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Kultur

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 1: Ordnung, Kunst, faschierte Krapfen

Tino Taffanek

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am

Der Skagerrak von oben

Im ersten Teil der Reihe begeben wir uns auf die Reise von der verschlafenen Ostküste Norwegens über Oslo nach Helsinki. Während Norwegen skandinavisch wie aus dem Lexikon ist, macht sich in Helsinki die Nähe Russlands und des Baltikums bemerkbar.

Reisebericht von Tino Taffanek

Die skandinavischen Länder sind gemeinhin als ordentlich, sicher und gesittet bekannt. So auch Norwegen, das trotz der hohen Preise aufgrund seiner Landschaft als Reiseziel sehr beliebt ist. Kreuzfahrten in die Fjorde der Westküste, Wandern und Campen auf den Lofoten oder für die abenteuerlicheren Naturen eine Trekkingtour durch Jotunheimen, dem höchsten Gebirge Norwegens und Skandinaviens bieten sich an. Aber auch andere Landesteile, wie beispielsweise die Ostküste wissen zu überzeugen.

Paddeln am Skagerrak

So lässt sich im, von einem Schärengarten geschützten, Skagerrak am Raet‐Nationalpark vortrefflich umherpaddeln und auf den Schären genannten Inseln glazialen Ursprungs ein entspanntes Campingwochenende verbringen. Auch an der Küste geht es beschaulich zu. Das Städtchen Grimstad wirkt, als könnte dort nie etwas schlimmes, ja womöglich überhaupt har nichts von Belang geschehen. Es kommt einem vor, als müssten die historischen Ereignisse seit der Zeit Henrik Ibsens spurlos an diesem Ort vorrübergegangen sein.

Wasserfahrzeuge für den Schärengarten

Aber auch Oslo präsentiert sich ruhig, sauber und weitaus weniger von Touristen überlaufen, als so manche andere europäische Hauptstadt. Besonders während der Fellesferie genannten Haupturlaubszeit, einem Relikt aus der goldenen Zeit der Industriegesellschaft, wirkt die Metropole geradezu verschlafen. Selbst die Busse des gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsnetzes verkehren während dies Zeit ein einem langsameren Takt. 

Quo vadis?

Sieht man sich um welche weiteren Reiseziele man von Oslo aus schnell und günstig erreichen kann, so ist natürlich Schweden die erste Wahl. Es ist in etwa eineinhalb Stunden von Oslo per Auto oder Bus, alternativ von Sandefjord mit dem weltgrößten Plug‐in‐Hybrid‐Schiff zu erreichen. Aufgrund der im Vergleich niedrigeren Preise werden diese Möglichkeiten auch von den Norwegern gern zum Einkaufen genutzt. Das einzige Produkt, welches in Norwegen billiger als in Schweden ist, sind Windeln. Eine großartige Sache für junge Familien, die aber nicht ohne einen überraschenden Nebeneffekt bleibt.

Auffällig sind auch die besonders günstigen Flüge nach Polen, welche der großen Anzahl polnischer Arbeitskräfte in Norwegen zu verdanken sind. Es sollte aber dann doch in ein weiteres nordisches Land gehen, also wurde Finnland als Ziel auserkoren und mit einem Direktflug von Finnair angepeilt.

Offensives Verhalten in Finnland

Vom Flughafen ging es mit einem erstaunlich laufruhigen Nahverkehrszug ins Stadtzentrum von Helsinki. Auf den öffentlichen Verkehr wird hier also auch Wert gelegt. Die im Vergleich zu Norwegen günstigeren Preise wurden dann sogleich zu Kauf einer Packung Zigaretten genutzt, um dem gelegentlichen Laster zu frönen. Während des Konsums einer [sic!] Zigarette vorm Haupteingang des Helsinkier Hauptbahnhofs wurde ich gleich dreimal nach einer Zigarette gefragt. Ein fast schon offensives Schnorrertum, das mir in Norwegen oder an der schwedischen Westküste noch nirgends untergekommen ist.

Bei der späteren Wiederholung dieses Rituals wurde ich doch tatsächlich gefragt, ob ich Marihuana verkaufen würde. Halbwegs gescheitelt, mit Hemd und geschlossenen Lederschuhen sowie mit frisch gestutztem Bart muss ich jedoch alles andere als ein Drogendealer ausgesehen haben. Der angehende Konsument erfüllte mit Dreadlocks und Ziegenbart schon eher sein Klischee. Warum er gerade mich angesprochen hat ist mir bis heute nicht klar.

Überhaupt scheint der Umgang mit berauschenden Substanzen weitaus öffentlicher und offensiver als im beschaulichen Norwegen zu erfolgen. So ist Dosenbier konsumierendes Publikum vor Supermärkten (hierzulande würde man sie wohl als Sandler bezeichnen) in Norwegen nicht anzutreffen. In Finnland gibt’s man sich jedoch offenbar gern mit dem Dosenbier in der Hand ein Stelldichein.

Die Nähe zu Russland

Auch als ich in einem Park mit einem E‐Book‐Reader bewaffnet auf die Check‐in‐Zeit der Unterkunft wartete, hatte ich die Chance die Bekanntschaft von „Grigori“ zu machen. Zuerst unterhielt er sich mit zwei nordafrikanischen Gentlemen, die dann aber die Flucht ergriffen, da ihnen Grigoris Treiben offen zu bunt wurde. So suchte er, mit Dosenbier und Joint in den Händen mich auf, um mir in gebrochenem Englisch seine Mitgliedschafft bei der Mafia und seine Ähnlichkeit mit Grigori Jefimowitsch Rasputin auseinanderzusetzen. Aha offenbar also ein Russe, dachte ich mir.

Beim Versuch seinen Joint mit mir zu teilen stürzte der nicht mehr ganz nüchterne Grigori über meinen Rollkoffer und schlug einen eleganten Purzelbaum. All das, ohne den Joint oder das Dosenbier loszulassen. Nach dem Grigori im Eilzugstempo seinen Joint inhaliert hatte, beschloss ich nun doch auch lieber meine Unterkunft aufzusuchen. Er ließ es sich nicht nehmen mich mit einer herzlichen Umarmung zu verabschieden.

Als preisbewusster Reisender nächtigte ich natürlich in einem Hostel. Auch dort konnte man interessante Charaktere treffen. Wie etwa ein Finne, Anfang zwanzig, aus dem Norden des Landes der bisher als Paketbote gearbeitet hat. Nun arbeitslos und ohne Ausbildung residierte er für 30 Tage im Hostel um in Helsinki Arbeit zu finden und alle anderen Gäste um Zigaretten anzuschnorren.

Tourismus pur

Aber abseits dieser langweiligen Alltagsbegegnungen zeigt sich Helsinki touristisch gut erschlossen mit allem was das Urlauberherz begehrt. Es gibt Bus‐ und Bootstouren, Führungen, zahlreiche Museen, ein Riesenrad, einen Marktplatz für Merchandise, Souvenirs und Seafood und natürlich den obligatorischen Hop‐On/Hop‐Off‐Bus.

Als tatsächliches Highlight kann hingegen die sehr imposante Festung Suomenlinna gelten, die über mehrere Inseln verteilt im Archipel vor der Stadt liegt. Sie ist mittels einer per normalem ÖV‐Ticket nutzbaren Fähre zu erreichen, verfügt über meterdicke Mauern, mehrere Museen, einem U‐Boot aus der Zwischenkriegszeit und sogar einem Supermarkt. Besonders imposant ist auch das Trockendock, eines der ältesten noch im Betrieb befindlichen Europas.

Unter den übrigen Museen der Stadt ist das Ateneum besonders zu empfehlen. Dort werden zahlreiche finnische Kunstwerke aus dem 18. bis zum 20. Jahrhundert ausgestellt. Von Landschaften und Portraits bis zu abstrakter Kunst ist alles dabei. Es lässt sich sogar abstrakte Kunst finden, die einen positiven ästhetischen Eindruck hinterlässt. Auch die temporäre Ausstellung Silent Beauty, ist sehr beeindruckend und bietet eine faszinierende Gegenüberstellung skandinavischer und asiatischer Kunstgegenstände.

Oder auch nicht

Als kulinarischer Geheimtipp entpuppte sich ein Stand, der als einziger etwas abseits vom Trubel am Marktplatz liegt und tatsächlich auch von sogenannten Einheimischen frequentiert wird. Für 12 wohlfeile Euro bekommt man dort ein Menü, bestehend aus mit Dill gewürzter Lachssuppe, Lihapiirakka, ein pikanter mit Faschiertem gefüllter Krapfen, und einem Kaffee. Sehr zu empfehlen und genau zwischen dem Rathaus und einem großen Springbrunnen gelegen, also nicht zu verfehlen.

Der Springbrunnen am Rathaus

Weiter zu Teil 2 und 3:

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 2: Sauna, Fähre, Sandstrand

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 3: Kirchen, Coiffeure, Körperstrafen

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2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    DieParty

    28. August 2019 at 9:53

    In Norwegen ist es verboten, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken.

    • Tino Taffanek

      Tino Taffanek

      28. August 2019 at 21:43

      In Finnland aber auch 😉 (zumindest in urbanem Gebiet)

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Kultur

Die Grazer Innenstadt verwandelte sich zum 18. Mal in ein Trachtenmeer

Monika Šimić

Veröffentlicht

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ASDF Am vergangenen Wochenende fand das jährliche Aufsteirern-Festival in der Grazer Innenstadt statt / Bild: Die Tagesstimme

Jedes Jahr verwandelt sich die Grazer Innenstadt für ein Wochenende lang zum Schauplatz der steirischen Volkskultur.

Graz. Das „Aufsteirern”-Festival lockt jedes Jahr Hundertausend begeisterte Besucher – heuer waren es rund 130.000 Besucher – aus mehreren Bundesländern an und zählt mittlerweile zu den größten volkskulturellen Veranstaltungen Österreichs. Zurückzuführen ist das Fest auf eine Initiative des ehemaligen Landeshauptmann Stellvertreters Leopold Schöggl, der den Volkskulturverbänden und Vereinen der Steiermark, die sich der Pflege von Volksmusik, Volkstanz und Tracht widmen, eine Möglichkeit bieten wollte, sich zu präsentieren. An diesem Wochenende fand das „Aufsteirern” bereits zum 18. Mal statt.

Tracht ist Ausdruck unserer Identität”

Der Aspekt der Brauchtumspflege stand auch heuer wieder im Vordergrund der Veranstaltung. Das zeigte sich darin, dass mehr als 250 Ausstellern die Möglichkeit geboten wurde, sich mit hochwertigen steirischen Produkten zu präsentieren. Unter den feierfreudigen Besuchern fanden sich aber auch zahlreiche Politiker. Darunter etwa Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer (ÖVP), der im Innenhof der Grazer Wechselseitigen zum Empfang lud.

Viele Steirer präsentierten am Sonntag ihre schönsten Trachtengewänder

Das Aufsteirern ist Ausdruck der steirischen Mentalität, wir Steirer arbeiten fleißig, aber wir feiern auch gerne. Die Vielfalt unseres Landes und unserer Volkskultur ist einzigartig. Als Landeshauptmann und als Volkskulturreferent macht es mich stolz zu sehen, mit wie viel Freude die Tracht von Jung und Alt getragen wird, denn unsere Tracht ist Ausdruck unserer Identität, und die darf nicht von Parteien vereinnahmt werden. Das Aufsteirern war auch in diesem Jahr wieder ein großer Erfolg“, so Schützenhöfer. Neben dem Landeshauptmann konnte man auch Politiker wie etwa Mario Kunasek (FPÖ), Mario Eustacchio (FPÖ), Peter Pilz (Liste JETZT), Karoline Edtstadler (ÖVP) sowie Grünen‐Spitzenkandidat Werner Kogler in der Grazer Innenstadt antreffen.

Das „Aufsteirern” macht die Steiermark reicher

Das „Aufsteirern” hat nicht nur Besuchern ein vielfältiges Programm zu bieten. Es hilft auch, den steirischen Tourismus und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Laut Graz Tourismus waren die Hotels während des „Aufsteirern”-Wochenendes etwa ein Drittel stärker gebucht als an einem üblichen Herbst‐Wochenende. Der wirtschaftliche Nutzen des Festes wird aber auch von einer Studie belegt, schildert Organisator Markus Lientscher: „Wir haben eine Studie machen lassen und uns dabei drei Jahre als Beobachtungszeitraum angeschaut, und wir haben in der Tat eine Wertschöpfung von 10,4 Millionen Euro, um die die Steiermark reicher ist nach dem Aufsteirern, wenn man so will”.

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Kultur

Der Friedensvertrag von 1919 und die neue Südgrenze der Steiermark”

Stefan Juritz

Veröffentlicht

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ASDF Univ.-Doz. Dr. Martin Moll (li.) und Dr. Gerhard Kurzmann (re.). Bild: Facebook / Kulturforum Steiermark [Bild zugeschnitten]

Zum 100. Jahrestag des Vertrags von Saint‐Germain sprach der Historiker Dr. Martin Moll beim Kulturforum Steiermark.

Graz. – Am 10. September 1919 unterzeichnete Österreich das „Friedensdiktat” von Saint‐Germain, mit dem der Erste Weltkrieg formal beendet wurde und der für Österreich auch das Ende der Monarchie besiegelte sowie mehrere Gebietsverluste zur Folge hatte. Dieses historische Ereignis nahm das Kulturforum Steiermark zum Anlass, um mit dem Grazer Historiker Univ.-Doz. Dr. Martin Moll einen Vortrag unter dem Titel „Der Friedensvertrag von 1919 und die neue Südgrenze der Steiermark” zu veranstalten.

Großer Andrang

Dazu luden das Kulturforum Steiermark und dessen Vorsitzender Dr. Gerhard Kurzmann (FPÖ) am Dienstag, den 100. Jahrestag, in das Landhaus in der Grazer Herrengasse ein. Der Vortrag, der im Sitzungssaal des FPÖ‐Landtagsklubs stattfand, wurde aufgrund des großen Andrangs auch per Liveschaltung im Büro des Dritten Landtagspräsidenten Dr. Kurzmann übertragen. So hatten auch jene Gäste die Möglichkeit, dem Vortrag zu folgen, für die kein Platz mehr im voll besetzten Sitzungssaal gefunden werden konnte.

Der Verlust der Untersteiermark

Dr. Moll, dessen Forschungsschwerpunkte auf beiden Weltkriegen, der Spätphase der Habsburgermonarchie sowie Medien‐ und Propagandageschichte liegen, gab den Besuchern einen ausführlichen Überblick über die Folgen des Vertrages von Saint‐Germain für die Steiermark. Dabei spannte Moll einen Bogen von der Vorgeschichte des Nationalitätenkonflikts zwischen Österreichern und Südslawen in der Habsburger Monarchie bis zu den umstrittenen Grenzziehungen nach dem Ersten Weltkrieg, die für Österreich auch den Verlust der Untersteiermark bedeutete. Teile des steirischen Südens wurden damals ohne Volksabstimmung an den neuen jugoslawischen SHS‐Staat abgetreten.

Marburger Blutmontag

Der Streit um dieses Gebiet war davor jedoch nicht ohne Blutvergießen verlaufen, es hatte in verschiedenen untersteirischen Ortschaften Kampfhandlungen gegeben. So besetzte etwa Major Rudolf Maister mit jugoslawischen Truppen mehrere Gebiete, um Politik und Diplomatie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Als negativer Höhepunkt dieser Auseinandersetzungen gilt der Marburger Blutmontag im 27. Januar 1919. An diesem Tag demonstrierten 10.000 deutsche Untersteirer in Marburg für den Verleib ihrer Region bei Österreich. Maister ließ die Demonstration gewaltsam auflösen, seine Soldaten eröffneten das Feuer – es gab 13 Tote und 60 Verletzte.

Ehemaliger Teil der Heimat

Doch auch Demonstrationen und politische Protestnoten aus Österreich halfen alles nichts, am 10. September unterschrieb Staatskanzler Renner den Vertrag von Saint‐Germain und damit verlor auch die Steiermark Teile ihres Gebietes an das damalige Jugoslawien.

Wie Moll gegen Ende seines Vortrages schließlich festhielt, ist jedoch die Erinnerung an die Untersteiermark als ehemaliger Teil der österreichischen Heimat heutzutage fast gänzlich aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Zwar gibt es noch Kulturvereine, die dieses geschichtliche und kulturelle Erbe pflegen, aber ihre Arbeit ohne Außenwirkung verrichten.

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Kultur

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 3: Kirchen, Coiffeure, Körperstrafen

Tino Taffanek

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ASDF Die Altstadtgemäuer Tallinns treffen auf zahlreiche moderne Kreuzfahrtschiffe

Im dritten und letzten Teil widmen wir uns den Sehenswürdigkeiten von Tallinn und erkunden den estnischen Dienstleistungssektor. Nach einem Abstecher ins Hipsterviertel von Tallinn unternehmen wir einen Trip ins Landesinnere, um dann schließlich mit der Fähre den Rückweg nach Helsinki anzutreten.

Reisebericht von Tino Taffanek

Ganz als pflichtbewusster Tourist nahm ich mir für den nächsten Tag das Sightseeing vor. Um mich für diese Aufgabe zu stärken nahm ich natürlich das Frühstücksbuffet des Hotels in Anspruch. Die gekochten Würstel zum Frühstück überraschten mich nicht, da sie mir schon aus anderen osteuropäischen Ländern bekannt waren. Dazu war Salat angerichtet, der ebenfalls mit Dill gewürzt war. Scheinbar ein beliebtes Gewürz am Finnischen Meerbusen. So verköstigt, begann ich die Sehenswürdigkeiten der Stadt von Westen her aufzurollen.

Alexander‐Newski‐Kathedrale: Liebling aller Touristen

Als erstes begegnete mir dabei die Karlskirche, die sich verlassen und menschenleer präsentierte. Am Weg zu einer mir anempfohlenen Aussichtsplattform bestaunte ich den ältesten Panzer von Estland, um dann schließlich in mit Autobussen herbeigefahrene Touristenmassen zu stolpern.

Diese wurden offenbar hauptsächlich von der erwähnten Aussichtsplattform sowie von der Alexander‐Newski‐Kathedrale angezogen. Diese war im Gegensatz zur Karlskirche mit Touristen vollgestopft. Zu ihrer Verteidigung muss man aber erwähnen, dass die Karlskirche – wie für eine evangelische Kirche üblich – langweilig und schmucklos ist, während die Alexander‐Newski‐Kathedrale prächtig mit Goldornamenten und Heiligenbildern geschmückt ist.

Direkt gegenüber der Kathedrale befindet sich auch das estnische Parlament und ein altertümlich anmutender Turm, welche aber beide von den Touristen eher stiefmütterlich behandelt wurden. Auf der verheißenen Aussichtsplattform angekommen, bot sich tatsächliches ein großartiges Panorama über die Stadt. An deren Ende im Hafen konnte man mehrere Kreuzfahrtschiffe erblicken, welche für wohl zumindest einen Teil der sightseeingwütigen Touristen verantwortlich sind.

Alle Wege führen zum Rathausplatz

Von einer gut erhaltenen Stadtmauer gesäumt, schließt sich die Altstadt direkt an die Kathedrale an. Gespickt mit Bars, Restaurants, Souvenirläden und Museen wird sie von zahlreichen geführten Touristengruppen bevölkert, die aus den Bäuchen der Kreuzfahrtschiffe auf den Rathausplatz gespuckt wurden.

Mit alten, engstehenden Gebäuden, verschlungenen kopfsteingepflasterten Straßen, verwinkelten Höfen und Gassen und der höchsten Temposchwelle die ich je gesehen habe, ist sie alles andere als autogerecht und deshalb umso schöner. Spaziert man verträumt durch die engen Gassen, scheinen sie einen immer auf den zentralen Rathausplatz zurückzuführen.

24 Euro für einen Kurzhaarschnitt?

Um dem touristischem Altstadthimmel zu entkommen, beschloss ich mir für hoffentlich kleines Geld die Haare schneiden zu lassen. Angesichts der im Vergleich zu Skandinavien niedrigen Preise eine zumindest naheliegende Idee. In einer Shoppingmall, die auch an der Westküste der USA stehen könnte, traf ich aber nur einen schicken aber dementsprechend teuren Barbershop an.

Auch der Friseur im Hotel hatte keinen Dienst, so ließ ich mir an der Rezeption den nächsten Friseursalon empfehlen. Dort angekommen, wurde ich schroff abgewiesen. Man hätte keine Zeit und überhaupt würde ein Herrenhaarschnitt stolze 24 Euro kosten.  Ich gab auf und wandte mich wieder den Sehenswürdigkeiten zu.

Unterschiedlichste Eindrücke im Kadriorg‐Park

Nachdem ich im Westen begonnen hatte nahm ich mir nun den Osten Tallinns vor, der von einem großen Park dominiert wird. Beim Spaziergang durch den Park kam ich als ersten an einem Rosengarten vorüber in dem das PR‐Event eines Getränkeherstellers ablief. Auf den Stufen des Rosengartens saßen Künstler vor Staffeleien und malten, während sie ein prickelndes roséfarbenes alkoholisches Getränk konsumierten. Beschallt wurde das Ganze von einem trendigen DJ, abgeschirmt von Securities und bestens dokumentiert vom Socialmediateam.

Als nächstes begutachtete ich die Präsidentenvilla, auf deren Stufen zwei geschniegelte Wachen im Stil der Beefeater strammstehen und allzu vorlaute Touristen daran hindern dieselben zu betreten. Ein sehr ordentliches Bild, nur die Thermoskanne hätten sie etwas besser verstecken können.

Die Thermoskanne ist immer dabei

Der Rest des Parks wird von künstlich angelegten Kanälen durchzogen und ist mit hübschen alten Gebäuden und opulenten Blumenbeeten gespickt. Am Rande des Parks findet sich ein japanischer Garten von Masao Sone, einem Gartengestalter aus Kyoto. Die Rasenpflege wird hier großgeschrieben, denn vor jedem Fleckchen Gras abseits der Wege steht ein Schild, welches das Betreten desselben verbietet. Zuwiderhandeln wird vermutlich mittels Körperstrafe geahndet.

Zwischen teurem Bier und alten Sitten

Den Abend ließ ich dann mit einem estnischen Bekannten und seinem Arbeitskollegen im Hipsterviertel der Stadt ausklingen. Da für die halbe Bier in dem ausgesuchten Lokal mit Gastgarten viereinhalb Euro genommen wurden, schwenkten wir bald auf Gin‐Tonic und Mojito um.

Im Hotel angekommen musste ich nach alter Sitte noch den Nachtportier wach klingeln, um Einlass zu finden. Ein auf den Stufen zur Eingangstür sitzender englisch wirkender Herr, mit Bierdose und rauchend wie ein Schlot, prophezeite mir, eine halbe Stunde warten zu müssen. Dem war glücklicherweise nicht so, denn eine Minute später befand ich mich bereits in meinem Zimmer.

Auf in die zweitgrößte Stadt Estlands

Am nächsten Tage wollte ich auf Empfehlung meines Bekannten, der aus dieser Gegend stammt, nach Tartu fahren. Leider verpasste ich den angedachten Zug. Ich beschloss aber den nächsten zu nehmen und mir im nahegelegenen Park die Zeit mit einer Dose Bier zu vertreiben. Auf das Trinken von Bier direkt aus der Dose scheint Estland gut eingerichtet zu sein. Der Verschluss der Dose war nämlich noch zusätzlich mit Alufolie umhüllt, so dass man sicher sein kann aus einer sauberen Öffnung zu trinken. Quasi der Mercedes unter den Getränkedosen.

Nach Getränk und begleitender Lektüre bestieg ich den Zug, ein moderner Triebwagen, ganz ähnlich denen, die von den Österreichischen Bundesbahnen für ihre Regionalzüge verwendet werden. Die Zugfahrt dauerte etwa zwei Stunden. Aufgrund der gleichmäßig flachen Landschaft Estlands gibt es leider keine hohen Bahndämme, von denen aus man die Aussicht genießen könnte. Die meiste Zeit begutachtet man einen Streifen Grün der Wälder, welche die Strecke säumen.

Spaziergang durch alterwürdige Stadt

Tartu ist mit knapp 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Estlands, dennoch hatte ich vorher noch nie von ihr gehört. Am Weg vom Bahnhof zum Hauptplatz stehen zahlreiche alte und verfallene Gebäude, welche bezeugen, dass die Stadt schon einmal bessere Tage gesehen hat. Wann diese genau waren, kann ich aber auch nicht beantworten. Dann durchquerte ich einen auf einem Hügel gelegenen Park, von dem aus man sich einen Überblick über verschaffen kann.

Der mit weißen Fähnchen geschmückte Hauptplatz macht mit seinen zahlreichen Gastgärten einen gemütlichen Eindruck. Ich überlegte kurz dem Tourismus‐ und Informationsbüro der Stadt meine Aufwartung zu machen, um den Grund für die Beflaggung zu erfahren. Ich verzichtete aber darauf, überquerte den Embach (auf estnisch Emajõgi, was so viel wie „Mutterfluss” heißen soll), welcher Tartu durchzieht, und spazierte zielstrebig ans Ende der Stadt, da ich über die dortigen Sehenswürdigkeiten von meinem Bekannten bereits in Kenntnis gesetzt war.

Sehenswürdigkeiten für Tartu

In einem Anfall touristischen Übermutes hatte man beschlossen, den Stadtrand von Tartu mit zwei Attraktionen zu segnen. Bis zum Bau derselben war vermutlich die Trafostation das interessanteste Gebäude der Gegend. Die erste Attraktion ist ein auf den Kopf gestelltes Haus, das für den stolzen Preis von 7 Euro und 50 Cent auch betreten werden kann.

Da ich nun schon einmal da war, beschloss ich, den Obolus zu löhnen und mir das Haus von innen anzusehen. Da das Haus nicht nur am Kopf steht, sondern auch gekippt ist, löst das herumspazieren darin ein leichtes Gefühl der Seekrankheit aus. Es könnte aber auch der Mojito von letzter Nacht gewesen sein. Die zweite Attraktion ist ein riesiger Glaskeil, der das Nationalmuseum von Estland beherbergt.

Der glasgewordene Traum eines estnischen Tourismusverbandes

Da es aber auch schon wieder Zeit war, die Rückreise anzutreten, ließ ich es bei einem Besuch in der Lobby des Museums bewenden, um entlang grillenzirpender Felder zurück zum Bahnhof zu spazieren und den nächsten Zug nach Tallinn zu besteigen.  Auf der Rückfahrt nach Helsinki suchte ich mir noch aus den unzähligen vom Seegang klirrenden Flaschen im Duty‐free‐Shop der Fähre noch zwei aus um sie als Mitbringsel mit nach Hause zu nehmen.


Vorherige Teile hier lesen:

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 1: Ordnung, Kunst, faschierte Krapfen”

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 2: Sauna, Fähre, Sandstrand

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