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Bewegungslehre

Masse und Macht

Immer mehr Menschen demonstrieren gegen die Regierung. Der Staat versucht mit Polizei und politischen Unwahrheiten das zu begrenzen. Was aber, wenn mehr Masse in die Bewegung kommt?

Heinrich Sickl
Meinungvon Heinrich Sickl
4 Minuten Lesezeit
<p>Bild: Alois Endl.</p>

Bild: Alois Endl.

Es wird zu wenig gesungen. Und schon längst verlernt hat man in dieser Gesellschaft das politische Lied. „I am from Austria“ geht zwar noch zum Mitschunkeln (und hat man bei den Demos aus Soundsystemen auch der Polizei entgegengespielt gehört), aber ansonsten kommt da nicht mehr viel an politischem Protestlied. Auch wenn Rap seine politischen Spitzen hat – ebenfalls zum Mitschunkeln. Doch das war nicht immer so. Und es lohnt sich manchmal auf die Klassiker zu hören: einer davon ist die Band „Ton Steine Scherben“. Die hatten um 1968 viele Fans, ihre Lieder sind trotzdem gut. Was das mit den aktuellen Antiregierungsdemonstrationen zu tun hat? Ganz viel … 

„Allein machen sie dich ein…“

Wenn Menschen auf die Straße gehen, weil sie ihrer Regierung etwas sagen wollen, ist das nicht immer so gewünscht, wie man in einer Demokratie denken sollte. Politische Parteien pflegen, wenn die Kritik nicht passt, gerne zu sagen, dass man sich eh alles im Parlament ausmacht. Das stimmt freilich nicht, denn das Recht geht vom Volk aus und das Volk hat das Recht auf die Straße zu gehen. Dennoch gilt: „Allein machen sie dich ein / Schmeißen sie dich raus, lachen sie dich aus …“, singen „Ton Steine Scherben“ und sie haben recht. Einer ist keiner. Viele müssen auf die Straße gehen … 

Wenn es mehr Menschen werden, gibt man ihnen mehr Achtung, wenn es um ihre politische Position geht. Dass zu wenige Demonstranten in die Falle gehen, konnte man auch nach der großen Demonstration am 6. Dezember in Wien sehen, wo rund 500 Menschen von der Polizei eingekesselt wurden. „Zu zweit, zu dritt, zu viern“, singt die Band in ihrem Lehrlied, „Wird auch nix and’res passiern / Sie werden ihre Knüppel hol’n / Und uns ganz schön das Kreuz versohlen. “ Und wenn Staat und Medien zusammenspielen, wird man was von „Stürmen“ reden, aber man wird sich nicht dafür interessieren, was wirklich passiert ist: „Und alles, was du da noch sagen kannst / Ist ‚Das ist aber ’n ganz schöner Hammer, ey Mann!’“

Es gilt die Tausender-Regel. Alles was unter 1.000 Menschen ist, wird zu wenig beachtet, dem wird bei der Demonstration auch gesagt, was zu tun ist. Bleiben Sie da! Lösen Sie sich auf! Seien Sie nicht zu laut … Auch in Wien hat die Polizei immer zuerst versucht, die Demo aufzulösen. Aber es waren zu viele. „Zu hundert oder tausend kriegen sie langsam Ohrensausen / Sie werden zwar sagen ‚Das ist nicht viel‘ / Aber tausend sind auch kein Pappenstiel …“ Setzen tausende Menschen sich in Bewegung, kann es schon sein, dass eine Straßensperre nicht hält, in aller Freundschaft. So ist auch die Exekutive bei allen drei großen Antiregierungsdemonstrationen in Wien gescheitert.

Letzten Endes macht die Masse die Macht. Deswegen wird sie auch verschwiegen: Wenn 30.000 Menschen mit dem Ruf „Kurz muss weg“ durch die Bundeshauptstadt ziehen, dann ist das einem Innenminister unangehnehm. Auch die Medien verschweigen, dass es da eine politische Agenda gibt. „Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretiker“ beruhigt die da oben, denn das heißt, da muss man sich nicht auseinandersetzen. Das Problem für die Herrschenden bleibt aber, dass, jenseits der Ränder, die von links und rechts auf der Straße zu sehen sind, es normale Menschen, Bürger sind, die auf die Straße gehen. Und man darf annehmen, dass die Demonstrationen im 14-Tages-Takt weiter wachsen werden. Wie singt „Ton Steine Scherben“ so schön: „In dem Land, in dem wir wohnen / Sind aber ’n paar Millionen / Wenn wir uns erstmal einig sind / Weht, glaub ich, an ganz anderer Wind …“ Es lohnt sich hinzuhören.

„Wenn wir uns organisieren…“

Wien erlebt, trotz alle Verbote, trotz der Versuche der Polizei, die Demonstrationen bei Beginn aufzulösen bzw. sie gegen Ende durch Drangsalierungen (3.000 Anzeigen wegen Masken und Abstand, recht aggressiv und sinnlos durchgesetzt, Polizeisperren der Innenstand und Kessel) abzustellen, Massenproteste, die wahrscheinlich wachsen werden. Es sind friedliche Proteste, die wie ein fantasievolles Happening daherkommen, aber eine klare Botschaft gegen die Anti-Freiheits-Politik und Lockdown-Maßnahmen von Sebastian Kurz haben. 30.000 waren möglich. 50.000 werden es auch sein. Und 100.000 auch … Irgendwann wird irgendwer zuhören müssen. „Und du weißt, das wird passieren, wenn wir uns organisieren … “, singen „Ton Steine Scherben“. Ein schönes Lied.

Den vollständigen Liedtext zu „Allein machen sie dich ein“ von „Ton Steine Scherben“ gibt es songtexte.com.

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