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Lauterbach

„Die Demokratie hat keinen Schaden genommen“

Der Epidemiologe und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58) spricht im Interview über den Konflikt zwischen dem Parlamentarier und dem Wissenschaftler, die Rolle als omnipräsenter Corona-Mahner und die Frage, ob man sich an Morddrohungen „gewöhnen“ kann.

Interviewvon Redaktion
4 Minuten
<p>Credit: Karl Lauterbach.</p>

Credit: Karl Lauterbach.

Sie sind Epidemiologe und Mitglied des Deutschen Bundestages. In welchem Verhältnis stehen Demokratie und Wissenschaft? Kommt der Wissenschaftler in Ihnen manchmal in Konflikt mit dem Parlamentarier?

Karl Lauterbach: Ja schon, aber das ist ein konstruktiver Konflikt. Natürlich kommt es vor, dass wissenschaftlich belegte Tatsachen politisch nicht „opportun“ sind. Je nachdem was und wie kommuniziert wird, kann die Nachricht – zumindest politisch gesehen – bisweilen eher Nachteile als Vorteile bringen. Auf der anderen Seite kann gute Politik ohne die feste Verankerung in der Wissenschaft nicht funktionieren. Daher ja, es gibt diesen Konflikt – aber es ist kein destruktiver, sondern ein konstruktiver Konflikt.

Corona-Maßnahmen ohne Parlament: Im ZDF-Talk „Markus Lanz“ hat der Publizist Prof. Dr. Heribert Prantl die deutsche Pandemie-Politik scharf kritisiert. Gefährdet Corona die Demokratie in Deutschland?

Lauterbach: Nein, auf keinen Fall! Die Demokratie hat in Deutschland keinen Schaden genommen. Obwohl die AfD als einzige nicht demokratische Partei im deutschen Bundestag seit Monaten versucht, das Thema Corona zu instrumentalisieren, konnte sie bislang nicht davon profitieren. Die demokratischen Parteien sind nicht schwächer geworden – auch die demokratischen Institutionen nicht. Richtig ist, wir sind als Land nicht ganz so gut durch die Pandemie „gekommen“, wie wir es hätten können. Das liegt jedoch nicht an der Demokratie. Rückblickend haben wir beispielsweise die erste Welle mit unseren demokratischen Institutionen sehr gut bewältigt.

Mit über 384.000 Followern sind Sie erfolgreich auf Twitter unterwegs. Welche Rolle spielen die sozialen Medien für Sie und wie vertragen sich 280 Zeichen mit der komplexen Welt der Epidemiologie?

Lauterbach: Die sozialen Medien spielen in der politischen Diskussion eine immer wichtigere Rolle, nicht nur für mich. Ohne die sozialen Medien ist es nicht möglich bestimmte Diskurse zu prägen – oder zumindest deutlich schwerer. Vor diesem Hintergrund sind die sozialen Medien „Segen und Fluch“ zugleich. Werden sie in der Form genutzt, dass Demokratie und Wissenschaft gestärkt werden, dann sind sie ein Segen. Werden sie missbraucht, um Wissenschaft zu entwerten und demokratische Werte in Frage zu stellen, sind sie ohne Zweifel ein Fluch.

Kürzlich sagten Sie, der Hass gegen Ihre Person stelle alles Bisherige in den Schatten. Wie gehen Sie mit den Beleidigungen und Drohungen um? Kann und darf man sich an Morddrohungen „gewöhnen“?

Lauterbach: Leider gewöhnt man sich tatsächlich daran – zumindest ein Stück weit. Das lässt sich meiner Meinung nach kaum verhindern, da man ansonsten ständig in Angst und Schrecken leben muss. Auf der anderen Seite ist es wichtig, Sicherheitsangebote, die Politikern und Menschen mit Morddrohungen zustehen, auch wahrzunehmen. Das tue ich natürlich. Klar ist: Die Verrohung im Netz oder die Hasswelle, die jetzt über uns hereinbricht, habe ich in diesem Ausmaß nicht erwartet und hätte mir das bislang auch nie vorstellen können.

Die Fliege, Ihr einstiges Markenzeichen, tragen Sie nicht mehr. Dennoch: Ihre Kritiker sehen in Ihnen den medial omnipräsenten ewigen Corona-Mahner. Wünschen Sie sich manchmal Ihr „altes Leben“ zurück?

Lauterbach: Ich denke, wir wünschen uns alle unser altes Leben zurück. Das gilt natürlich auch für mich. Ich lege jedoch immer Wert darauf zu sagen, dass ich nicht nur mahne, sondern auch Lösungen vorschlage wie beispielsweise beschleunigte Impfkonzepte oder zweimal wöchentlich Schnelltests. Ich benenne nie ein Problem ohne einen Lösungsvorschlag!

Herr Prof. Dr. Lauterbach, gerne möchten wir noch etwas Persönliches erfahren: Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit am liebsten und haben Sie sich schon etwas für die Zeit nach Corona vorgenommen?

Lauterbach: Das Wichtigste für mich ist, Zeit mit meinen Töchtern zu verbringen. Und natürlich habe ich mir Dinge für die Zeit nach Corona vorgenommen, dazu zählt insbesondere auch wieder das Reisen. Ich würde mich sehr freuen, mal wieder nach Südfrankreich reisen zu können.

Quelle: Initiative Gesichter der Demokratie

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