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Gesellschaft

Nach 670 Jahren: Wiener Mohren-Apotheke will Namen ändern

Julian Schernthaner

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Die laufende Debatte um angeblich rassistische Benennungen dürfte auch in Wien ein prominentes Opfer fordern. Diesmal allerdings freiwillig vonseiten der Betreiber.

Wien. – Bei der Mohren-Apotheke in der Wipplingerstraße 12 (Innere Stadt) handelt es sich um eine besonders traditionsreiche Einrichtung mitten im Herzen Wiens. Die seit 1350 bestehende Pharmazie ist eine der drei ältesten Apotheken in der Donaumetropole. Nach nunmehr 670 Jahren soll der althergebrachte Name nun dem aktuellen ideologischen Bildersturm weichen, wie unter anderem der Standard berichtet.

Spagat zwischen Erinnerung und Zeitgeist

Die Inhaberin erklärt den unkonventionellen Schritt mit einer historischen Einordnung. Über die bisherige Verwendung klären sie auf, dass der Orient im Mittelalter für seine Heilkunst bekannt war. In der Folge benannten sich viele Apotheken in Europa als „Mohren-Apotheke“, um dieser medizinischen Tradition zu huldigen.

Das sei auch Auftrag: „Wir wollen die Erinnerung […] am Leben erhalten und damit auch in Erinnerung rufen, dass Heilkunst nicht europäischen Klöstern zu finden war“.  Allerdings sei man sich ebenso bewusst, „dass der Begriff für viele Menschen diskriminierend und verletzend“ sei und arbeite daher an einer „Neugestaltung“. Dieselbe Erklärung findet sich zudem im Schaufenster der Apotheke.

Schwarze SPÖ-Bezirksvizechefin über Umbenennung froh

Auf positive Resonanz stieß der Vorstoß bei der stellvertretenden Bezirksvorsteherin der Inneren Stadt, Mireille Ngosso. Die ursprünglich aus dem Kongo stammende Ärztin und SPÖ-Politikerin fungierte übrigens in Wien als Initiatorin der „Black Lives Matter“-Proteste.

Auf Twitter lichtete sie sich mit der Betreiberin gemeinsam ab und freute sich über die „Übereinkunft“. Die Umbenennung zeige, dass „Veränderung möglich“ sei. Dieses Gefühl sei somit „überwältigend schön“.

„Mohren“-Debatte im ganzen deutschsprachigen Raum

Gerade das Bild des „Mohren“ sorgt derzeit weithin für hitzige Debatten. So fand sich kürzlich etwa das Mohrenbräu aus Dornbirn – das auf Brauereigründer Josef Mohr und dessen Familienwappen zurückgeht – im Zentrum der Kritik. In Coburg will eine Petition sogar das Stadtwappen abändern – der dortige „Mohr“ zeigt den Schutzpatron der Stadt, den Hl. Mauritius. In Berlin soll nach den Plänen einer Grünen-Politikerin die Mohrenstraße samt zugehöriger U-Bahn-Station einen neuen Namen bekommen.

Apotheken, die den Mohr im Namen tragen, gibt es neben Wien in Österreich auch noch in Graz, Oberpullendorf, Krems an der Donau und Bad Radkersburg. Auch in anderen Regionen des deutschen Sprachraum ist das Benennungsmuster produktiv. In München und Frankfurt/Main gibt es sogar mehrere Pharmazien mit diesem Namen – auch wenn sich zumindest in letzterem Fall bereits vor zwei Jahren eine rege Debatte innerhalb der Stadtpolitik entfachte. Am Ende durfte die „Mohren“ aber bleiben.


Weiterlesen: 

Rassismus-Debatte: Petition macht gegen Coburger Stadtwappen mobil (25.6.2020)

Bildersturm 2.0: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan…? (Kolumne, 22.6.2020)


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