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Kulturschock in München

Weihnachten weltoffen und klimaneutral

Weil ich diese spießigen Weihnachtsmärkte überhaupt nicht abkann, beschließe ich wieder einmal, das Wintertollwood-Festival in München zu besuchen – und stoße im ‚alternativen Weihnachtsmarkt‘ auf eine gar befremdliche Welt.

Meinungvon Gastautor
3 Minuten Lesezeit
<p>Symbolbild Tollwood-Festival München: Pixabay [CC0]</p>

Symbolbild Tollwood-Festival München: Pixabay [CC0]

Ein Bericht von Kassandra Schmidt

Hier ist man tolerant und weltoffen. Wo im spießigen Mief der Kleinstadt Augsburg die Rostbratwürste auf dem Grill vor sich hinvegetieren, zwischen allerlei christlich altbackenem Mumpitz, kann man hier im Herzen Münchens den Duft fremder Kulturen schnuppern und schmecken. So zumindest das Versprechen. Wird die Realität auch diesen hehren Anspruch abbilden?

Wo bleiben die ‚Neubürger‘ denn?

Nun ja, bei meinem Besuch dort ist man eher so ein bisserl unter sich. So höre ich an allen Ecken zwar Preußisch, Sächsisch und andere exotische Varianten unserer schönen bayerischen Sprache, doch unsere mittlerweile recht zahlreichen Neubürger suche ich hier dann doch vergebens. Komisch.

Allerdings muss ich sagen, es ist ein friedliches, schönes Feiern in dieser multikulturellen Gesellschaft. Taschenkontrollen wie im spießigen Augsburg gibt es hier Gott sei Dank nicht. Und der Weg für meinen Toyota Hilux bis hin zum Parkplatz direkt vor dem Festzelt ist frei und sehr bequem. Praktisch, die Anfahrt zu solch einem klimaneutralen Fest.

Irgendwas mit klimaneutral

Als ich über die Theresienwiese schlendere, muss ich feststellen, dass leider dieses Jahr wohl die Schoko-Erdbeeren dem Klima zum Opfer gefallen sind. Ich habe lediglich die Wahl zwischen Ananas, Kokos und Banane… Was soll‘s, Ananas ist auch lecker und mit einem guten Gewissen schlemmt es sich gleich noch einmal so schön.

Das Tollwood in München ist nämlich nicht nur in Sachen Weltoffenheit ein Vorreiter, sondern auch in Sachen Klimaschutz. Außerdem ist es auch noch das einzige Fest in unserer Gegend, welches in dieser Jahreszeit zum Großteil in voll beheizten Zelten stattfindet. Das ist schon wesentlich angenehmer, als sich bei der leider trotz Gretas eifriger Interventionen immer noch eisigen Kälte im Freien die Zehen abzufrieren.

Ein weihnachtlicher Vogel?

Auf dem Weg ins Food-Zelt, wo wir bei heimeligen (natürlich klimaneutralen) 20 Grad unser internationales Essen einnehmen wollen, kommt uns auch eines der berühmten Tollwoodmaskottchen entgegen: Ein 4 Meter hoher Vogel, gelenkt von mehreren, zwar nicht fremdkulturellen, aber immerhin französischen Puppenspielern.

Begleitet von indischer Musik und angetrieben von einem unauffälligen Dieselgenerator in seinem Leib, schreitet das majestätische Ungetüm hoheitsvoll an uns vorbei. Das ist schön, auch dieser Fantasievogel läuft mit dem gleichen Sprit wie mein japanischer Pickup.

Kulinarik und Geschrei von Welt

Im Foodzelt entschließe ich mich dann für ein thailändisches Green Curry, denn wie viele meiner Mitbürger unserer Zeit schätze ich die Abwechslung und bin auch schon recht weit herumgekommen in der Welt.

Ein bisschen traurig stimmt es mich aber immer noch, dass man hier so gar keine Frauen mit Mut zum Kopftuch oder lebhafte Gruppen schneidiger junger Männer mit ihrem einzigartigen Verständnis für Ehre und Tradition erblickt.

Allerdings: Hinten in einer Ecke des Zeltes bei der Geschirr-Rückgabe treffe ich dann doch noch (endlich!) auf einen Tellerwäscher, der ganz offensichtlich afrikanischer Herkunft ist. „Her! Gib alles!“, bellt er leicht ungeduldig ob meiner ungeschickten Zögerlichkeit, als ich vor ihm stehe.

Mir wird warm ums Herz, so kann, so muss Multikulti funktionieren.

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