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Meinung

Bildersturm 2.0: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan…?

Julian Schernthaner

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…der Mohr kann gehen. Nein, es handelt sich bei der aktuellen Diskussion nicht um eine intellektuelle Besprechung der Werke Friedrich Schillers, sondern um eine zusehends aus dem Ruder laufende Rassismus-Debatte.

Kommentar von Julian Schernthaner.

Der aktuelle Zeitgeist treibt manchmal sonderbare Blüten. So entschieden sich multinationale US-Konzerne knallhart, Traditionsmarken einzustellen, weil darauf schwarze Stereotypen abgebildet seien. Nach 110 Jahren muss somit der nett lächelnde „Uncle Ben“ von der legendären orangen Packung weichen. Ein vermeintlicher Rassismus, den man damit bekämpft, Schwarze unsichtbar zu machen. Das Ende der Fahnenstange war das freilich noch nicht.

Ein Mohr – und Medienleute sehen schwarz

Denn auf die heimische Journalistenblase war Verlass, solche Absurditäten noch zu übertreffen. Für den Standard forderte die Journalistin Olivera Stajić das Verschwinden des „offen rassistischen Logos der Vorarlberger Mohrenbrauerei“. Damit ist sie nicht die Erste, denn eine Kollegin beim selben Medium wollte dies schon vor acht Jahren. Und immerhin schon zwei Tage zuvor hatte auch der Chefredakteur der Ländle-Prawda ähnliche Gedanken gehegt.

Die Kuriosität daran ist, dass weder Name noch Logo überhaupt direkt etwas mit Afrikanern zu tun haben. Denn die Brauerei geht auf einen gewissen Josef Mohr zurück – und das Emblem ist einfach das Familienwappen. Das dieses beim genannten Nachnamen kaum eine Karotte (vulgo Mohrrübe – wieder eine andere Wortherkunft) oder ein Fliederstrauß sein wird, liegt nahe. Etymologisch geht der Nachname aber immerhin auf den heiligen Mauritius zurück, einen nordafrikanischen, frühchristlichen Heiligen.

Unfreiwilliges totalitäres Ikonoklasmus-Vorbild

Der gebürtige Ägypter wird seit Jahrhunderten – vermutlich wegen einer falschen Volksdeutung – als Dunkelhäutiger dargestellt. Damit ist Mauritius einer von ganz wenigen schwarzen Heiligen und würde bei etwas mehr Kenntnis der Materie wahrscheinlich denselben Leuten als Posterboy dienen. So hingegen schafft der totalitäre Drang nach Abschaffung althergebrachter Bilder, welche der Zeitgeist nicht goutiert, eine ziemlich sardonische Parallele.

Denn die Schleifung von Mohrenwappen ist im deutschsprachigen Raum nichts Neues. In Unkenntnis über die Herkunft schafften die Nationalsozialisten einst nämlich das Stadtwappen von Coburg ab. Dieses zeigt ebenfalls den Hl. Mauritius, den Schutzpatron der oberfränkischen Stadt. Ab 1934 musste er elf Jahre lang einem Schwert mit Hakenkreuz im Knauf weichen, die dortige Mohrenstraße wurde zur „Straße der SA“. Zwei Bilderstürme mit unterschiedlicher Motivation und demselben Ziel.

Falsche Wortherleitung sorgt für Unheil

Aus der Sicht eines studierten Sprachwissenschaftlers geriert sich die Debatte ähnlich lächerlich wie der einstige Sturmlauf gegen das Wort „niggardly“ im englischen Sprachraum. Das Wort mit altnordischem Migrationshintergrund ist zwar mit dem für Geizkragen verwendeten Adjektiv „knickerig“ verwandt, kostete aber einige Manager wegen ähnlichen Klanges zum „N-Wort“ den Job. Infolge des Missverständnisses wurden sie die ersten Opfer eines Sparstifts, den sie in ihren Budgetdebatten ansetzen wollten.

Die Empörung wurde am Ende so lächerlich, dass Personen begannen, das Wort mit einem Augenzwinkern gezielt ambig zu verwenden. Beim Mohrenbräu kann das so nicht passieren – aber was kommt anstelle des Familienwappens? Der goldene Magier ist zumindest schon an die Schokoladenmarke Sarotti vergeben. Dort sortierte man seine allseits beliebte Werbefigur mitsamt dem großen Mohrenstück längst aus. Kunstdrucke alter Werbesujets gehen unter Liebhabern trotzdem weg wie eine Tafel Negerbrot.

Linker Krieg gegen das böse Volk

Seien wir uns ehrlich: Ganz genau so, wie das Binnen-I die Situation keiner einzigen Frau alleine verbessert hat, wird der Bildersturm gegen angeblich rassistische Werbesujets die Situation keines einzigen Dunkelhäutigen verbessern. Der normale Bürger hat auch keine bösen Absichten, wenn er sein Weizen-Cola als „Neger“ bestellt und denkt kaum an Sklaverei, Galgen und Apartheid, wenn er sich nach dem Essen einen Mohrenkopf als Häppchen gönnt. Und das ist auch gut so.

Im Endeffekt ist es vor allem ein Krieg linker Weltverbesserer, mit dem Ziel, das Volk als den Urheber allen Übels abzustellen. Dafür erküren sie sich jede erdenkliche Minderheit zum Ersatz-Entrechteten, für den sie sich vermeintlich selbstlos einsetzen. Selbst sitzen sie in ihren Villen-Viertel und können erste Reihe fußfrei zuschauen, wie sich ihre importierten Schützlinge und autochthone Hackler an die Gurgel gehen. Für sie sind es nur „Verwerfungen“ am Weg zum „neuen Menschen“, die sie selbst nicht ausbaden müssen.

Widerstand gegen linke Anschwärzversuche wagen

Eine bemerkenswert entspannte Antwort auf die Debatte fand übrigens der gebürtige Nigerianer Andrew Onuegbo, als er in Kiel einst das Restaurant „Zum Mohrenkopf“ eröffnete. Seine saloppe Erklärung für die Namenswahl: „Ich bin Mohr, ich stehe zu meiner schwarzen Hautfarbe. Wir Schwarze sind ganz gelassen“. Weiters wies er darauf hin, dass der Mohr in früheren Zeiten im kulinarischen Betrieb als Qualitätsmerkmal galt. Und so etwas sehe er als seinen Auftrag.

Eine perfekte Antwort auf das dauerhafte Empörium. Denn Narrative, Feindbilder und Tabus verlieren auch dann ihre Wirkkraft, wenn sie der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Lasst uns den Denkmal- und Bilderstürmern ein und alle Mal das Handwerk legen, in dem wir uns nicht mehr wie Bauern im Schach von ihnen situativ herumführen lassen. Wenn die verordnete Opferrolle und der verordnete Schuldkult abgeschüttelt werden, ist ihre Macht gebrochen.


Weiterlesen: 

Rassismus-Debatte: Traditions-Marke „Uncle Ben’s” will Logo wechseln (19.06.2020)


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