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Gesellschaft

Ja, wo stürmen sie hin?! Der „Reichstag“ und die deutschen Medien

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Was hat es eigentlich mit dem angeblichen „Sturm auf den Reichstag“ bei der vergangenen Corona-Großdemo in Berlin auf sich?

„Über den Zaun“-Kolumne von Bettina Gruber

Das Verb „stürmen“ hat ausweislich Duden drei Hauptbedeutungen. In der ersten bezieht es sich auf Wind oder Orkan: „Es stürmt“ heftig, aber richtungslos vor sich hin. In der zweiten Bedeutung ist eine Richtung impliziert: jemand „stürmt“, also eilt irgendwohin. „Er stürmte nach draußen.“ Und drittens, mit Akkusativobjekt, können Sie etwas stürmen, also eine Festung, eine Stadt, die Kinokasse oder den deutschen Reichstag. Auch hier gibt es zwei Varianten, in der ersten „drängen“ Sie “in großer Zahl“, etwa zu den Kassen, in der zweiten, militärischen, nehmen sie das Objekt Ihrer Begierde, sagen wir den Reichstag, „im Sturm“.

Also Sie, werter gesetzestreuer Leser, können Letzteres natürlich nicht nur nicht, Sie wollen das auch gar nicht. Schließlich, was sollten Sie da drinnen auch anfangen? Es gibt reizvollere Aufenthaltsorte…

Wenn Rechte „stürmen“…

Die deutschen (und soweit ich sehe auch die österreichischen Medien) haben in den letzten Jahren von diesem Zeitwort einen sehr speziellen Gebrauch gemacht. Es gelangte beharrlich immer und nur dann zur Anwendung, wenn von Personen oder Personengruppen die Rede war, die besagte Medien als „rechts“ ausgemacht hatten, was dann stracks mit „rechtsradikal“, „rechtsextremistisch“, „nationalsozialsozialistisch“ und generell gemeingefährlich gleichgesetzt wurde. Besonders beliebt war und ist es im Zusammenhang mit der Identitären Bewegung, obwohl (oder vielleicht gerade weil) diese programmatisch gewaltfrei ist. Vermutlich heißt es aus dieser Perspektive, wenn ein Identitärer sich ein Paar Frankfurter kaufen will: „Rechtsextremer stürmte den Würstelstand.“ Und ich nehme an, wenn „Rechtsextreme“ heimkommen, stürmen sie erstmal das Klo. Natürlich bewaffnet.

Diese Verwendung war für den deutschen Medienkonsumenten lange Zeit so erwartbar wie der Sonnenaufgang. Und Verlässlichkeit ist ja auch wirklich etwas Schönes. Wer möchte schon mit „Rechten“ zu tun haben, die sich nicht so benehmen, wie man es von „Rechten“ erwartet? Eben! Höchst irritiert reagierte bereits Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, der zwei grüne Studienräte „in Rufweite von Nazis demonstrieren“ sah. Die bunte Welt ist durcheinander und Stürme sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.

Zwar liest man seit Tagen allenthalben vom „Sturm auf den Reichstag“, aber die vielstrapazierte Wendung löst seit der „Querdenker“-Demonstration vom Samstag plötzlich Skepsis aus. Sowohl Cicero als auch die NZZ sprachen ironisch von einem „Stürmchen“.

„Achtung vor Frames“

Bei Maischberger monierte eine Journalistin der Welt die Verwendung des Begriffs als übertrieben. Im Herzen des Mainstreams beklagte Panorama-Moderatorin Anja Reschke, „überall“ werde „unreflektiert von ‚Sturm auf den Reichstag‘ gesprochen. Damit transportiert man genau das, was die Rechten wollen. Das Reichstagsgebäude… wurde nicht gestürmt, sondern Menschen haben sich Zugang zu den Außentreppen verschafft! Achtung vor Frames!“

So viel plötzliche Abneigung gegen „Framing“ in der ARD verblüfft die Zuschauer, die da ganz anderes gewöhnt sind. Nein, gestürmt wurde das von ganzen drei(!) Polizisten beschützte Gebäude in der Tat nicht, es sei denn der Demonstrant von Welt stürmt neuerdings im Sitzen.

Auch im Deutschlandfunk raunt und warnt es jetzt vor dem „Narrativ vom ‚Sturm‘“, das die „extreme Rechte“ … schon am vergangenen Donnerstag gezielt gesetzt“ hätte: „‘Viele Journalisten haben dann eben allein schon in diesem Versuch eines Sturms einen Sturm gesehen….Aber das bleibt letztendlich eine rechtsextreme Fantasie.““

Ich würde ja eher sagen: Letztendlich bleibt es eine der Lieblingsdiffamierungserzählungen des medialen Establishments über eine als dämonisch imaginierte Rechte, die blockartig geschlossen, extremistisch, rassistisch und gewaltbereit sein soll. Im bunten, unfrisierten, manchmal schwachsinnigen und praktisch gewaltfreien Chaos der „Corona“-Demos vom 29. September ist diese Legende kollabiert. Ich fürchte, dass wir verstärkte Bemühungen erleben werden, sie am Leben zu erhalten, möglicherweise mit allen Mitteln. Schließlich sichert sie als eine der wirksamsten Horror-Geschichten den weltanschaulichen Status quo.


Über die Autorin:

Bettina Gruber hält in ihrer alle zwei Wochen erscheinenden Tagesstimme-Kolumne „Über den Zaun” ihre Eindrücke aus dem deutschen Nachbarland fest. Die Wienerin und Wahlsächsin hat lange Jahre sowohl im Westen als auch im Osten Deutschlands gelebt und dabei immer wieder festgestellt, wie verschieden die Mentalitäten doch sein können. Unter Klarnamen und wechselnden Pseudonymen Beiträge für TUMULT, Sezession und andere. Auf dem TUMULT-Blog bespielt sie in wechselnden Abständen die genderkritische Kolumne „Männerhass und schlechte Laune.“ Der letzte Artikel für die Printfassung, „Die Wissenschaft und ihr Double.“ TUMULT. Vierteljahresschrift für Konsensstörung Heft 1 / 2020 Frühjahr 2020, widmet sich der grundsätzlichen Schwierigkeit, wissenschaftliche Ergebnisse in der Mediengesellschaft zur Geltung zu bringen und ist damit thematisch hochaktuell.

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