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Zu weiß

Afrika-Forscher durfte keinen Vortrag über Kolonialzeit halten

Ein besonderer Fall von „Cancel Culture“ trug sich unlängst in Hannover zu. Dort sollte ein renommierter Afrikanist einen Vortrag zur Kolonialgeschichte halten. Nach Protesten einer sogenannten „Anti-Rassismus“-Gruppe kam es jedoch nicht dazu.

3 Minuten Lesezeit
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Symbolbild (CC0).

Hannover. – Die Vita von Helmut Bley (75), der seit 1976 an der Hannoveraner Wilhelm-Leibniz-Universität lehrte, liest sich beeindruckend. Er bringt mehr als ein halbes Jahrhundert an Erfahrung zu afrikanischer Geschichte mit. Schon ab 1969 leitete er die Vereinigung von Afrikanisten in Deutschland (VAD), die sich unter anderem in den 1980ern öffentlich kritisch zu den Apartheid-Systemen in Namibia und Südafrika äußerte. Anzeichen für Rassismus sucht man beim emeritierten Historiker vergeblich.

„In afrikanische Verhältnisse einfühlen“ für Weiße unmöglich?

Das war aber alles zu wenig, denn nach den neuen Regeln der Identitätspolitik ist offenbar nicht die Expertise auf einem Gebiet vorrangig – sondern, wie gut man sich hineinfühlen kann. Und weil Bley die falsche Hautfarbe hat, kann er dies angeblich nicht. Zu dieser Ansicht kam zumindest die Initiative für Diskriminierungssensbilität und Rassismuskritik (IDiRa), die zum Boykott eines von der Stadt Hannover geplanten Bley-Vortrags zur Kolonialgeschichte aufrief.

Als „alter, weißer Mann“ könne sich der renommierte Historiker einfach nicht „in afrikanische Verhältnisse hineindenken und einfühlen“. Zumindest war dies der Vorwurf, dem man ihm machte, bevor er sich mit dem Fall an die „Hannoversche Allgemeine Zeitung“ wandte. Schon bei einer Online-Vorbesprechung war ins Feld geführt worden, dass angeblich „nur afrikanische Menschen authentische Aussagen zu dem Thema treffen könnten“.

Nur wenige Tage später folgte dann die Absage des Vortrags seitens der Stadt Hannover. Da half Bley auch nicht, dass er als der Fachmann in Deutschland für die Aufarbeitung der Kolonialzeit gilt und auch in Afrika als Experte wahrgenommen wird, einst in Tansania lehrte. Die IDiRa war demnach auch für seinen Einwand taub, dass ihrer Argumentation zufolge Afrikaner auch nicht europäische Verhältnisse studieren dürften.

Reaktion der Stadt

Aus der Stadtverwaltung waren im Anschluss Beschwichtigungen zu vernehmen. Die Veranstaltung sei noch gar nicht angekündigt gewesen, weshalb von einer Absage keine Rede sein könne, hieß es laut Bericht der „taz“ aus dem Bürgermeisterbüro. Man bedauere aber, dass das angedachte Gesprächsformat sich nicht als tragfähig erwiesen habe. „Als Veranstalterin ist es uns wichtig, eine offene und liberale Diskussionskultur zu ermöglichen. Diese muss aber von allen Seiten gewollt sein“, betonte Kommunikationsleiter Christian von Eichborn. Die Stadt habe sich deshalb mit Bley darauf verständigt, den Vortrag stattdessen im Rahmen der Reihe „Wissenschaft im November“ zu halten.

Bley selbst sieht in dem Fall jedoch sehr wohl ein Problem: „Eine massive Zensurbewegung, die nur Betroffene für berechtigt hält, über ein Problem zu sprechen.“

Svea Ostermeier, Mitglied von IDiRa, erklärte dem „taz“-Bericht zufolge, man wolle „weißen Menschen nicht absprechen, sich zu Rassismus zu äußern“. Allerdings sei es wichtig, wo man sich im Diskurs verorte. Wenn es explizit um schwarze Geschichte gehe, wäre es besser, wenn vorrangig schwarze Menschen zu Wort kämen, da sie in den mehrheitlich weißen Gesellschaft ohnehin weniger Gehör fänden, betonte Ostermeier.

„Cancel Culture“ und Bildersturm gehen Hand in Hand

Der radikale Umbau der Lehre und Forschung, das Scherbengericht gegen unverdächtige Forscher, der Bildersturm gegen Denker früherer Generationen – all dies erreichte in den Monaten nach weltweiten Protesten gegen vermeintlichen Rassismus im Vorjahr seinen Höhepunkt.

Im Bezug auf die Beschäftigung mit der eigenen kolonialen Vergangenheit bekommen die Radikalen sogar Rückendeckung aus der Politik. Erst im November forderten die Grünen eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik für deutsche Kolonialverbrechen. Zudem müsse die deutsche Erinnerungskultur erweitert werden. Vermeintlich „rassistische“ Straßennamen seien zu ändern, entsprechende Denkmäler zu entfernen und „entwendete Kulturgüter“ zurückzustellen.

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