner.

Stellen Sie vor, eine Mutter erzählt ihrem Kind bei der Apfelernte, dass es auch unter Menschen faule Äpfel gäbe. Und hierzulande seien dies eindeutig die Rechten. In fünfzehn Kapiteln erläutern angebliche Experten mit einer Agenda jeweils einen vermeintlichen Aspekt des Rechtsseins. Zum Beispiel, wie man Rechte erkennt. In der Schlussfolgerung ist klar: Es gibt keine anständigen Patrioten, ohne deren Beseitigung es sowieso keine Rettung der Demokratie gäbe.

Enthüllungen über die ÖVP

Sprachgebrauch wie in totalitären Systemen

Das ist kein dystopischer Befund – so ähnlich liest sich nämlich die Inhaltsangabe einer bekannten Hetzschrift eines totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts. Auffallend ist, dass das verwendete Vokabular dieser längst überwunden geglaubten Epochen zur Marginalisierung unliebsamer Menschengruppen nun eine bedrohliche Renaissance findet. Dabei ist es unerheblich, welches autoritäre Klima und welche Gruppe an den Rand gedrängt wird: Entmenschlichende Sprache verläuft immer nach demselben Muster.

Journalisten etablierter Zeitungen tweeten über die Identitären mit Bezeichnungen wie „krankhaft“ und „tödliche Bedrohung„. Ja, offenbar kann man Rechte sogar an der „faulen Note“ erkennen, mit der sie einen frischen Wind verpesten. Und Politiker stellen fest: Ein identitärenfreies Umfeld ist „sauber„, andernfalls allerdings „verseucht„. Für den Kanzler höchstpersönlich sind sie „widerlich„. Ein SPÖ-Urgestein will deren Leiter überhaupt in „Vorbeugehaft“ stecken. Als wäre es ein Wettbewerb, sich mit der ärgsten historisch belasteten Beschreibung noch zu unterbieten.

Ausweitung der Kontaktschuld

Wie sehr dabei außerdem ein bestimmtes Framing bemüht werden sollt, zeigt ein besonders niederträchtiges Beispiel aus Tirol. Die Anwürfe betreffen dort eine äußerst überschaubare Landesgruppe, welche nach Erwähnung des Autors insbesondere dadurch auffiel, dass sie einst mit Kerzen (!) andächtig gegen die damalige lockere Asylpolitik demonstrierte. ‚Schlimmere‘ Aktionen identifiziert er nämlich nicht. Sein Kollege weiß noch eine Demonstration gegen ein Asylheim, wo sie an der Seite auch bürgerlicher Politiker „marschierten“

Trotzdem genug, um dem Journalisten des lokalen ‚Qualitätsblattes‘ gleich ebenso als „Zelle“ zu gelten wie einem Grünen-Klubchef und seinem Hinterbänkler. Ein Begriff, der sonst ausschließlich für kriminelle und terroristische Gruppen gilt. Innerhalb dieser wähnt man einen ehemaligen RFJ-Funktionär aus Schwaz. Außerdem angeblich zugehörig: ein „heute für eine rechtsgerichtete Internet-Postille tätiger Tiroler“. Falls sie nicht drauf kommen: C’est moi.

Unschlüssige Kausalitätsketten

Sie lesen richtig: Ein völlig unbescholtener Mensch folgt einem Facebook-Aufruf zum friedlichen Protest für eine zeitweise auch von Peter Pilz verfochtene Asylpolitik. Zwei Jahre später erhält der Obmann des ausrichtenden Vereins eine Spende eines weltweit geheimdienstlich Unbekannten, der weitere 14 Monate später etwas völlig Irrsinniges tut.

Im Zeitpunkt der totalen Kontaktschuld reicht diese Kausalitätskette aber aus, um von Berufskollegen – zwar ohne namentliche Nennung, aber durchaus mittelbar – an den medialen Pranger gestellt zu werden. Und zwar ohne Presseanfrage an einen der beiden Betroffenen zur Überprüfung der Richtigkeit oder Aktualität der Behauptungen. Journalistische Sorgfalt: Fehlanzeige.

Gespräch über Menschen statt mit Menschen?

Und gerade dieser letzte Punkt macht diese Kampagne so himmelschreiend. Denn man redet vorzugsweise nicht mit Patrioten, man redet vorzugsweise über sie. Wenn einige mutige Journalisten dann dieses Dogma brechen und es wagen, diese „Unmenschen“ einzuladen, überzieht die linke Twitterblase sie mit Hass und Häme.

Weil sie die Chuzpe haben, den immer so gepriesenen Dialog auch zu leben. Grad dass man diesen Übeltätern kein Schild mit einer demütigenden Aufschrift umhängt. Wer mit Rechten redet, gibt ihnen eine Bühne. Wer Bühnen bietet, lässt sich ein. Und wer sich einlässt, ist nun mal „am Ort das größte Schwein“. Oder der „Klassenfeind“. Die Denkmuster repressiver Hegemonien sind ohnehin austauschbar – das gilt für ‚harte‘ wie ‚weiche‘, linke wie rechte. Nicht dasselbe, aber das Gleiche: alles totalitär.

Die Lüge mit der Bühne

Nach der Maxime der ‚Bühne‘ weigert sich übrigens eine ganze Reihe linkslastiger ‚Experten‘, mit dem neurechten Verleger Götz Kubitschek am Donnerstag eine TV-Diskussionsrunde zu teilen. Aber wohl kaum, weil sie diesem keine Bühne bieten wollen, die ist nämlich da. Sie fürchten eher, ihre eigene Bühne zu verlieren, weil sie argumentativ vollends aufgeblattelt würden.

Vielleicht würde sich dann ja – oh, Schreck! – herausstellen: das „weltweite, rechtsextreme Terrornetzwerk“ ist bloß eine Verschwörungstheorie. Man könnte seinen hanebüchene Einordnungen dann nicht mehr in der Wahlkampfsaison als Billardkugel gegen unliebsame Parteien missbrauchen. Und einige von ihnen wären wohl auf einen Schlag arbeitslos – und dort kürzt ja die böse Regierung.

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