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Reise durch Albanien

Auf den Spuren Skanderbegs (I)

Albanien hat weder die üblichen Einreisebeschränkungen (PCR Test, Quarantäne etc.) noch Corona-Beschränkungen innerhalb des Landes und bot sich daher für den frühen Sommer für viele Touristen als Ziel eines Urlaubs an. Viele dürften dabei zum ersten Mal mit einer Nation in Berührung gekommen sein, deren Geschichte, Kultur und Gegenwart kaum einem jenseits des Balkans bekannt ist. Hier lesen Sie den ersten Teil des Reiseberichts:

10 Minuten

Meine einwöchige Reise durch Albanien nahm wie für die meisten seinen Anfang in der Hauptstadt Tirana, in deren Nähe sich der einzige Flughafen des Landes befindet. Als weiterer gängiger Weg für Rucksacktouristen und Weltenbummler besteht die Möglichkeit der Einreise über den Landweg durch die verschiedenen Nachbarstaaten, während klassische Strandurlaubs- oder Kurztripbesucher meist über die Fähre von Korfu nach Saranda im Süden des Landes ihren Weg nach Albanien finden.

Beide Wege stellen sich in Zeiten von Corona als schwierig dar, während die Luftreise bis auf die Maskenpflicht in Flugzeug und Flughafen sich nicht von Vor-Corona-Zeiten unterscheidet. Mit dem ersten Schritt aus dem kleinen Flughafengebäude tritt man auch wieder in die alte Normalität: Geschäfte sind geöffnet, Masken sieht man nur als seltene, freiwillig getragene Ausnahme und auch sonst deutet nichts auf die Existenz einer Pandemie hin. Entsprechend ist die Reise nach Albanien nicht nur eine in eine über 2000-jährige Geschichte, sondern auch in die einer schon unbekannt gewordenen Normalität.

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Die albanische Hafenstadt Saranda.

Erstes Ziel war dabei nicht die Hauptstadt selber, sondern Shkodra im Norden Albaniens. Die Stadt an der montenegrinischen Grenze gilt als eines der kulturellen Zentren des Landes und war Hauptstadt der Illyrer, eine Gruppe indogermanischer Stämme, die Teile des Balkans bewohnten und unter anderem als Piraten die Adria unsicher machten. Schon 168 vor Christus wurde Shkodra von den Römern erobert und trägt heute den etwas zu gutgemeinten Beinamen „Rom des Balkans“, später gehörte Albanien zum oströmischen Reich, dennoch hielten sich die illyrischen Traditionen durch die Jahrhunderte.

Die Albaner sehen sich selber als Nachfahren der Illyrer, eine These, die weder be- noch widerlegt werden kann. Auswirkungen hat dies nicht nur auf Kultur und Traditionen – so etwa in illyrischen Figuren auf modernen Gebäuden oder entsprechender Gestaltung von Restaurants –, sondern auch auf die zahlreichen Konflikte auf dem Balkan, in dem jedes Volk bemüht ist, die älteste Geschichte und damit die berechtigsten Ansprüche auf umstrittene Regionen aufzuweisen und in denen die Geschichtswissenschaft immer auch im Dienst dieser Kämpfe stehen.

Unabhängig davon, ob die Albaner die direkten Nachfahren der Illyrer darstellen, endete deren Epoche 168 vor Christus mit der Einnahme Shkodras durch die Römer, bei der sich der letzte König der Illyrer, Genti, ergab. Er hatte sich in der bis heute über der Stadt thronenden Rozafa-Burg zurückgezogen. Mit der römischen Epoche begann nicht nur die Besiedelung durch Römer, sondern auch der Ausbau der Provinz Illyricum. Noch heute zeugen neben Aquädukten die antike Ruinenstadt Butrint oder das Amphietheater in Durres, das größte des Balkans, von der Jahrhundertelangen Herrschaft des Imperiums. Selbst im römischen Bürgerkrieg wurde Albanien Schauplatz der Kämpfe, Cäsar verfolgte hier Pompeuis, der sich in der Nähe von Apollonia mit einem Heer verschanzt hatte.

Heute ist Shkodra eine blühende Stadt in der Nähe des Skutarisees, dem größten Sees des Balkans, die sich dennoch zumindest im Innenteil ihre alte Schönheit erhalten hat und für viele Touristen als Ausgangsort für die Reise in die nordalbanischen Alpen dient.

Durch die Alpen

Die größeren Straßen Albaniens sind in einem guten und oft neuen Zustand, doch je weiter man von den Hauptstraßen kommt, umso einfacher werden die Wege. Mit durchschnittlich 10 bis 20 km/h arbeitet sich daher am frühen Morgen mein kleiner Mietwagen tapfer durch die nordalbanischen Alpen. Das Ziel lautet Koman, ein kleiner Ort rund 50 Kilometer östlich von Shkodra. Über Feld- und Schotterwege geht es, dem Sonnenaufgang entgegen, durch die weitestgehend unberührte Natur der nordalbanischen Alpen. Hier, wo kaum noch ein Mensch wohnt, ist besondere Vorsicht geboten, denn Hilfe bei einer Panne kann lange auf sich warten lassen. Allzulange darf man sich dennoch nicht Zeit lassen, denn um 9 Uhr geht die Fähre von Koman nach Fierza über den Komanstausee. Sie ist nicht nur Beförderungsmittel für die Einwohner dieser Region, sondern eine Attraktion der besonderen Art für Touristen.

Drei Stunden dauert die Fahrt über das türkisblaue Wasser des Stausees, der sich durch atemberaubende Bergmassive schlängelt. Nicht umsonst wird die Fahrt mit solchen durch die skandinavischen Fjorde verglichen. Nur wenige, teils nur über diese Verbindung erreichbare Siedlungen drängen sich an den Hängen, ansonsten warten unberührte und dicht bewaldete Berge auf den staunenden Betrachter. Wer einmal durch die unzugänglichen Wege dieser wilden Region gereist ist, bekommt ein Bild davon, wieso sich hier keine Besatzungsmacht jemals halten konnte. Große Kreuze an den Hängen oder auf Inseln inmitten des Sees symbolisieren den Widerstand der Bergbewohner, die hier, wo jeder Staat fern ist, genauso feste Wurzeln in die eigenen Traditionen geschlagen haben wie die Bäume in die Hänge der Berge. Die teils seit Jahrhunderten stehenden Kreuze sind Zeichen des Widerstandes gegen die Osmanen, öffentliche Belege dafür, dass man hier immer an der alten Religion festgehalten hat.

Albanien und der Islam

Denn die christliche Geschichte Albaniens ist heute im Westen oft unbekannt, man nimmt das Land meist als islamisch wahr. Tatsächlich bilden Muslime rund 50 Prozent der Bevölkerung, der Rest teilt sich auf katholische und orthodoxe Kirche auf. Der Islam kam mit den fast 500 Jahren der osmanischen Besatzung, wurde von den Albanern jedoch meist nur aus materiellen Gründen angenommen, beispielsweise um weiterhin Waffen tragen zu dürfen oder keine Steuern zahlen zu müssen. Dementsprechend konvertierten meist nur die Männer zum Islam, während ihre Frauen christlich blieben. Wie auch in anderen Staaten des Osmanischen Reiches mussten christliche Familien jeweils einen Sohn zum Dienst im osmanischen Heer abgeben, die nach ihrer Ausbildung die Eliteeinheit der Janitscharen bildete.

Einer dieser Jungen sollte der spätere Nationalheld Skanderbeg werden. 20 Jahre diente er im osmanischen Heer, bevor er mit 300 albanischen Rittern nach einer Niederlage des osmanischen Heeres in Ungarn in Richtung Albanien desertierte und mittels eines gefälschten Edikts des Sultans die Festung Kruja kampflos überreicht bekam und alle innewohnenden Osmanen tötete. Von hier aus führte er den Kampf für die albanische Unabhängigkeit an, der 25 Jahre lang gehen sollte. Hinter sich versammelte er in der „Liga von Lezha“ die albanischen Fürsten zum gemeinsamen Kampf, weitere Unterstützung kamen aus Neapel, Venedig und vom Papst. Trotz oft erdrückender Übermacht schlug er die osmanischen Heere ein ums andere Mal und die Taten Skanderbegs verbreiteten sich im gesamten Westen. „Athleta Christi“ (Kämpfer des Christentums) war nur einer von vielen Titeln, die sich der Mann mit dem Ziegenhelm verdiente.

Die Festung von Kruja.

Heute stehen Figuren des wilden Streiters nicht nur auf dem nach ihm benannten Skanderbegplatz in Tirana und in Kruja selber, sondern sind in diversen Größen und Variationen in jedem Souvenirladen zu erhalten. Auch die im Zweiten Weltkrieg gebildete albanische Waffen-SS Division trug den Titel Skanderbegs, wobei bei der Aufstellung nicht nur die Erinnerung an den Fidei defensor („Verteidiger des Glaubens“) Pate stand. Bei der Idee zur fast ausschließlich aus Kosovo-Albanern bestehende und für den Kampf gegen die Partisanen gedachte Division dürfte auch das Bild des Albaners als mutigen und wilden Kämpfers nachgewirkt haben, das sich beispielsweise in Karl Mays Buch „Durch das Land der Skipetaren“ über Albanien findet. May war freilich selber nie in Albanien, was ihn trotzdem nicht an einer Preisung des albanischen Kriegertums hinderte.

Skanderbeg-Denkmal. Bild: Fingalo, CC BY-SA 2.0 DE, via Wikimedia Commons

Entsprechende Vorstellungen bestanden wohl auch bei der SS, bei den Albanern handele es sich um eines der „waffenfreudigsten Völker, die man sich denken kann“. Sie seien von Natur aus „kriegerisch und kämpferisch“, und gehörten zu den „schießfreudigsten Menschen der Welt. Der Karabiner ist kein Instrument, sondern ein Körperteil der Skipetaren.“ Die Realität war dagegen sehr ernüchternd und das positive Bild schlug schnell ins genaue Gegenteil um. Der Kommandeur der „Skanderbeg“ beklagte im Oktober 1944, sie seien zwar schießwütig, aber nicht kriegstauglich. Sie säßen am liebsten „hinter einer Deckung“ und schössen „senkrecht in die Luft bei abgezogenem Abzug und ständigem Durchladen“, wobei sie die Munition verschwendeten, die „in deutschen Fabriken von Frauen und Mädchen hergestellt wird“.

Das Beispiel Skanderbeg zeigt auch das meist taktische Verhältnis der Albaner zur Religion, er wechselte vom Islam zum Katholizismus und schließlich zur orthodoxen Kirche, je nachdem, wie es für die Lage am besten war. Neben Islam und katholischer und orthodoxer Kirche haben auch noch der Derwischorden sowie pagane Gruppen Anhänger in Albanien, das von 1945 bis 1990 offiziell ein atheistischer Staat war, in dem jede Religionsausübung verboten wurde. Kirchen und Moscheen wurden abgerissen oder beispielsweise zur Tennishalle umfunktioniert. Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes wurden die Gebetshäuser zwar wieder geöffnet, dennoch zeigt sich in Albanien ein ganz anderes Bild des Islams als etwa im Nahen Osten. Die in einer Woche gesehenen Frauen mit Kopftuch konnte ich an einer Hand abzählen und hielten sich mit den gesehenen Nonnen im Gleichgewicht, der Muezzinruf schien eine kaum größere Alltagsbedeutung als in Mitteleuropa die Kirchenglocken zu haben.

Wichtiger wird die religiöse Zugehörigkeit wiederum im Kosovo, wo sie zur Identität und Abgrenzung dient. Jedoch könnte sich dies auch in den nächsten Jahrzehnten in Albanien an Bedeutung gewinnen, denn seit Jahren investieren reiche muslimische Staaten große Summen zur Islamisierung in den gesamten Balkan. Die meisten der zu sehenden Moscheen stammen nicht aus der osmanischen Zeit, sondern sind mit arabischem Geld gebaute Neubauten, genauso wird in Islamschulen und andere Institutionen investiert. Albanien befindet sich damit kulturell in einer doppelten Zange aus schleichender westlicher Liberalisierung und okzidentaler Islamisierung, was für die Nation eine enorme Gefahr bedeutet. Noch gilt der später vom kommunistischen Regime übernommene Satz des Revivalisten (Unterstützer der Rilindja) Pashko Vasa: „Differenziert nicht nach Kirche oder Moschee. Die Religion des Albaners ist das Albanertum.“ Dies könnte sich jedoch bei einer erfolgreichen Islamisierung nach saudi-arabischem Vorbild ändern.

Das Recht der Berge

Skanderbeg prägte nicht nur die albanische Fahne, sondern einen eigenen Kanun, also ein regionales Gewohnheitsrecht der Albaner, das sich insbesondere in den Bergen bis heute gehalten hat. Das aus dem Mittelalter, vielleicht sogar noch aus vorrömischer Zeit stammende Rechte beinhaltet auch die Blutrache (albanisch: Gjakmarrja) , wofür Albanien bis heute bekannt ist und die auch heute noch, wenn auch selten, angewandt wird. In den Bergen, in denen jede staatliche Herrschaft stets weit weg war, regelte man seine Angelegenheiten und Probleme unter sich, wobei es zu teils einzigartigen Traditionen kam. Hatte eine Familie keinen männlichen Nachkommen mehr, konnte eine Frau sich – unter dem Verzicht auf Heirat und Sex – zum Mann erklären lassen und damit die Familie wieder auf den Versammlungen repräsentieren.

In den abgelegenen Regionen galt der Staat wenig, die Sippe dafür nahezu alles. Die komplexen und weitläufigen Sippenverhältnisse samt der Tradition der Blutrache führte freilich zu teils endlosen Familienfehden und hohen Opferzahlen, die nicht nur die Friedhöfe, sondern auch die Landschaft prägten. In einer Kulla, einer Art kleinem Turm, konnten sich von Blutrache bedrohte Männer einschließen und noch heute stehen viele dieser Türme im Land. Unterbrochen wurde die Blutrache nur durch die 45 Jahre des Kommunismus, der erstmals das staatliche Gewaltmonopol durchsetzte. Nach dessen Zusammenbruch blühten die alten Traditionen jedoch teils wieder auf und verschiedene Vermittlungs- und Versöhnungsversuche waren nur wenig erfolgreich.

HIER geht es weiter zum zweiten Teil des Reiseberichts!

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