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Kultur

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 3: Kirchen, Coiffeure, Körperstrafen

Tino Taffanek

Veröffentlicht

am

Im dritten und letzten Teil widmen wir uns den Sehenswürdigkeiten von Tallinn und erkunden den estnischen Dienstleistungssektor. Nach einem Abstecher ins Hipsterviertel von Tallinn unternehmen wir einen Trip ins Landesinnere, um dann schließlich mit der Fähre den Rückweg nach Helsinki anzutreten.

Reisebericht von Tino Taffanek

Ganz als pflichtbewusster Tourist nahm ich mir für den nächsten Tag das Sightseeing vor. Um mich für diese Aufgabe zu stärken nahm ich natürlich das Frühstücksbuffet des Hotels in Anspruch. Die gekochten Würstel zum Frühstück überraschten mich nicht, da sie mir schon aus anderen osteuropäischen Ländern bekannt waren. Dazu war Salat angerichtet, der ebenfalls mit Dill gewürzt war. Scheinbar ein beliebtes Gewürz am Finnischen Meerbusen. So verköstigt, begann ich die Sehenswürdigkeiten der Stadt von Westen her aufzurollen.

Alexander-Newski-Kathedrale: Liebling aller Touristen

Als erstes begegnete mir dabei die Karlskirche, die sich verlassen und menschenleer präsentierte. Am Weg zu einer mir anempfohlenen Aussichtsplattform bestaunte ich den ältesten Panzer von Estland, um dann schließlich in mit Autobussen herbeigefahrene Touristenmassen zu stolpern.

Diese wurden offenbar hauptsächlich von der erwähnten Aussichtsplattform sowie von der Alexander-Newski-Kathedrale angezogen. Diese war im Gegensatz zur Karlskirche mit Touristen vollgestopft. Zu ihrer Verteidigung muss man aber erwähnen, dass die Karlskirche – wie für eine evangelische Kirche üblich – langweilig und schmucklos ist, während die Alexander-Newski-Kathedrale prächtig mit Goldornamenten und Heiligenbildern geschmückt ist.

Direkt gegenüber der Kathedrale befindet sich auch das estnische Parlament und ein altertümlich anmutender Turm, welche aber beide von den Touristen eher stiefmütterlich behandelt wurden. Auf der verheißenen Aussichtsplattform angekommen, bot sich tatsächliches ein großartiges Panorama über die Stadt. An deren Ende im Hafen konnte man mehrere Kreuzfahrtschiffe erblicken, welche für wohl zumindest einen Teil der sightseeingwütigen Touristen verantwortlich sind.

Alle Wege führen zum Rathausplatz

Von einer gut erhaltenen Stadtmauer gesäumt, schließt sich die Altstadt direkt an die Kathedrale an. Gespickt mit Bars, Restaurants, Souvenirläden und Museen wird sie von zahlreichen geführten Touristengruppen bevölkert, die aus den Bäuchen der Kreuzfahrtschiffe auf den Rathausplatz gespuckt wurden.

Mit alten, engstehenden Gebäuden, verschlungenen kopfsteingepflasterten Straßen, verwinkelten Höfen und Gassen und der höchsten Temposchwelle die ich je gesehen habe, ist sie alles andere als autogerecht und deshalb umso schöner. Spaziert man verträumt durch die engen Gassen, scheinen sie einen immer auf den zentralen Rathausplatz zurückzuführen.

24 Euro für einen Kurzhaarschnitt?

Um dem touristischem Altstadthimmel zu entkommen, beschloss ich mir für hoffentlich kleines Geld die Haare schneiden zu lassen. Angesichts der im Vergleich zu Skandinavien niedrigen Preise eine zumindest naheliegende Idee. In einer Shoppingmall, die auch an der Westküste der USA stehen könnte, traf ich aber nur einen schicken aber dementsprechend teuren Barbershop an.

Auch der Friseur im Hotel hatte keinen Dienst, so ließ ich mir an der Rezeption den nächsten Friseursalon empfehlen. Dort angekommen, wurde ich schroff abgewiesen. Man hätte keine Zeit und überhaupt würde ein Herrenhaarschnitt stolze 24 Euro kosten.  Ich gab auf und wandte mich wieder den Sehenswürdigkeiten zu.

Unterschiedlichste Eindrücke im Kadriorg-Park

Nachdem ich im Westen begonnen hatte nahm ich mir nun den Osten Tallinns vor, der von einem großen Park dominiert wird. Beim Spaziergang durch den Park kam ich als ersten an einem Rosengarten vorüber in dem das PR-Event eines Getränkeherstellers ablief. Auf den Stufen des Rosengartens saßen Künstler vor Staffeleien und malten, während sie ein prickelndes roséfarbenes alkoholisches Getränk konsumierten. Beschallt wurde das Ganze von einem trendigen DJ, abgeschirmt von Securities und bestens dokumentiert vom Socialmediateam.

Als nächstes begutachtete ich die Präsidentenvilla, auf deren Stufen zwei geschniegelte Wachen im Stil der Beefeater strammstehen und allzu vorlaute Touristen daran hindern dieselben zu betreten. Ein sehr ordentliches Bild, nur die Thermoskanne hätten sie etwas besser verstecken können.

Die Thermoskanne ist immer dabei

Der Rest des Parks wird von künstlich angelegten Kanälen durchzogen und ist mit hübschen alten Gebäuden und opulenten Blumenbeeten gespickt. Am Rande des Parks findet sich ein japanischer Garten von Masao Sone, einem Gartengestalter aus Kyoto. Die Rasenpflege wird hier großgeschrieben, denn vor jedem Fleckchen Gras abseits der Wege steht ein Schild, welches das Betreten desselben verbietet. Zuwiderhandeln wird vermutlich mittels Körperstrafe geahndet.

Zwischen teurem Bier und alten Sitten

Den Abend ließ ich dann mit einem estnischen Bekannten und seinem Arbeitskollegen im Hipsterviertel der Stadt ausklingen. Da für die halbe Bier in dem ausgesuchten Lokal mit Gastgarten viereinhalb Euro genommen wurden, schwenkten wir bald auf Gin-Tonic und Mojito um.

Im Hotel angekommen musste ich nach alter Sitte noch den Nachtportier wach klingeln, um Einlass zu finden. Ein auf den Stufen zur Eingangstür sitzender englisch wirkender Herr, mit Bierdose und rauchend wie ein Schlot, prophezeite mir, eine halbe Stunde warten zu müssen. Dem war glücklicherweise nicht so, denn eine Minute später befand ich mich bereits in meinem Zimmer.

Auf in die zweitgrößte Stadt Estlands

Am nächsten Tage wollte ich auf Empfehlung meines Bekannten, der aus dieser Gegend stammt, nach Tartu fahren. Leider verpasste ich den angedachten Zug. Ich beschloss aber den nächsten zu nehmen und mir im nahegelegenen Park die Zeit mit einer Dose Bier zu vertreiben. Auf das Trinken von Bier direkt aus der Dose scheint Estland gut eingerichtet zu sein. Der Verschluss der Dose war nämlich noch zusätzlich mit Alufolie umhüllt, so dass man sicher sein kann aus einer sauberen Öffnung zu trinken. Quasi der Mercedes unter den Getränkedosen.

Nach Getränk und begleitender Lektüre bestieg ich den Zug, ein moderner Triebwagen, ganz ähnlich denen, die von den Österreichischen Bundesbahnen für ihre Regionalzüge verwendet werden. Die Zugfahrt dauerte etwa zwei Stunden. Aufgrund der gleichmäßig flachen Landschaft Estlands gibt es leider keine hohen Bahndämme, von denen aus man die Aussicht genießen könnte. Die meiste Zeit begutachtet man einen Streifen Grün der Wälder, welche die Strecke säumen.

Spaziergang durch alterwürdige Stadt

Tartu ist mit knapp 100.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Estlands, dennoch hatte ich vorher noch nie von ihr gehört. Am Weg vom Bahnhof zum Hauptplatz stehen zahlreiche alte und verfallene Gebäude, welche bezeugen, dass die Stadt schon einmal bessere Tage gesehen hat. Wann diese genau waren, kann ich aber auch nicht beantworten. Dann durchquerte ich einen auf einem Hügel gelegenen Park, von dem aus man sich einen Überblick über verschaffen kann.

Der mit weißen Fähnchen geschmückte Hauptplatz macht mit seinen zahlreichen Gastgärten einen gemütlichen Eindruck. Ich überlegte kurz dem Tourismus- und Informationsbüro der Stadt meine Aufwartung zu machen, um den Grund für die Beflaggung zu erfahren. Ich verzichtete aber darauf, überquerte den Embach (auf estnisch Emajõgi, was so viel wie „Mutterfluss” heißen soll), welcher Tartu durchzieht, und spazierte zielstrebig ans Ende der Stadt, da ich über die dortigen Sehenswürdigkeiten von meinem Bekannten bereits in Kenntnis gesetzt war.

Sehenswürdigkeiten für Tartu

In einem Anfall touristischen Übermutes hatte man beschlossen, den Stadtrand von Tartu mit zwei Attraktionen zu segnen. Bis zum Bau derselben war vermutlich die Trafostation das interessanteste Gebäude der Gegend. Die erste Attraktion ist ein auf den Kopf gestelltes Haus, das für den stolzen Preis von 7 Euro und 50 Cent auch betreten werden kann.

Da ich nun schon einmal da war, beschloss ich, den Obolus zu löhnen und mir das Haus von innen anzusehen. Da das Haus nicht nur am Kopf steht, sondern auch gekippt ist, löst das herumspazieren darin ein leichtes Gefühl der Seekrankheit aus. Es könnte aber auch der Mojito von letzter Nacht gewesen sein. Die zweite Attraktion ist ein riesiger Glaskeil, der das Nationalmuseum von Estland beherbergt.

Der glasgewordene Traum eines estnischen Tourismusverbandes

Da es aber auch schon wieder Zeit war, die Rückreise anzutreten, ließ ich es bei einem Besuch in der Lobby des Museums bewenden, um entlang grillenzirpender Felder zurück zum Bahnhof zu spazieren und den nächsten Zug nach Tallinn zu besteigen.  Auf der Rückfahrt nach Helsinki suchte ich mir noch aus den unzähligen vom Seegang klirrenden Flaschen im Duty-free-Shop der Fähre noch zwei aus um sie als Mitbringsel mit nach Hause zu nehmen.


Vorherige Teile hier lesen:

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 1: Ordnung, Kunst, faschierte Krapfen”

Vom Skagerrak zum Baltikum – Teil 2: Sauna, Fähre, Sandstrand

2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Heimatvertriebener

    10. September 2019 at 21:09

    Bleibt die Frage: Wo lassen sich einheimische Durchschnittsverdiener ihre Haare schneiden?

    • Tino Taffanek

      Tino Taffanek

      11. September 2019 at 22:14

      Der Este, mit dem ich Bier getrunken habe, lässt sich die Haare unentgeltlich von einer Bekannten schneiden.

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Kultur

Neuer Name: „Neue Ordnung” benennt sich in „Abendland” um

Stefan Juritz

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am

Die konservative Quartalszeitschrift Neue Ordnung aus Graz trägt ab sofort den Namen Abendland.

Graz. – Zu den Gründen für diesen Schritt äußerte sich Herausgeber Wolfgang Dvorak-Stocker im Editorial der neuen Ausgabe. Er verweist darauf, dass der Begriff „Neue Ordnung” zunehmend als eine „globalistische Überwindung der überlieferten Ordnungssysteme Europas” verstanden werde. In diesem Sinne bedeute „Neue Ordnung” die „Zerstörung der Nationalstaaten und der sie tragenden Werte”. Aber auch Neokonservative um George Bush jr. hätten den Begriff immer wieder verwendet. „Jede Nähe zu diesen Bestrebungen will unsere Zeitschrift tunlichst vermeiden”, betont Dvorak-Stocker.

Dvorak-Stocker: „Es geht uns um Europa”

Aus der Neuen Ordnung wurde deshalb Abendland. An der der inhaltlichen Ausrichtung soll sich jedoch nichts ändern. „Abendland” stehe für den Bezug auf „die ethnische, religiöse und kulturelle Tradition Europas und seiner Völker”, erklärt der Herausgeber. „Unsere Zeitschrift hat sich auch in den letzten Jahrzehnten in zahlreichen Artikeln immer wieder den historischen und geistigen Wurzeln unseres Seins gewidmet – nicht nur jenen Österreichs oder der deutschen Nation, sondern denen ganz Europas.” Genau dies solle der neue Name ausdrücken: „Es geht uns um Europa, um unseren Kontinent, um die Völker und die geistige Kultur dieses Erdteils”, fasst Dvorak-Stocker zusammen.

Der Verleger hatte vor mehr als 20 Jahren die Zeitschrift Neue Ordnung von Ernst Graf Strachwitz und Franz Frank übernommen. Ziel der Zeitschrift war es seit den 1950er-Jahren, die katholische und die nationale Rechte in Österreich zu vereinen. In den letzten Jahren widmete sich die Neue Ordnung verstärkt auch der sozialen Frage und räumte kapitalismuskritischen Stimmen viel Platz ein, wie Dvorak-Stocker im Editorial betont.


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Kultur

Der Geist bewegt die Welt“ – 120 Jahre Antoine de Saint-Exupéry

Gastautor

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am

Antoine de Saint-Exupéry (1900–1944) ist aufgrund seines Bestsellers „Der kleine Prinz” (1943) weltberühmt. Von dieser Erzählung über ein außerirdisches Wesen, das durch stetes Fragen den wahren Dingen auf den Grund gehen möchte, wurden bis heute 140 Millionen Exemplare in über 100 Sprachen verkauft. Es ist ein Kinderbuch auch für Erwachsene, für Träumer jeden Alters, das der seit Jugendtagen zeichnerisch begabte Autor selbst illustrierte. Aber das Werk von „Saint-Ex“ ist weit umfassender. Und es ist fest verbunden mit der Welt des Fliegens.

Porträt von Benedikt Kaiser

Antoine Jean-Baptiste Marie Roger de Saint-Exupéry, 1900 in Lyon als Spross einer bis ins Kreuzzugszeitalter nachverfolgbaren Familie zur Welt gekommen, saß als Zwölfjähriger das erste Mal in einem Flugzeug, was ihn nach eigenem Bekunden in Ekstase versetzte. Zu jung für den Einsatz im Ersten Weltkrieg, beendete der auf Schlössern aufgewachsene Jugendliche 1917 die Schule und immatrikulierte sich im Fachbereich Architektur. Es folgten Leidenszeiten des jungen Technik- und Wissenschaftsbegeisterten, der von Anstellung zu Anstellung wechselte, ohne seiner Leidenschaft – dem Fliegen – näherkommen zu können. Erst 1926 wurde er in einem Flugunternehmen tätig, ein Jahr später wurde er Postflieger zwischen Frankreich und den Kolonien im Norden Afrikas. 1929 nahm er eine leitende Stelle im südamerikanischen Luftverkehr ein. Neben diesen Tätigkeiten als fliegender Kurier unternahm Saint-Exupéry diverse Rekordversuche.

Saint-Exupéry stürzt ab – und kämpft sich hoch

Seine Abenteuerlust und die Suche nach dem Neuen führten zweimal infolge eines Absturzes dazu, dass er lebensbedrohlich verletzt wurde. Einmal – in der libyschen Wüste – überlebte er dank Nomaden, die seinen Kameraden und ihn fanden. Das andere Mal, beim Flug von der US-amerikanischen Ostküste an die südamerikanischen Ausläufer Feuerlands im Jahre 1938, blieben nachhaltige gesundheitliche Schäden zurück, die ihn bis ans Lebensende marterten. Diese Erfahrungen sog der Tat-Mensch Exupéry auf: Er verarbeitete sie, neben verschiedenen Zeitschriftenbeiträgen, im „Südkurier” (1928), dem „Nachtflug” (1931) sowie in „Wind, Sand und Sterne” (1939).

Saint-Exupéry (rechts) und Generalresident Marcel Peyrouton (links) in Tunis (1935).

Der handelnde, tätige Mensch ist eines der Leitmotive Saint-Exupérys. Der Drang nach Handlung hieß bei ihm ganz konkret: Sehnsucht nach dem Fliegen. Gesundheitlichen wie weltanschaulichen Widrigkeiten zum Trotze in der Luftwaffe des „freien Frankreichs“ unter Charles de Gaulle (während der Süden des Landes unter Marschall Pétain mit den Deutschen kooperierte und der Norden von diesen besetzt gehalten wurde) erhielt Saint-Ex nach einem Aufklärungsflug über Arras das Kriegsverdienstkreuz mit Palme.

Dies veranlasste ihn, 1942 die Erzählung „Flug nach Arras” zu publizieren. In ihr beschrieb er das Leben mit den Kameraden, das souveräne Dienen trotz der möglichen Niederlage, die Idee der bleibenden Résistance gegen die Feinde Frankreichs. Die Treue zum Vaterland verbot Saint-Ex ohnehin jedwede Kollaboration mit den Deutschen, obschon er de Gaulle ebenso instinktiv ablehnte wie er Marschall Pétain auf der anderen Seite der Front als Vaterfigur der Nation verehrte. Gleichwohl verblieb Saint-Exupéry im Lager de Gaulles: Man fühlt sich somit unweigerlich an das englische „Right or wrong – my country!“ auf Französisch erinnert. Dabei war Saint-Exupéry gewiss kein Republikaner. Das Prinzip der Gleichheit – elementarer Bestandteil der französisch-republikanischen Dreieinheit „Liberté, Egalité, Fraternité“ – irritierte ihn: Gleichheit existiere nur in konkreten Gemeinschaften, nie als Abstraktum.

Gleichheit? Nur vor Gott!

Beißende Kritik der Gleichheit und der „Vermassung“ ändern nichts daran, dass Saint-Exupéry von Liebe beseelt war und damit zu freizügig umging – seine zahllosen Liebschaften sprechen Bände. Zuallererst galt diese Liebe aber: Gott. Die fortschreitende Säkularisierung wurde von ihm kritisiert. Eine religiöse Renovatio wäre erforderlich, die Religion müsste „die Menschen ergreifen, sie kann sie sich nicht unterwerfen“. Dafür müsse sich der Mensch jedoch einiger Dinge gewahr werden:

„Jedes Herzklopfen, jedes Leid, jedes Verlangen, jede Schwermut am Abend, jede Mahlzeit, jede Mühe bei der Arbeit, jedes Lächeln, jede Müdigkeit im Laufe des Tages, jedes Erwachen, jedes Wohlbehagen beim Einschlafen – sie alle erhalten ihren Sinn durch den Gott, der durch sie hindurch zu lesen ist.”

Diese tiefe und alle Bereiche des Lebens berührende und strukturierende Gottgläubigkeit schützte Saint-Ex vor Hass auf die Gegner im Weltbürgerkrieg 1939–1945, aber auch vor unkritischer Solidarität mit den Alliierten in Form der Sowjetunion, die er als religiöser Mensch und konservativer Antikommunist ablehnte. Drohende Säuberungsaktionen gegen den möglichen Verlierer durch die anzunehmenden Siegerallianz von de Gaulle bis zu den Kommunisten fürchtete er. Er verlangte daher einen Akt des Vergessens für die folgende Nachkriegszeit in Frankreich. Bekanntermaßen wurde seine Hoffnung nicht gehört.

Kaum zu bezweifeln ist: Weder die Sieger noch die Verlierer des Zweiten Weltkrieges kämpften für das, wofür Saint-Exupéry eintrat. Dies hinderte ihn nicht daran, trotz fortwährender gesundheitlicher Unzulänglichkeiten weiter seinen Kriegsdienst zu leisten. Er startete am 31. Juli 1944 zu seinem letzten Aufklärungsflug im Großraum Grenoble, von dem er nie zurückkehrte. Ob seine Maschine von der deutschen Flak abgeschossen oder Opfer eines Unfalls wurde, ob er gar den Freitod vorzog, ist bis heute nicht final geklärt. Offiziell wird ein Abschuss vermutet. Doch sein letzter Brief vom Tage des Fluges, in dem Abschied anklingt, nährten zumindest Spekulationen über ein freiwilliges Ausscheiden aus dem Leben.

Ein Standbild von Saint-Exupéry bei einer Bootstour von einem See in der Nähe von Montreal, Kanada, Mai 1942 gefilmt.

Achtung vor Andersdenkenden – Saint-Ex statt Ausgrenzung

„Ein Mensch verdient Achtung”, so ein heute längst verworfenes Lebensprinzip Saint-Exupérys, „einerlei welche Ideen er vertritt“. 120 Jahre nach seiner Geburt sind derartige Maximen längst vergessen. Der Meinungskorridor wird enger, Andersdenkende werden durch den linksliberalen Mainstream ausgegrenzt und bekämpft. Das macht eine neue Lektüre von Saint-Ex umso dringlicher.


Über den Autor:
Benedikt Kaiser, Jg. 1987, ist Politikwissenschaftler (M.A.) und Publizist. Er ist Lektor im Verlag Antaios und Redakteur der Zeitschrift Sezession. Dort erschien im 91. Heft (August 2019) ein ausführliches Autorenporträt zu Antoine de Saint-Exupéry. Erstmals beschäftigte er sich mit dem französischen Solitär in Heft IV/2012 der Grazer Quartalszeitschrift Neue Ordnung.


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Interview

Jean Raspail hat sich niemals mit dem Zeitgeist gemein gemacht”

Redaktion

Veröffentlicht

am

Am letzten Wochenende verstarb der französische Schriftsteller Jean Raspail im Alter von 94 Jahren. Das Werk dieses katholischen Reaktionärs umfasst Dutzende Bücher, die zum Teil auch ins Deutsche übersetzt wurden – am bekanntesten ist sicherlich sein apokalyptischer Roman „Das Heerlager der Heiligen”. Die Tagesstimme sprach mit Konrad Markward Weiß, der Raspails Roman „Die Axt aus der Steppe” ins Deutsche übersetzt und im Wiener Karolinger Verlag veröffentlicht hat. Im Interview erzählt Weiß von seinem Treffen mit dem Schriftsteller und schildert das Besondere am Werk Raspails.

Tagesstimme: Vor einer Woche starb der Schriftsteller Jean Raspail im Alter von 94 Jahren. Sie haben Ihn 2016 in Paris besucht. Wie war Ihr erster persönlicher Eindruck von ihm?

Weiß: Derselbe, wie bei allen weiteren Kontakten, sei es brieflich, telefonisch oder bei meinen alljährlichen Besuchen: Jean Raspail war der Kavalier der alten Schule par excellence: Höflich, charmant, elegant, dabei herzlich und voller Interesse an seinem Gegenüber. Aber eben weit, weit entfernt von jeder distanzlosen Vertraulichkeit. Ein kleine Anekdote macht das deutlich: Selbstverständlich sprach ich Raspail immer mit Monsieur an, während er mich ebenfalls siezte, nach einiger Zeit aber in Verbindung mit meinem Vornamen. Er hatte den Takt, diese auch dem großen Altersunterschied geschuldete Asymmetrie immer wieder zu erwähnen und über Alternativen nachzudenken – aber zum Glück auch das Fingerspitzengefühl, es dann letztlich dabei zu belassen, zu meiner großen Erleichterung.

Tagesstimme: Sie haben im vergangenen Jahr den Roman „Die Axt aus der Steppe“ ins Deutsche übersetzt und im Karolinger Verlag veröffentlicht. In dem Roman reist Raspail „auf verwehten Spuren“, wie es im Buchtitel heißt. Auch hier zeigt sich ein zentrales Motiv in seinem Gesamtwerk: nämlich der Untergang bedrohter Kulturen. Alain de Benoist nannte Raspail einmal einen „Propheten des Untergangs“. Eine aus Ihrer Sicht korrekte Bezeichnung?

Weiß: Von den letzten Ainu, den Ureinwohnern Japans, zu den Uru in den Anden, von den letzten Alakaluf-Seenomaden in der Magellanstraße bis zum langen Todeskampf der Westgoten in Südfrankreich: Jean Raspail ist auf seinen Reisen um die Welt den Fährten der jeweils Letzten ihrer Art gefolgt. Er wollte in ihrem letztem Abendrot noch einen Blick auf diese Kulturen werfen. Es war aber nicht deren Untergang, der ihn interessierte, sondern ihre Andersartigkeit, die sie sich im besten Fall erhalten hatten, über viele Jahrhunderte, als immer kleinere, immer bedrängtere Minderheit. Oder eben umgekehrt der Moment, wo sie sich selbst verloren hatten, der Anfang von ihrem Ende. Raspail ging es nicht um den Untergang, sondern um das Andenken, um das Bewahren eines letzten Flämmchens. „Barde vergangener Völker und Lebensweisen“ trifft es also insgesamt eher.

Der Verleger und Übersetzer Konrad Markward Weiß. Bild: privat

Tagesstimme: Im deutschsprachigen Raum war Raspail vor allem wegen seines 1973 erstmals erschienenen apokalyptischen Romans „Das Heerlager der Heiligen“ bekannt. Gerade durch die große Asylkrise 2015, also Jahrzehnte später, gewann das Buch wieder an Bedeutung und Aktualität. Hatte Raspail ein besonderes Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen, oder wie erklären Sie sich die vielen Parallelen zwischen Roman und Wirklichkeit?

Weiß: Um an vorhin anzuschließen: Raspail hatte rund um die Welt so oft erlöschende Kulturen kennengelernt, dass er sehr genau wusste, was stets der Todeskeim gewesen war: Die Preisgabe der eigenen Identität: Von Stammesbewusstsein, Glaube, Traditionen, Ahnenverehrung, Sitten, Tabus – der Verlust der eigenen Lebensweise in jeder Hinsicht. Als er nach dem „nomadischen Teil seiner Existenz“ endgültig nach Frankreich zurückkehrte und viele dieser Symptome auch in seiner Heimat immer deutlicher wurden – es waren die Jahre nach 1968 – konnte er Kraft seiner vielen entsprechenden Erfahrungen „hochrechnen“, wohin auch hier die Reise gehen würde. Dass es ihm, bis zur geradezu beängstigend präzisen Wiedergabe des Neusprechs der „Eliten“ des Jahres 2015, also 40 Jahre im Voraus gelungen ist – da kam dann das Genialische dieses Schriftstellers hinzu.

Tagesstimme: Als Übersetzer kennen Sie Raspails Stil aus dem französischen Original. Wie würden Sie seine Art zu schreiben charakterisieren?

Weiß: Immer wieder: Mit dem klassisch raspailesken Vierklang, der sich durch sein ganzes Werk zieht: Stolz, Ironie, Zärtlichkeit, Melancholie. In diesem Tonfall erzählt Raspail seine Geschichten, darum kreisen seine wiederkehrende Leitmotive und dieser Vierklang charakterisiert auch gewisse archetypische Figuren, denen man bei ihm immer wieder begegnet. Während Literatur heute ja sonst weit überwiegend von Frauen gekauft und gelesen wird, begeistern Raspails Bücher und sein Stil erfahrungsgemäß mehrheitlich Männer; hier kommt wohl „das Kind im Manne“ ins Spiel… Aber in den seltenen Fällen, wo „Stolz, Zärtlichkeit und Melancholie“ Raspails literarisches Spiel an die Grenze eines „too much“ bringen, kommt als Vierte im Bunde rechtzeitig seine Ironie einher.

Tagesstimme: Raspail war Katholik, Traditionalist, Reaktionär und Monarchist – und befand sich damit in totaler Opposition zum heutigen modernen linksliberalen Zeitgeist. Für Karlheinz Weißmann war er einer der letzten Repräsentanten einer fast schon verschwundenen Welt. Ist es vielleicht genau diese Haltung, die Jean Raspail so besonders macht und die auf den Leser so faszinierend wirkt?

Weiß: Stellen wir den Vergleich mit den Mächtigen in heutigen Demokratien westlichen Zuschnitts an, sogar und gerade mit den Regierenden: Da ist ein fast schon verzweifeltes Bemühen, so zu sein, wie alle anderen auch, jeder Zeitgeistvolte atemlos zu folgen, ihr das Traditionelle und das Eigene bereitwillig zu opfern. Jean Raspails Haltung war ziemlich genau das Gegenteil von alldem. Das ist vielleicht eine Erklärung. Raspail hat sich während seines gesamten langen Lebens niemals mit dem Zeitgeist gemein gemacht und immer seine Haltung bewahrt; er hat dafür nicht Verständnis erheischt, sich nicht entschuldigt, nichts relativiert, sich nicht distanziert. Für ihn daraus resultierende Nachteile waren ihm einigermaßen gleichgültig. Ein Aphorismus unseres Autors Michael Klonovsky charakterisiert treffend auch Jean Raspail. Er war „ein Reaktionär, das heißt: Ein Konservativer, der keinen Wert mehr darauf legt, von irgendjemandem eingeladen zu werden.“

Tagesstimme: Vielen Dank für das Gespräch!

Über die Person:

Konrad Markward Weiß, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet in Wien als Verleger, Übersetzer und Publizist sowie im Bereich der Unternehmenskommunikation. Er ist patagonischer Vizekonsul zu Wien.

Karolinger Verlag: https://www.karolinger.at


Weiterlesen:

„Es lebe der König – Erinnerungen an Jean Raspail (1925 – 2020)” (von Konrad Markward Weiß)

„Jean Raspail im Alter von 94 Jahren verstorben”


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