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Reisebericht

Buntes Mittelerde? – Tolkientage 2022 (1)

Nachdem aufgrund der Corona-Pandemie die Tolkientage ausfielen, konnten Tolkien-Fans dieses Jahr wieder das bekannte Event in Geldern (Nordrhein-Westfalen) besuchen. Mike Gutsing war für die TAGESSTIMME vor Ort.

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<p>Bild: Privat</p>

Bild: Privat

Tolkien zwischen Fest und Forschung

Die Werke von J.R.R. Tolkien gehören zu den meistverkauftesten Büchern der Welt und zählt auch in konservativ-rechten Kreisen zu den Pflichtlektüren fiktiver Literatur. Neben David Engels in der Sezession widmeten sich auch Phillip Stein und Volker Zierke  im Podcast „Von rechts gelesen“ dem englischen Philologen und Autor, letzterer widmet diesem sogar eine eigene Sitzung im Seminar „Rechtes Lesen“ auf der GegenUni. Man könnte Tolkien und seinen Werken also eine gewisse Aktualität attestieren, gerade das Hauptwerk bietet eine Vielzahl möglicher Ansatzpunkte für literaturästhetische, politische und philosophische Debatten.

Eine quasi-offizielle Vertretung der wissenschaftlichen Aspekte des Tolkien-Kosmos übernimmt die Deutsche Tolkien Gesellschaft, die neben Stammtischen und verschiedenen anderen Veranstaltungen auch Seminare abhält und eine jährlich erscheinende Festschrift publiziert, welche auch politische und philosophische Debatten über Werk und Autor thematisieren. Der Verein organisiert des Weiteren auch einmal im Jahr die „Tolkien Tage“, eine Art Festival, bei dem sich die Besucher aller Altersklassen im beschaulichen Pont bei Geldern nahe der niederländischen Grenze treffen können und sich mit Kostümen, Vorträgen und Konzerten ganz nah bei Tolkiens Elben, Zwergen und Hobbits fühlen können.

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Kurz vorweg: Es ist sehr mühsam über den Sinn oder den Unsinn derlei Veranstaltungen zu diskutieren, auch die Kostümierung der Schausteller und Besucher oder die vermeintlich infantile Natur des eigenen Versinkens in diese Alternativwelt muss, kann und soll an anderer Stelle thematisiert werden. Im folgenden Text soll es allgemein um einige Eindrücke des Wochenendes und speziell einen besuchten Vortrag gehen.

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Vorjahr und Ankunft

Das erste Mal besuchte ich die Tolkien Tage 2019 und war damals tief beeindruckt von der Organisation und Durchführung dieser Veranstaltung, die sich irgendwo zwischen Festival, Mittelaltermarkt, Hobby-, bzw. Buchmesse und Seminartagung einordnen ließe. Hochwertige Kostümierungen zahlreicher Schaustellergruppen, eine Vielzahl äußerst interessanter Vorträge und die beschauliche Kulisse niederdeutscher Äcker und Weiden mischten Aufregung und Entspannung zu einem Gefühl, dass mich kurz darauf Tickets für das Folgejahr kaufen ließ. Das „große C“ vereitelte diese Pläne und so kam es erst dieses Jahr zur gewohnten Durchführung, die Tickets ließen sich dankenswerterweise übertragen.

Dieses Jahr erwartete man so viele Besucher, das bereits zwei Wochen vorher angekündigt wurde, dass es keine Tageskasse geben sollte, nicht uninteressant, da nicht wenige Besucher im Vorjahr teils mehrere Stunden Autofahrt in Kauf nahmen, um doch noch hineingelassen zu werden. Meine Bedenken zerstreuten sich bei der Ankunft in Geldern/Pont in kürzester Zeit, man hatte Zeltplatz und Hygieneeinrichtungen perfekt an die höhere Besucherzahl angepasst und auch die Validierung der Eintrittskarten stellte keine Probleme dar.

Auch das Veranstaltungsgelände war ausgeweitet wurden und die Zahl der Schaustellerzelte habe ich auf mindestens anderthalbfach der Menge geschätzt, wie sie es in dem letzten „normalen“ Jahr war. Alles in allem konnte man bereits am Anreisetag Freitag vermuten, dass sowohl bei Veranstaltern als auch bei Schaustellern, Händlern etc. ein gewisser Hunger auf die kommenden Tage vorhanden war.

Völkerschau in Klein-Mittelerde

Über das ganze Wochenende hinweg prägten besonders die zahlreichen Kostüme von Schaustellern und Besuchern das Bild der Veranstaltung. Ringgeister, Orks, Zwerge, Hobbits, Menschen, keine Gruppe aus Tolkiens Universum war nicht repräsentiert, ein fast schon passend diverser Auftakt für den „Pride-Month“. Ganz und gar nicht divers waren dagegen die Besucher. Diese als europäisch zu bezeichnen wäre untertrieben, man muss auf die Typologie „nordisch“ zurückgreifen, um dem Anblick gerecht zu werden. Neben dem, aufgrund des starken Sonnenscheins, dauerhaften Geruch von Sonnencreme war dies wohl der eindringlichste Anblick in Bezug auf die Teilnehmer. Vergebens suchte man kongolesische Zwergenköniginnen, namibische Hobbits oder äthiopische Bogenschützen mit spitzen Ohren. Die einzigen „exotischen“ Besucher waren eine Gruppe Schausteller, die (man kann es sich nicht ausdenken) als die südländischen Haradrim auftraten und neben einer Gruppe Orks wohl mit den aufwendigsten Kostümen zu meinen Favoriten an diesem Wochenende zählten. Die mangelnde Diversität schien jedoch niemanden in Aufregung zu versetzen, wohl ein Zeichen verinnerlichter exklusiv-weißer Räume. (Achtung: Ironie)

Deutlich bunter wurde es dann am Folgetag, nicht selten sah ich an einem Umhang oder einem locker sitzenden Leinenhemd einen Regenbogen Anstecker oder einen gleichartigen Aufnäher auf Umhängebeuteln und Rucksäcken. Diese besonders „Stolzen“ (häufig schlecht als Elben oder Hobbits verkleidet) pflegten ein vertrautes Bild, dass sich wohl am ehesten als „extraordinär“ betiteln ließe. Die Frauen glichen entweder der Werbung einer Abnehmkur oder der Magersuchtsprävention, bei Männern musste man von einer konsequenten Abneigung gegen körperliche Ertüchtigung oder einem Überkonsum sojahaltiger Produkte, nicht selten von einer Kombination beider Faktoren ausgehen. Diese Gruppen an Menschen ließen sich so gut beobachten, weil sie sowohl die auffälligsten waren als auch während den Vorträgen die ungeduldigsten und lautesten „Zuhörer“. Die „Stolzen“ machten mit den augenscheinlich Linken gute 30% Prozent der Teilnehmer aus, waren jedoch verstreut genug, um nicht direkt als prägendes Milieu aufzufallen.

Der Blick in die Glaskugel

Warum diese bösartigen und verallgemeinerten Betrachtungen? Nun, zum einen ist Tolkiens Werk nicht erst seit kurzem unter Beschuss durch diese Gruppen, sei es nun durch Artikel, die an jeder Stelle der Bücher Rassismus wittern, die über den Weg der neuen Amazon-Serie die grundlegende Struktur Mittelerdes untergraben oder für die selbst das Reich des Fantastischen kein Schlupfloch mehr sein darf, um der „neuen Normalität“ der Opferhierarchie zu entkommen. Zum anderen ist das Selbstbild auch dieser Subkultur völlig absurd, man sieht sich als mit dem Herrn der Ringe mit einem Universalwerk bewaffnet, dass jedem gefallen kann, unabhängig von Herkunft, wenn man nur alles leugnet, was Tolkien selbst als moralischen Kompass an seine Welt angelegt hat. Deutlich wird dies bereits in der Gestaltung des Bändchens, dass einem beim Einlass der Tolkien Tage überreicht wurde.

Festival-Bändchen der Tolkien Tage 2022, darunter Elbe mit Hijab und diverse Hobbits

Selbstverständlich ist der Herr der Ringe eurozentristisch und ohne Frage ist es kein Zufall, dass die „Menschen des Westens“ gegen die Orks und die bösen Menschen aus Süden und Osten kämpfen. Tolkien selbst schrieb in einem Brief, dass die Orks an die „least lovely Mongol-types“, also dem fernöstlich-mongolischem Menschentyp , angelehnt sind. Es ist aus Tolkiens Werk heraus beinahe unmöglich sich als Mensch dieser zugeordneten Herkunft sich als etwas Gutes darzustellen und auch die Trennung zwischen Herkunft und Kultur fällt dabei sehr eindeutig zuungunsten potentieller Verteidiger farbiger Elben oder anderer Mitglieder der „freien Völker“ Mittelerdes aus.

Welche Folgen dieses Missverständnis eigener (Sub-)Kultur und Missinterpretation von Tolkiens Werk hat, wird Gegenstand eines folgenden Artikels sein.

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