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Technik

Gab, Telegram & Co.: So trotzen Patrioten der großen Zensurwelle

Julian Schernthaner

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Nach dem sogenannten „Sturm auf das Kapitol“ durch einige hundert Demonstranten bleibt kein Stein auf dem anderen – auch in der digitalen Welt nicht. Die großen „Big Tech“-Konzerne nutzten die Chance und sperrten die Konten des noch amtierenden US-Präsidenten Donald Trump und anderer Vertreter des konservativen Lagers. Diese suchen nun nach Alternativen – und finden sie vor allem bei Diensten wie Gab oder Telegram.

Es war eine beispiellose Zensurwelle im digitalen Bereich. Denn neben dem US-Staatsoberhaupt – schon das ist ein einmaliger Schritt – schien plötzlich auch jeder Zuspruch zu seiner Politik tabu. So löschte etwa Facebook große Pro-Trump-Gruppen mit bis zu 1,7 Millionen Mitgliedern. Mehrere große Konten auf Twitter beklagten einen merkbaren Verlust von Followern infolge einer Löschaktion. Auf Shopify dürfen Läden nicht einmal mehr Trump-Fanartikel feilbieten. Sogar sein Ex-Stratege Steve Bannon, mit dem der Amtsinhaber vor drei Jahren brach, verlor seinen YouTube-Kanal.

„Big Tech“ zerstört „Parler“ im Handumdrehen

Spätestens, nachdem Twitter den Stecker bei Trump zog, erfuhr der auf Meinungsfreiheit setzende Kurznachrichtendienst Parler einen kurzzeitigen Zulauf. Schon seit dem Ergebnis der US-Wahl war die vor allem von Konservativen gebrauchte Plattform im Aufwind gewesen. Für kurze Zeit war sie die am häufigsten heruntergeladene App im Google Play Store. Der IT-Riese ließ sie nach dem Vorfällen vom Dreikönigstag aus dem Sortiment nehmen – ebenso wie Apple aus seinem App Store.

Der Run auf den Dienst ließ trotzdem nicht nach – und erreichte einen zwischenzeitlichen Höhepunkt, als sogar Trump – der zudem zeitnah eine eigene Medienplattform kreieren will – sich dort anmeldete. Danach ging es aber schnell: Denn Amazon kündigte Parler den Vertrag über das Webhosting – einen Ersatz konnte man auf die Schnelle nicht finden. So ging der Dienst am 11. Jänner offline – und zu allem Überdruss erbeuteten Hacker kurz davor sämtliche Daten der Webseite – neben Inhalten auch Standortdaten der Nutzer. Mit diesen sollen Strafverfolgungsbehörden unzählige Verfahren anzetteln.

Die Crux mit dem „Plattformeffekt“

Das Parler-Fiasko machte ein weiteres Mal deutlich, welche Deutungsmacht wenige große Firmen besitzen – und wie weitreichend ihre Entscheidungen sein können. Schon die Twitter-Sperre für ein amtierendes Staatsoberhaupt führte zu einiger Kritik – neben dem französischen Wirtschaftsminister (Tagesstimme berichtete) äußerten viele Patrioten, aber auch einzelne Linke ihre Bedenken über die Möglichkeiten von Betreibern großer sozialer Medien an. Deren Marktdominanz ist übermächtig.

Diesen kommt dabei der „Plattformeffekt“ zugute: Die Leute gehen dorthin, wo sie andere Leute und wichtige Informationen finden. Die Dienste werden im täglichen Leben unverzichtbar und es entsteht eine monopolähnliche Stellung. Obwohl sie stark meinungsbildend wirken, bleiben es aber private Firmen, die Sperren auch großer Accounts mit ihren ständig angepassten Nutzungsbedingungen argumentieren. Sie sind dabei gleichzeitig Sklave und Beförderer des Zeitgeists.

Gab: Eigene Infrastruktur soll vor Digital-Zensur schützen

Die Vorstellung, eigene Infrastruktur zu schaffen, schien undenkbar, insbesondere aufgrund der immensen Serverbedarfs. Die texanische Plattform Gab.com – ein wenig wie eine Mischung aus Twitter und Reddit – nahm die Mühen allerdings auf sich. Denn diese hatte ihr eigenes „Deplatforming“ bei den großen IT-Firmen sowie Bezahldiensten schon vor drei Jahren hinter sich. Nun können sie sich ebenso als sicherer Hafen für Twitter-Ausgestoßene wie für Parler-Flüchtlinge positionieren.

So verwundert es kaum, dass Gab in den letzten Tagen verstärkt um Konservative und patriotische Nutzer buhlt. Einige Influencer aus dem erweiterten rechten Lager könnten dabei die Gunst der Stunde nutzen und dabei hoffen, im Fall einer Massenadoption als „Early Mover“ bereits Reichweitenvorteile zu besitzen.

Andere Stimmen wie der Politikwissenschaftler und Publizist Benedikt Kaiser, warnen hingegen vor einem voreiligen, freiwilligen Exodus. Es drohe eine Beschränkung auf die eigene Blase. Nichtsdestotrotz sei es wichtig, Alternativen zu schaffen.

Telegram längst weit mehr als ein Geheimtipp

Bereits länger gilt die App Telegram des russischen IT-Gründers Pawel Durow als Hort des Widerstands aller Art. Diese erfüllt als Messenger-Dienst mit Kanal-Funktion eine Art Zwitterrolle in der Schnittstelle zwischen persönlicher Kommunikation und Info-Plattform. Zahlreiche patriotische Akteure und kritische Medien haben ihre eigenen Kanäle. Auch die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen im deutschsprachigen Raum organisieren sich maßgeblich über Telegram.

Anders als viele glauben, setzt Telegram nicht flächendeckend auf End-zu-End-Verschlüsselung, was seinen Nutzern ermöglicht, auf mehreren Geräten gleichzeitig zu schreiben. Da der Betreiber allerdings ein starker Vertreter der Meinungsfreiheit ist, fühlen sich viele Nutzer dennoch sicherer als etwa bei WhatsApp, das zwar Nachrichten verschlüsselt, neuerdings allerdings auch offiziell die Nutzerdaten an seinen Mutterkonzern Facebook weiterleitet. Schon als WhatsApp dies unlängst publik machte, folgte ein Exodus von Nutzern auf Alternativen wie Telegram, Signal oder Threema.

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Weiterlesen:

Frankreichs Wirtschaftsminister „schockiert“ über Trumps Twitter-Sperre (11.01.2021)

Nach Vorfällen am Kapitol: Soziale Medien sperren Trump-Konten (07.01.2021)

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