Verbinde Dich mit uns
WERBUNG

Interview

Gunacker (DO5): „Wir wollen die schweigende Mehrheit in Österreich vernetzen”

Redaktion

Veröffentlicht

am

Die Bürgerbewegung „Die Österreicher” (DO5) will in diesem Jahr „die größte patriotische Kundgebung der Zweiten Republik” veranstalten. Die Tagesstimme traf D05-Bundesleiter Jakob Gunacker, um über die neue Bewegung, ihre Ziele und Forderungen sowie das Verhältnis zu den Identitären und der FPÖ zu sprechen.

Die Tagesstimme: Sie sind Leiter der noch jungen Bewegung „Die Österreicher”. Was steckt hinter dieser neuen Gruppierung und welche Ziele verfolgt sie?

Gunacker: Wir sind eine patriotische Sammlungsbewegung, die parteiunabhängig ist. Das Ziel ist, dass wir alle Patrioten vernetzen, weil es in der letzten Zeit einfach so war, dass es in Österreich keine patriotische Bürgerbewegung gegeben hat. Also im Vergleich zu Deutschland, wo es zum Beispiel PEGIDA gibt, haben wir in Österreich nichts Vergleichbares. Und das sehen wir als sehr problematisch an, weil wir die metapolitische Lage grundsätzlich natürlich als sehr wichtig erachten. Der vorpolitische Raum ist die Grundlage für jede politische Wende und wenn wir wirklich eine patriotische Wende erreichen wollen, dann braucht es auch ein metapolitisches Vorfeld, das parteiunabhängig ist, also zum Beispiel eine Bürgerbewegung, so wie wir das machen wollen, die die Leute zusammenbringt und vernetzt.

Wir veranstalten dazu etwa Bürgertreffpunkte. Es gibt nämlich tausende Menschen, die patriotische Videos schauen, die aber nicht vernetzt sind, sich nicht kennen und nichts voneinander wissen, obwohl sie vielleicht sogar Nachbarn sind.

Die Tagesstimme: Und welches konkrete Ziel verfolgen „Die Österreicher” damit?

Gunacker: Zuallererst werden wir im Spätsommer eine Demonstration organisieren, wo etwa 5.000 Leute kommen sollen. Das Ziel ist es, die schweigende Mehrheit in Österreich zu vernetzen, zu aktivieren, auf die Straße zu bringen und damit ein Zeichen zu setzen. Wir wollen die größte patriotische Kundgebung der Zweiten Republik veranstalten.

Die Tagesstimme: Das klingt nach einem sehr ambitionierten Ziel. Wie wollen Sie das erreichen?

Gunacker: Wir wollen die bereits überzeugten Patrioten durch Grund- und Basisaktivismus mobilisieren – etwa durch die vielen Bürgertreffpunkte in ganz Österreich. Diese Patrioten sollen regelmäßig Infostände organisieren, Flyer verteilen und Aktionen machen. Und so wollen wir auch die vielen FPÖ-Wähler in unser Boot holen und sie davon überzeugen, dass auch abseits der Wahlen noch mehr passieren muss.

Die Tagesstimme: Wie viele aktive Unterstützer hat die Bewegung denn bereits?

Gunacker: Interessenten gibt es derzeit um die 1.500 Leute und momentan unterstützen uns ca. 30 Personen finanziell.

Die Tagesstimme: Auf der Homepage findet sich ein Fünf-Punkte-Plan, in dem eine Leitkultur für Österreich gefordert wird. Was macht diese spezifisch österreichische Leitkultur für Sie aus und was müsste hier die Politik konkret umsetzen, um die Leitkultur zu fördern und zu stärken?

Gunacker: Eine Leitkultur ist notwendig, weil wir wollen, dass in Österreich, die österreichische Kultur auch in den nächsten 100 Jahren vorhanden ist und um sicherzustellen, dass Menschen, die sich hier nicht assimilieren oder anpassen wollen, einen gewissen Druck zu spüren bekommen. Dieser Druck ist notwendig, um eine natürliche Remigrationsrate zu erreichen. Wenn wir beispielsweise vom Kopftuchverbot reden: Dann gibt es einige, die danach freiwillig auswandern, weil es sie stört.

Was diese Leitkultur genau ausmacht, könnte man weit ausführen, ich möchte es aber auf ein paar prägnante Punkte reduzieren. Und zwar geht es darum, dass wir unsere Werte in den politischen Diskurs so einbringen, dass zum Beispiel der politische Islam Schwierigkeiten hat, sich hier auszubreiten. Kopftuchverbot in der Öffentlichkeit, für Lehrer, für Beamte…

Die Tagesstimme: Das ist jetzt eher eine negative Definition von Leitkultur. Wie würden Sie es positiv definieren?

Gunacker: Natürlich gibt es eine österreichische Kultur und sie ist etwas Positives. Es geht darum: Wir sind eine Bürgerbewegung, die gegen den Bevölkerungsaustausch auftritt. Das heißt, wir möchten, dass die Österreicher langfristig nicht zur Minderheit im eigenen Land werden. Und das erreichen wir eben dadurch, dass wir unsere Leitkultur in gewissen Bereichen durchsetzen. Und das ist nichts Negatives. Wir fordern ein Kopftuchverbot, weil wir eben nicht wollen, dass Frauen auf unseren Straßen verhüllt herumlaufen, da dann immer auch die Gefahr besteht, dass diejenigen, die nicht verhüllt sind, vor allem in Bezirken, wo Muslime die Mehrheit stellen, anders behandelt oder gar unterdrückt werden.

Für uns ist es etwas Positives, dass wir zu unseren Werten stehen. Die wollen wir auch vermitteln und dass sich in der Politik ganz klar abzeichnet, was unsere Werte sind und welche es nicht sind. Und diejenigen, die diese Werte nicht teilen, entweder einen Druck verspüren, sich anzupassen oder dass sie eben das Land verlassen müssen. Österreich ist eben Österreich und soll es auch bleiben.

Die Tagesstimme: Also ist es für Sie nicht legitim, wenn Migranten in Österreich ihre eigene Kultur erhalten und behaupten wollen?

Gunacker: Doch. Es gibt Minderheitenrechte, das hat es immer schon gegeben und es ist auch in unserer Verfassung verankert. Aber unsere Verfassung unterscheidet auch zwischen autochthonen Minderheiten und nicht-autochthonen wie zum Beispiel dem Islam, der sich hier ausbreitet und der in gewissen Altersbereichen bereits Mehrheiten darstellt. Der Große Austausch hat in vielen Bezirken in Wien bereits stattgefunden. Im 5. Bezirk haben wir nur noch 12 Prozent der Kinder, die Deutsch als Umgangssprache sprechen. Diese Entwicklungen muss man klar benennen.

Also natürlich können Migranten ihre Kultur behalten, aber wenn eine Gruppe etwa durch sehr hohe Geburtenraten langfristig zur Mehrheit wird, muss man dagegensteuern. Das hat dann nichts mehr mit Minderheitenrechten zu tun, sondern es geht darum, dass die Mehrheitsgesellschaft aufrechterhalten bleibt. Das ist dann ein Schutz der Mehrheitsgesellschaft, der genauso legitim ist und im Art. 8 Abs. 2 des Bundesverfassungsgesetzes niedergeschrieben wurde. [„Die Republik (Bund, Länder und Gemeinden) bekennt sich zu ihrer gewachsenen sprachlichen und kulturellen Vielfalt, die in den autochthonen Volksgruppen zum Ausdruck kommt. Sprache und Kultur, Bestand und Erhaltung dieser Volksgruppen sind zu achten, zu sichern und zu fördern.”, Anm. der Redaktion]

Die Tagesstimme: Auf der Homepage ist neben Ihnen auch der Leiter der Identitären Bewegung Österreich, Martin Sellner, angeführt. Handelt es sich bei den Österreichern, wie etwa „Der Standard” schrieb, um einen Ableger der Identitären?

Gunacker: „Die Österreicher” sind eine eigenständige Gruppe, aber es gibt personelle Überschneidungen. Wir distanzieren uns auch nicht von den Identitären oder ihren Aktivisten. Sie sind bei den „Österreichern” herzlich willkommen. Wir sind allgemein offen für alle Patrioten beziehungsweise alle Menschen in Österreich. Der einzige gemeinsame Nenner, der vorhanden sein muss, ist, dass sie dem Fünf-Punkte-Plan gegen den Bevölkerungsaustausch zustimmen. Das heißt, wir sind auch offen für Migranten, für alle Altersgruppen etc., also für jeden, der mit uns in diesen fünf Punkten übereinstimmt.

Die Tagesstimme: Sie haben „Die Österreicher” anfangs als parteiunabhängig bezeichnet. Aber gibt es Kontakte zur FPÖ, die aktuell die einzige patriotische Partei im Parlament ist?

Gunacker: Nein, Kontakte gibt es keine und wir suchen sie auch nicht. Wir wollen gar keine Kontakte zur FPÖ oder zu anderen Parteien haben. Wir bleiben eine eigenständige und unabhängige Bürgerbewegung und es ist uns egal, welche Partei unsere Ziele umsetzt. Wir wollen auf gewisse Missstände aufmerksam machen, wir wollen den Bevölkerungsaustausch in den demokratischen Diskurs einbringen, damit die Parteien darüber debattieren.

Außerdem finanzieren wir uns ausschließlich über Spenden, die einfache Bürger uns zukommen lassen. Eigenständig und unabhängig.

Die Tagesstimme: Sie selbst sind als Person bisher ein politisch unbeschriebenes Blatt. Woher kam plötzlich der Impuls, Leiter einer Bewegung zu werden? Und waren Sie früher schon politisch aktiv beziehungsweise wie beschreiben Sie Ihren bisherigen politischen Werdegang?

Gunacker: Ich war zuvor identitärer Aktivist, davor aber überhaupt nicht politisch aktiv gewesen. Also eigentlich war ich früher sogar links, habe mich dann aber mehr politisch informiert und bin irgendwann zur Erkenntnis gekommen, dass im demographischen Bereich in Österreich einiges schief läuft. Ich habe gemerkt, dass die Österreicher langfristig zur Minderheit im eigenen Land werden. Es ist wichtig, dass man darüber spricht und ich finde es wirklich erschreckend, dass bis heute keine echte Debatte darüber stattfindet und dieses Thema pauschal als „Nazi” abgestempelt wird. Das sehe ich für unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat als sehr problematisch an. Deshalb bin ich politisch aktiv geworden.

Die Tagesstimme: Sie scheinen im Internet auch als „zertifizierter Coach“ des „instinktbasierenden medizinischen Systems“ (IBMS) auf. Kritiker sprechen hier von einer Esoterik-Sekte. Das Mastermind dahinter ist ein gewisser Leonard Coldwell, der auch mit der Reichsbürger-Szene sympathisieren und Verschwörungstheorien verbreiten soll. Was hat es damit auf sich und wie stehen Sie dazu?

Gunacker: Also grundsätzlich habe ich mich sehr viel im alternativmedizinischen Bereich fortgebildet, unabhängig von Dr. Leonard Coldwell, unabhängig von IBMS. Ich habe sehr viel über Ernährung und Gesundheit gelernt, habe auch einige Schulungen gemacht in diesem Bereich.

Abgesehen davon bin ich dann irgendwann auf das Thema Krebs gestoßen und fand die Ansätze, die Coldwell vertritt, medizinisch gesehen teilweise sehr interessant, habe aber seine politischen Kommentare oder Ähnliches nie richtig verfolgt. Ich bin der Meinung, dass jeder das Recht haben sollte eigene Ansichten zu vertreten. Nur weil ich Coldwells medizinische Ansätze interessant finde, bedeutet das nicht, dass ich in jedem Punkt seiner Meinung bin. Es ist einfach so, dass Coldwell aus den USA kommt und dort bedeuten Meinungsfreiheit & Libertarismus etwas anderes als hier. In Amerika ist das einfach libertär, was er sagt, in Deutschland und Österreich wird es der Reichsbürger-Szene zugeschrieben.

Wie gesagt, stimme ich nicht mit allem überein, was Coldwell sagt, ich finde aber seinen kritischen Zugang zur Schulmedizin interessant und da hat er meiner Meinung nach in vielen Punkten auch recht und ist ein wichtiges Sprachrohr. Das ist auch der Grund, warum ich zu Treffen gegangen bin – weil ich mich mit alternativmedizinischen Ärzten und anderen Leuten, die in diesem Bereich aktiv sind, vernetzen wollte. Ich habe es bei Menschen immer so gehandhabt, dass ich mir die Dinge herausgenommen habe, die mich interessieren, und den Rest, der mich nicht interessiert oder den ich ablehne, einfach links liegen gelassen habe.

Die Tagesstimme: Der mediale Fokus auf IBMS ist Ihrer Meinung also eine Verkürzung Ihrer Beschäftigung mit dem Thema und auch politisch nicht relevant?

Gunacker: Nein, politisch habe ich dieses Thema nie gesehen. Es war eine Vernetzungsmöglichkeit, um mit alternativmedizinischen Ärzten und Heilpraktikern in Kontakt zu kommen und mich mit ihnen auszutauschen und mich weiterzubilden. Als politische Plattform werden wir das nicht benutzen und es sind auch keine Kontakte vorhanden.

Die Tagesstimme: Sind Sie in dieser alternativmedizinischen Szene noch aktiv?

Gunacker: Nein, ich habe, als ich mich entschieden habe, politisch aktiv zu werden, meine Prioritäten neu gesetzt und mich davon gelöst. Ich habe Ausbildungen gemacht, hauptsächlich für mich selbst, um dieses Thema auch zu verstehen. Mit der Coach-Ausbildung wollte ich mich persönlich weiterentwickeln. Außerdem bin ich kein Mitglied mehr bei IBMS und habe mit den Leuten nichts zu tun. Ich wollte dort eben, wie erwähnt, Kontakte im alternativmedizinischen Bereich knüpfen. Dass Coldwell hier seine politischen Ansichten hereinbrachte, hat mich nie wirklich interessiert.

Die Tagesstimme: Vielen Dank für das Interview!

Jakob Gunacker ist ein 24-jähriger Wirtschaftsingenieur und Betriebsinformatiker aus Wien. Er leitet die patriotische Bürgerbewegung „Die Österreicher”

Klicken zum Kommentieren

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Gesellschaft

Wir werden dem Gericht die Fehler seiner Begründung vorhalten“

Redaktion

Veröffentlicht

am

Der Bundesverfassungsschutz stuft die Identitäre Bewegung Deutschland (IBD) mittlerweile als „gesichert rechtsextrem” ein. Dagegen wollten sich die Identitären in einem Eilantrag vor dem Verwaltungsgericht Berlin juristisch wehren. Doch das Gericht wies den Antrag zurück. Der Rechtsanwalt Gerhard Vierfuß vertritt die Identitären in ihrem Verfahren. Im Interview mit der Tagesstimme kritisiert er die Begründung des Gerichts und weist die Vorwürfe der Behörden zurück.

Tagesstimme: Im neuen Verfassungsschutzbericht wird die Identitäre Bewegung Deutschland als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft. Die IBD wollte sich rechtlich dagegen wehren, doch das Berliner Verwaltungsgericht lehnte den Antrag der Identitären ab. Können Sie uns die wichtigsten Punkte der Begründung kurz zusammenfassen?

Vierfuß: Es gibt eigentlich nur einen Hauptpunkt in der Begründung des Beschlusses, und den fasst das Gericht selbst in seiner Pressemitteilung vom 23.06.2020 so zusammen: „Insbesondere verstoße ihre (d.i. der IBD) zentrale Forderung nach dem Erhalt der ethnokulturellen Identität gegen die Menschenwürde, weil hierdurch einzelne Personen oder Personengruppen wie Menschen zweiter Klasse behandelt würden.“ Die 1. Kammer des VG Berlin beurteilt also, was ich sehr begrüße, ganz grundsätzlich das programmatische Kernanliegen der Identitären Bewegung und kommt zu dem Ergebnis, es sei mit Art.1 Abs. 1 des deutschen Grundgesetzes nicht vereinbar.

Die Forderung nach dem Erhalt der ethnokulturellen Identität – nicht etwa nur des deutschen, sondern aller Völker, wie es etwas später insoweit zutreffend ebenfalls in der Pressemitteilung heißt – ist dieselbe, die völkerrechtlich unter dem Titel „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ weltweit anerkannt und in zahlreichen Pakten und Deklarationen kodifiziert wurde. Das könnte zu denken geben.

Tagesstimme: Ein Streitpunkt ist auch der „ethnische Volksbegriff“. Der IBD wurde vom Gericht vorgeworfen, das deutsche Volk „ausschließlich ethnisch“ zu definieren…

Vierfuß: Ja, das Gericht hält auch speziell den Begriff des deutschen Volkes, den die IBD ihren Stellungnahmen zugrundelegt, für unvereinbar mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Dabei schiebt das Gericht allerdings der IBD einen Begriff unter, den sie tatsächlich nicht verwendet: Das Verwaltungsgericht Berlin behauptet nämlich, die IBD definiere das deutsche Staatsvolk ausschließlich ethnisch und grenze damit alle diejenigen deutschen Staatsangehörigen, die nicht in diesem ethnischen Sinn Deutsche sind (also z.B. neu Eingebürgerte), aus dem deutschen Staatsvolk aus. Das ist selbstverständlich falsch, und das hat die IBD auch oftmals im Verlauf des bisherigen Verfahrens betont. Allerdings ist zuzugeben, dass diese Rechtsmaterie nicht einfach ist und eine Bereitschaft zu differenziertem Nachdenken voraussetzt, die bei der Kammer offensichtlich nicht gegeben war.

Tagesstimme: Können Sie das noch etwas genauer ausführen?

Vierfuß: Ich versuche, es zu erklären: Deutschland ist ein Nationalstaat. Er wurde 1871 gegründet – die Identität der BRD mit dem Deutschen Reich wurde vom Bundesverfassungsgericht mehrfach festgestellt und ist in der Rechtswissenschaft unstrittig – als Staat des deutschen Volkes, das also ein Volk war, bevor es einen Staat hatte, somit als Volk sich begreifend durch Merkmale wie Kultur, Geschichte, Herkunft, ethnische Merkmale also. Dieser Staat verfasste sich 1949 neu mit dem Bonner Grundgesetz, das klar Bezug nahm auf seine Vorgeschichte und auf das von ihm als vorgängig erkannte deutsche Volk. Dies lässt sich ablesen an der ursprünglichen Präambel und an dem Art. 116 Abs. 1, in dem von deutschen Volkszugehörigen ohne deutsche Staatsangehörigkeit die Rede ist. Jeder des logischen Denkens ansatzweise Fähige erkennt daran, dass das Grundgesetz – auch – einen Begriff des deutschen Volkes verwendet, der unabhängig ist von der deutschen Staatsangehörigkeit.

Dies bedeutet freilich nicht, dass das deutsche Staatsvolk durch ethnische Kriterien definiert wäre. Dies hat die IBD zu keinem Zeitpunkt behauptet; die deutschen Staatsorgane unterstellen es wider besseres Wissen. Es bedeutet aber, dass der deutsche Staat cum grano salis der Staat der Deutschen ist und bleiben muss; ein Staat, in dem die ethnisch Deutschen das Staatsvolk prägen. Indes: Wer tatsächlich und konkret zum deutschen Staatsvolk gehört, das legen die deutschen Gesetze fest. Zweierlei Recht unter deutschen Staatsangehörigen wäre mit dem Rechtsstaatsprinzip und den Demokratieprinzip unvereinbar.

Es geht hier um zwei ganz verschiedene Kategorien, einerseits um ein Sollen – die Staatsorgane sollen dafür sorgen, dass das Staatsvolk überwiegend ethnisch deutsch bleibt – und anderseits um ein Können – sie können, wie sie es tun, das Grundgesetz mit Füßen treten und eine multi-ethnische Gesellschaft errichten, sich gewissermaßen ihr eigenes Volk zusammensuchen, dessen Angehörige dann alle gleiche staatsbürgerliche Rechte haben. Die Identitäre Bewegung Deutschland fordert, dass die deutschen Staatsorgane dem Sollen Folge leisten. Das ist alles.

Tagesstimme: Geht es bei der Einstufung als „rechtsextremistisch“ nur um juristische und ideologische Fragen oder auch um den Aktivismus und die politische Praxis der IBD?

Vierfuß: Es geht auch um einzelne Aktionen der IBD, die ebenfalls gerne von den Vertretern der BRD als „menschenwürdewidrig“ denunziert werden. Ich habe an anderer Stelle den Art. 1 Abs. 1 GG als „juristische Allzweckwaffe“ bezeichnet. Er ist aufgrund seiner Unbestimmtheit perfekt dafür instrumentalisierbar, eine unbequeme Opposition mundtot zu machen.

Der Aktivismus wird zum allergrößten Teil, wenn nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt diffamiert, dass in ihm die vermeintlich grundgesetzwidrige Grundausrichtung der IBD zum Ausdruck komme. Da diese Einschätzung, wie ich zu zeigen versucht habe, falsch ist, bleibt auch von der Kritik an den einzelnen Aktionen wenig bis nichts übrig.

Tagesstimme: Welche rechtlichen Möglichkeiten bleiben der Identitären Bewegung jetzt noch?

Vierfuß: Fast alle. Wir stehen ganz am Anfang der juristischen Auseinandersetzung, was die Entscheidungen betrifft. Das VG Berlin ist nach wie vor die erste Instanz, und der Beschluss vom 19. Juni betraf nur das Gesuch der IB um vorläufigen Rechtsschutz. Wichtig war die Entscheidung gleichwohl, weil vor derselben Kammer seit zweieinhalb Jahren auch das Hauptsacheverfahren läuft, sie also, anders als z.B. in dem gleichen Verfahren der Jungen Alternative für Deutschland, intensiv mit der Materie befasst. Daraus erwächst einerseits eine gewisse Befürchtung, das Urteil 1. Instanz im Hauptsacheverfahren – das voraussichtlich am 12. November stattfinden wird – sei im Grunde damit schon geschrieben. Auf der anderen Seite bietet der jetzige Beschluss jedoch einen Vorteil für die IBD: Sie hat jetzt eine Begründung der Rechtsauffassung des Gerichts, die offenkundig mangelhaft ist. Wir werden dem Gericht die Fehler seiner Begründung vorhalten. Es wird sich beim zweiten Versuch sehr viel mehr Mühe geben müssen – und vielleicht dadurch zu einem anderen Ergebnis kommen.

Tagesstimme: Vielen Dank für das Interview!

Über die Person:

Gerhard Vierfuß ist Rechtsanwalt und vertritt die Identitäre Bewegung Deutschland in ihren Rechtsstreitigkeiten mit der Bundesrepublik Deutschland. Hier twittert er.


Wir schreiben aus Überzeugung!
In Zeiten von einheitlichem Mainstream, Falschmeldungen und Hetze im Internet ist eine kritische Stimme wichtiger denn je. Ihr Beitrag stärkt die TAGESSTIMME und ermöglicht ein inhaltsvolles rechtes Gegengewicht.

 

Sie wollen ein politisches Magazin ohne Medienförderung durch die Bundesregierung? HIER gibt es das FREILICH Magazin im Abonnement: www.freilich-magazin.at/#bestellen

 

Weiterlesen

Interview

Jean Raspail hat sich niemals mit dem Zeitgeist gemein gemacht”

Redaktion

Veröffentlicht

am

Am letzten Wochenende verstarb der französische Schriftsteller Jean Raspail im Alter von 94 Jahren. Das Werk dieses katholischen Reaktionärs umfasst Dutzende Bücher, die zum Teil auch ins Deutsche übersetzt wurden – am bekanntesten ist sicherlich sein apokalyptischer Roman „Das Heerlager der Heiligen”. Die Tagesstimme sprach mit Konrad Markward Weiß, der Raspails Roman „Die Axt aus der Steppe” ins Deutsche übersetzt und im Wiener Karolinger Verlag veröffentlicht hat. Im Interview erzählt Weiß von seinem Treffen mit dem Schriftsteller und schildert das Besondere am Werk Raspails.

Tagesstimme: Vor einer Woche starb der Schriftsteller Jean Raspail im Alter von 94 Jahren. Sie haben Ihn 2016 in Paris besucht. Wie war Ihr erster persönlicher Eindruck von ihm?

Weiß: Derselbe, wie bei allen weiteren Kontakten, sei es brieflich, telefonisch oder bei meinen alljährlichen Besuchen: Jean Raspail war der Kavalier der alten Schule par excellence: Höflich, charmant, elegant, dabei herzlich und voller Interesse an seinem Gegenüber. Aber eben weit, weit entfernt von jeder distanzlosen Vertraulichkeit. Ein kleine Anekdote macht das deutlich: Selbstverständlich sprach ich Raspail immer mit Monsieur an, während er mich ebenfalls siezte, nach einiger Zeit aber in Verbindung mit meinem Vornamen. Er hatte den Takt, diese auch dem großen Altersunterschied geschuldete Asymmetrie immer wieder zu erwähnen und über Alternativen nachzudenken – aber zum Glück auch das Fingerspitzengefühl, es dann letztlich dabei zu belassen, zu meiner großen Erleichterung.

Tagesstimme: Sie haben im vergangenen Jahr den Roman „Die Axt aus der Steppe“ ins Deutsche übersetzt und im Karolinger Verlag veröffentlicht. In dem Roman reist Raspail „auf verwehten Spuren“, wie es im Buchtitel heißt. Auch hier zeigt sich ein zentrales Motiv in seinem Gesamtwerk: nämlich der Untergang bedrohter Kulturen. Alain de Benoist nannte Raspail einmal einen „Propheten des Untergangs“. Eine aus Ihrer Sicht korrekte Bezeichnung?

Weiß: Von den letzten Ainu, den Ureinwohnern Japans, zu den Uru in den Anden, von den letzten Alakaluf-Seenomaden in der Magellanstraße bis zum langen Todeskampf der Westgoten in Südfrankreich: Jean Raspail ist auf seinen Reisen um die Welt den Fährten der jeweils Letzten ihrer Art gefolgt. Er wollte in ihrem letztem Abendrot noch einen Blick auf diese Kulturen werfen. Es war aber nicht deren Untergang, der ihn interessierte, sondern ihre Andersartigkeit, die sie sich im besten Fall erhalten hatten, über viele Jahrhunderte, als immer kleinere, immer bedrängtere Minderheit. Oder eben umgekehrt der Moment, wo sie sich selbst verloren hatten, der Anfang von ihrem Ende. Raspail ging es nicht um den Untergang, sondern um das Andenken, um das Bewahren eines letzten Flämmchens. „Barde vergangener Völker und Lebensweisen“ trifft es also insgesamt eher.

Der Verleger und Übersetzer Konrad Markward Weiß. Bild: privat

Tagesstimme: Im deutschsprachigen Raum war Raspail vor allem wegen seines 1973 erstmals erschienenen apokalyptischen Romans „Das Heerlager der Heiligen“ bekannt. Gerade durch die große Asylkrise 2015, also Jahrzehnte später, gewann das Buch wieder an Bedeutung und Aktualität. Hatte Raspail ein besonderes Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen, oder wie erklären Sie sich die vielen Parallelen zwischen Roman und Wirklichkeit?

Weiß: Um an vorhin anzuschließen: Raspail hatte rund um die Welt so oft erlöschende Kulturen kennengelernt, dass er sehr genau wusste, was stets der Todeskeim gewesen war: Die Preisgabe der eigenen Identität: Von Stammesbewusstsein, Glaube, Traditionen, Ahnenverehrung, Sitten, Tabus – der Verlust der eigenen Lebensweise in jeder Hinsicht. Als er nach dem „nomadischen Teil seiner Existenz“ endgültig nach Frankreich zurückkehrte und viele dieser Symptome auch in seiner Heimat immer deutlicher wurden – es waren die Jahre nach 1968 – konnte er Kraft seiner vielen entsprechenden Erfahrungen „hochrechnen“, wohin auch hier die Reise gehen würde. Dass es ihm, bis zur geradezu beängstigend präzisen Wiedergabe des Neusprechs der „Eliten“ des Jahres 2015, also 40 Jahre im Voraus gelungen ist – da kam dann das Genialische dieses Schriftstellers hinzu.

Tagesstimme: Als Übersetzer kennen Sie Raspails Stil aus dem französischen Original. Wie würden Sie seine Art zu schreiben charakterisieren?

Weiß: Immer wieder: Mit dem klassisch raspailesken Vierklang, der sich durch sein ganzes Werk zieht: Stolz, Ironie, Zärtlichkeit, Melancholie. In diesem Tonfall erzählt Raspail seine Geschichten, darum kreisen seine wiederkehrende Leitmotive und dieser Vierklang charakterisiert auch gewisse archetypische Figuren, denen man bei ihm immer wieder begegnet. Während Literatur heute ja sonst weit überwiegend von Frauen gekauft und gelesen wird, begeistern Raspails Bücher und sein Stil erfahrungsgemäß mehrheitlich Männer; hier kommt wohl „das Kind im Manne“ ins Spiel… Aber in den seltenen Fällen, wo „Stolz, Zärtlichkeit und Melancholie“ Raspails literarisches Spiel an die Grenze eines „too much“ bringen, kommt als Vierte im Bunde rechtzeitig seine Ironie einher.

Tagesstimme: Raspail war Katholik, Traditionalist, Reaktionär und Monarchist – und befand sich damit in totaler Opposition zum heutigen modernen linksliberalen Zeitgeist. Für Karlheinz Weißmann war er einer der letzten Repräsentanten einer fast schon verschwundenen Welt. Ist es vielleicht genau diese Haltung, die Jean Raspail so besonders macht und die auf den Leser so faszinierend wirkt?

Weiß: Stellen wir den Vergleich mit den Mächtigen in heutigen Demokratien westlichen Zuschnitts an, sogar und gerade mit den Regierenden: Da ist ein fast schon verzweifeltes Bemühen, so zu sein, wie alle anderen auch, jeder Zeitgeistvolte atemlos zu folgen, ihr das Traditionelle und das Eigene bereitwillig zu opfern. Jean Raspails Haltung war ziemlich genau das Gegenteil von alldem. Das ist vielleicht eine Erklärung. Raspail hat sich während seines gesamten langen Lebens niemals mit dem Zeitgeist gemein gemacht und immer seine Haltung bewahrt; er hat dafür nicht Verständnis erheischt, sich nicht entschuldigt, nichts relativiert, sich nicht distanziert. Für ihn daraus resultierende Nachteile waren ihm einigermaßen gleichgültig. Ein Aphorismus unseres Autors Michael Klonovsky charakterisiert treffend auch Jean Raspail. Er war „ein Reaktionär, das heißt: Ein Konservativer, der keinen Wert mehr darauf legt, von irgendjemandem eingeladen zu werden.“

Tagesstimme: Vielen Dank für das Gespräch!

Über die Person:

Konrad Markward Weiß, Jahrgang 1977, lebt und arbeitet in Wien als Verleger, Übersetzer und Publizist sowie im Bereich der Unternehmenskommunikation. Er ist patagonischer Vizekonsul zu Wien.

Karolinger Verlag: https://www.karolinger.at


Weiterlesen:

„Es lebe der König – Erinnerungen an Jean Raspail (1925 – 2020)” (von Konrad Markward Weiß)

„Jean Raspail im Alter von 94 Jahren verstorben”


Wir schreiben aus Überzeugung!
In Zeiten von einheitlichem Mainstream, Falschmeldungen und Hetze im Internet ist eine kritische Stimme wichtiger denn je. Ihr Beitrag stärkt die TAGESSTIMME und ermöglicht ein inhaltsvolles rechtes Gegengewicht.

 

Sie wollen ein politisches Magazin ohne Medienförderung durch die Bundesregierung? HIER gibt es das FREILICH Magazin im Abonnement: www.freilich-magazin.at/#bestellen

Weiterlesen

Interview

Sprache wird zunehmend zum Werkzeug der Unterdrückung”

Redaktion

Veröffentlicht

am

Der Schriftsteller, Autor und Werbefachmann Thor Kunkel veröffentlichte unlängst sein neuestes Werk „Das Wörterbuch der Lügenpresse”. Darin rechnet er mit Sprachverdrehungen, Sprechverboten und anderen Manipulationen der etablierten Medien ab. Im Tagesstimme-Interview spricht Kunkel über sein medienkritisches Buch, „Political Correctness” und die Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz. Außerdem erzählt er über seine persönlichen Erlebnisse im linksliberalen Establishment, seinen nächsten Roman und die unzensierte Neuausgabe seines Skandalbuchs „Endstufe”.

Tagesstimme: Sie sind eigentlich bekannt für Ihre Romane. Nun ist im April Ihr neuestes Buch „Das Wörterbuch der Lügenpresse“ beim Kopp-Verlag erschienen. Warum haben Sie genau jetzt ein solch klar politisches Werk geschrieben?

Kunkel: Da fängt es schon an: Die Beschäftigung mit dem veränderten Sprachgebrauch der Medien ist für Sie ein Politikum. Und natürlich haben Sie recht: Sprache macht heute Politik, und Politik macht Sprache. Vielleicht war das schon immer so. Tatsache ist aber, dass in Deutschland eine Grenze überschritten wurde. Sprache wird zunehmend zum Werkzeug der Unterdrückung und Gedankenkontrolle. Sprechverbote und „verminte Gebiete” – wie die deutsche Geschichte – sind alltäglich geworden.

Umgekehrt erleben wir wie unsere Qualitätsmedien gezielt Begriffe wie „Alltagsrassismus” und „Willkommenskultur” in die Welt setzen, obwohl beide Neologismen derartige Unschärferelationen aufweisen, dass sie nichtssagend sind. Wenn ich heute lese, ein „Mann” habe „Gewalt gegen den Hals seiner Frau ausgeübt„oder ein Gambier sei „in Konflikt mit dem Vollzugsdienst geraten”, dann sind das unsägliche Entstellungen unserer Sprache, die einst wegen ihrer Präzision gerühmt wurde.

Im Übrigen verschleiern solche Formulierungen die Realität. Am irrwitzigsten fand ich kürzlich die Umschreibung junger, muslimischer Gewalttäter im Zusammenhang mit einem Karnevalsumzug; da hieß es eine „Gruppe junger Männer, die keinen Alkohol tranken und auch nicht mitfeiern wollten”, sei „massiv in Erscheinung” getreten. Ich ertrage so ein Deutsch nicht, tut mir leid, ich habe die Schnauze voll.

Tagesstimme: Aber trifft der Begriff „Lügenpresse“ so pauschal wirklich auf den Punkt?

Kunkel: Die Alternative wäre „Das Wörterbuch des Täuscherhandwerks” gewesen, doch mir klang das zu sperrig. Wir haben tatsächlich lange überlegt, ob man den Begriff, der übrigens schon vor dem Dritten Reich existierte, benutzen sollte, doch wenn man gradfadig ist – wie man in der Schweiz sagt –, dann läuft die Arbeit der Mainstream Medien nun mal auf das Gegenteil einer möglichst objektiven Berichterstattung hinaus. Die Sprache, in der die meisten Berichte zu Migration, Ausländerkriminalität und multikulturellem Zusammenleben verfasst werden, würde ich daher „Zwecklügen-Deutsch” nennen. Folglich ist der Titel korrekt.

Tagesstimme: Aktuell beherrschen die ‚Black Lives Matter’-Proteste und die Rassismus-Diskussion den öffentlichen Diskurs. Wie bewerten Sie in diesem Fall die mediale Berichterstattung, haben wir es hier auch mit Manipulationen zu tun?

Kunkel: Die Medien berichten erneut manipulativ: Nirgends wird erwähnt, dass das farbige Opfer ein Drogendealer war, der – frisch aus dem Gefängnis entlassen – erneut straffällig wurde. Und ganz ähnlich wie wir das inzwischen auch aus Deutschland kennen, haben farbige Kriminelle mehr Kampfgeist als weiße, immer wieder tragen Fahrkartenkontrolleure oder Polizisten bei der Verhaftung von Afrikanern sogar Bisswunden davon. So etwas gab es vor 2015 – dem Jahr unserer „Bereicherung”– nicht. Es ist also gut möglich, dass auch der inzwischen in einem vergoldeten Sarg beigesetzte Dealer vorher ordentlich ausgeteilt hat. Hier wäre investigativer Journalismus wirklich vonnöten, doch da es wahrscheinlich ist, dass die Reporter etwas finden, was ihr grünlinksliberales Propagandablatt brüskiert, wird eben nicht nachgeforscht, sondern der Vorwurf des Rassismus kurzerhand auch auf die gesamte deutsche Polizei ausgedehnt. Man befeuert den Generalverdacht. Dass die Polizei die Kriminalität nicht mehr bekämpft, sondern nur noch verwaltet, steht dagegen auf einem anderen Blatt. Wir wissen, dass unsere Freunde und Helfer über Jahrzehnte das Wachstum der kriminellen Araberclans schlichtweg ignorierten. Hier wäre Protest gegen die marode Polizeistruktur Deutschlands wohl eher angebracht.

Tagesstimme: Der ehemalige Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen verglich die heutigen deutschen Medien vor einiger Zeit mit der DDR-Presse. Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) sei für ihn jedoch so etwas wie „Westfernsehen“. Sie leben in der Schweiz. Ist der Unterschied zu Deutschland wirklich so groß?

Kunkel: Ja, zumindest sprachlich. Nur zum Beispiel, eine Schlagzeile wie „Kosovare schlitzt Schwinger die Kehle auf” wäre in Deutschland undenkbar. Die seriösen Blätter folgen natürlich ebenfalls dem politisch-korrekten Zivilkodex, indem sie Herkunft und Religion von Vergewaltigern und Raubmördern verschweigen, insgesamt hat man aber den Eindruck, dass nicht alle Zeitungen so gleichgeschaltet sind wie in Deutschland.

Tagesstimme: Woran liegt das Ihrer Ansicht nach? Ist das gesellschaftliche Klima in beiden Ländern so unterschiedlich?

Kunkel: Die deutschen Medien begreifen sich noch immer als Instrument der 1945 beschlossenen Umerziehung der Deutschen, etwas derartiges gibt es in der Schweiz nicht. Natürlich sind hier die Journalisten auch über wiegend links, doch haben sie keinen historisch abgesicherten Auftrag, das Volk permanent einzuschüchtern und zu bevormunden. Man könnte letzteres – sarkastisch formuliert – als Kernkompetenz der deutschen Presse bezeichnen.

Tagesstimme: Um wieder etwas allgemeiner zu werden: Besonders aus dem konservativen und rechten Lager wird Kritik an der um sich greifenden „Political Correctness” geübt. Manche warnen sogar vor einer „Gesinnungsdiktatur“. Wenn Sie die Situation heute mit der vor 20 Jahren vergleichen: Darf man heute tatsächlich weniger sagen als früher?

Kunkel: Natürlich und es wird immer gefährlicher seine Meinung zu sagen. Mündige Bürger und Steuerzahler – sprich, erwachsene Menschen – werden inzwischen mit STASI-Methoden mundtot gemacht. Wer heute Beamter, Polizist oder Soldat – und Mitglied in der AfD – ist, dürfte gegenüber Kollegen mit politischen Meinungsäußerungen vorsichtig sein, weil ihn jede Denunziation den Job kosten kann. Meine inzwischen verstorbene Großmutter erzählte mir mal, nach 1936 habe man instinktiv gewusst, es sei von nun an klug, nicht mehr offen seine politische Meinung zu sagen. Ich fürchte, das ist nun wieder der Fall.

Tagesstimme: Mit Ihrem Roman „Endstufe“ sorgten Sie 2004 für reichlich Kontroversen im Feuilleton. Wie hatten Sie den Medienrummel damals erlebt?

Kunkel: Bedrückend. Mir wurde erst im Nachhinein klar, dass an mir ein Exempel statuiert worden ist. Im Kopp-Verlag erscheint bald mein Medientagebuch von 2004 unter dem Titel „Zum Abschuss freigegeben – Protokoll einer politischen Verfolgung”. Beim Redigieren habe ich das Ganze noch mal durchlitten. Wie bitte?, werden Sie sagen, ist das nicht übertrieben? Naja, immerhin gab es Morddrohungen und mein Auto bekam einiges ab. Am schlimmsten empfand ich die komplette Verwüstung meines sozialen und beruflichen Umfelds. Stipendien wurden ersatzlos gestrichen, Buchverträge gekippt, der so genannte Kulturbetrieb versuchte mich an den Bettelstab zu bringen. Die Ursache war aber nicht nur die antifaschistische Presse, sondern ein Mob von Berliner Linksintellektuellen, die zur Hexenjagd bliesen. Der Stress wurde irgendwann so schlimm, dass mich der Sekundenschlaf auf der Autobahn überkam und ich in die Leitplanke krachte.

Tagesstimme: Seit ein paar Jahren arbeiten Sie auch als Werbefachmann für die AfD. 2017 schrieb eine Spiegel-Journalistin in diesem Zusammenhang, sie würden manchmal wie ein „NPD-Mann auf Speed“ klingen. Werden Sie im linksliberal geprägten „Establishment“ überhaupt noch geduldet?

Kunkel: Ganz ehrlich, es liegt auch an mir. Ich lege keinen Wert darauf Teil einer ideologisch verpflichteten Nutzgemeinschaft zu sein, und würde mir heute jede Annäherung von Funktionären des neudeutschen Kulturbetriebs verbitten. Denn was würde man von mir erwarten? – Gefälligkeitsliteratur und literarische Betroffenheitsreflexe, dergleichen könnte ich niemals schreiben. Ich gehe allerdings davon aus, dass es nicht leichter werden wird, gerade wurde mir von meiner Berliner Filmproduktion, der Syrreal Entertainment, mitgeteilt, ich müsse in Zukunft unter Pseudonym schreiben, weil man sonst keine Filmförderung mehr bekäme! Im Klartext heißt das, es werden in Deutschland wieder Autoren geblacklistet und somit daran gehindert, ihre Arbeit zu verkaufen. Was viele nicht nur um eine Anerkennung ihrer Arbeit, sondern auch in eine finanzielle Notlage bringen wird. Es ist beschämend, dass ausgerechnet diejenigen, die vollmundig die Fernstenliebe predigen, mit Nazi-Methoden gegen Andersdenkende vorgehen. Glücklicherweise habe ich schon 2009 die Reißleine gezogen und bin in die Schweiz emigriert. Ich sehe meiner persönlichen Zukunft daher gelassen entgegen.

Tagesstimme: Auch die Verfilmung Ihres Romans „Subs” verlief nicht ganz problemlos…

Kunkel: Stimmt. Die Produktion bemerkte während der Dreharbeiten zu „Herrliche Zeiten”, dass ich im Bundestagswahlkampf 2017 ein Mandat übernommen hatte. Offenbar für eine politische Partei, die der altlinken Filmproduzentin nicht genehm war. Zu diesem Zeitpunkt war es zu spät, das Projekt zu kippen, und außerdem hatte man schon Millionen an Filmförderung einkassiert. Film- und Fernsehstars wie Katja Riemann, Oliver Massucci und Samuel Finzi standen bereits vor der Kamera. Also wurde alles versucht, mich aus dem Projekt zu drängen, ich wurde als Drehbuchautor gefeuert, mein Freund, der Regisseur Oskar Roehler, schämte sich für Jutta Müller, so heißt die Produzentin, tagtäglich fremd. Die ZEIT widmete dem vermeintlichen Skandal – dass das Buch eines Rechten verfilmt worden sei – eine ganze Seite. Das generierte viel Hype um den Film. „Outmastered” (Der englische Titel von „Herrliche Zeiten”, Anm. d. Red.) war kürzlich sogar in Australien zu sehen.

Tagesstimme: Zum Abschluss noch eine Frage: Wann erscheint ihr nächster Roman? Gibt es schon Pläne?

Kunkel: Ich kann Ihnen verraten, welche Projekte in trockenen Tüchern sind. In der Schweiz erscheint dieses Jahr ein neuer Roman namens „Superfinster”. Den Leser erwartet ein Ausflug in die dunklen Täler des Schweizer Katholizismus und nebenbei bemerkt auch eine spannende Gothic Novel, in der es um Kirchenraub geht.

Zudem erscheint zur Buchmesse eine Sonderausgabe von „Endstufe”, meines berüchtigten Skandalromans von 2004, als unzensierte Originalausgabe. Bei der unzensierten Ausgabe handelt es sich nicht um einen verlängerten Director´s Cut . Durch das Einfügen der „verworfenen Passagen“ verschiebt sich vielmehr die inhaltliche Gewichtung. Während in der Eichborn-Ausgabe die Dekadenz einer Spaßgesellschaft des Dritten Reiches im Vordergrund steht, rückt die Langfassung die anthropologische Irritation der Deutschen nach ihrer sogenannten Befreiung in den Mittelpunkt und macht den Zivilisationsbruch von 1945 deutlich. Da ich in den letzten Jahren immer wieder von Literaturwissenschaftlern angeschrieben wurde, die Interesse an der ursprünglichen Fassung des Manuskripts anmeldeten, lässt sich die nun erscheinende Ausgabe auch als Studienausgabe interpretieren. Begleitet wird die Neuveröffentlichung der „Endstufe” durch ein Medientagebuch, das den Ablauf des Skandals über ein ganzes Jahr dokumentiert. Sie sehen, die Arbeit geht weiter.

Tagesstimme: Wir sind bereits gespannt. Vielen Dank für das Interview!

Das Buch „Das Wörterbuch der Lügenpresse. Deutsch – Lügenpresse, Lügenpresse – Deutsch” von Thor Kunkel im FREILICH Shop.


Über den Interviewpartner:

Der Bestseller-Autor Thor Kunkel (*1963 ) zählt zu den modernen, deutschsprachigen Schriftstellern. Schon mit seinem preisgekrönten Debüt „Das Schwarzlicht-Terrarium” (2000) wurde er als neue literarische Stimme berühmt. Soeben erschien sein „Wörterbuch der Lügenpresse. Deutsch – Lügenpresse/ Lügenpresse – Deutsch”. Der Autor lebt seit 2009 in der Schweiz.


Wir schreiben aus Überzeugung!
In Zeiten von einheitlichem Mainstream, Falschmeldungen und Hetze im Internet ist eine kritische Stimme wichtiger denn je. Ihr Beitrag stärkt die TAGESSTIMME und ermöglicht ein inhaltsvolles rechtes Gegengewicht.

 

Sie wollen ein politisches Magazin ohne Medienförderung durch die Bundesregierung? HIER gibt es das FREILICH Magazin im Abonnement: www.freilich-magazin.at/#bestellen

Weiterlesen

Beliebt