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Reisebericht

Buntes Mittelerde? – Tolkientage 2022 (2)

Mike Gutsing war für die TAGESSTIMME bei den Tolkientagen 2022. Nun schließt er seinen Reisebericht mit einigen Gedanken über einen dort gehaltenen „antirassistischen“ Vortrag ab.

7 Minuten

Zugegeben hatte ich nicht damit gerechnet, doch noch einen zweiten Teil des Reiseberichts zu verfassen. Zwar deutete es der vorhergehende Text bereits an, doch sind Erlebnisse dieser Art für den Leser weniger interessant als für den Schreiber, der auf diesem Weg seine Erfahrungen rekapitulieren und bestenfalls eine Erinnerung für sich erhalten kann. Privat bekam ich einige Rückmeldungen, die sich teils an der scherzhaft gemeinten Abstammungstypologie störten, sich jedoch auch köstlich über ebendiese amüsierten. Auch überraschte einige Leser das linke Publikum, das sie persönlich nie mit Tolkien identifiziert hätten. Doch genau aus dieser Ecke kam auch die interessanteste Reaktion auf meinen Text. Die Ortsgruppe Niederrhein der Tolkien Gesellschaft meldete sich mit einem „Buntes Mittelerde!“ und dem Vorwurf über meine mangelnde Textkenntnis sowie dem Hinweis über Tolkiens Abneigung gegenüber den Deutschen aufgrund der Erfahrungen mit dem NS. Tja, fühlt man sich an dieser Stelle geehrt für die Rückmeldung von offizieller Stelle oder berichtigt man diese groben Falschaussagen?

Ich nahm einen Mittelweg und nach ein wenig „Hin- und Hergefrutzel“ (Interessierte können es auf meinen Twitter-Kanal nachlesen) beließ ich es und freute mich, dass man mich gleich zweifach in meiner Einschätzung bestätigt hatte. Hierzu gleich die Wiederholung der wichtigsten Gedanken des ersten Textes: Erstens ist die moderne Lesart Tolkiens entstellend für sein Werk und geht vollständig an dessen Philosophie vorbei und zweitens führt diese falsche Lesart zu einer Anhängerschaft, die allein durch diese Lesart überhaupt Tolkien rezipiert. Deutlich wurde dies in einem Vortrag, den ich besuchte und der ernüchternd in jeglicher Hinsicht auf mich wirkte.

Walter Rosenkranz - Kompromisslos für Österreich!
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Rassismus in „Der Herr der Ringe“ (?)

Tom C. Winter, Diplom-Psychologe, Psychotherapeut, Autor und nach eigener Auskunft „interessierter Laie“ im Bereich Tolkien und „Herr der Ringe“ hatte sich im Zuge des mit dem obenstehendem Titel das ambitionierte Ziel gesetzt, die gesamte Trilogie nach potentiell rassistischen oder auch anti-rassistischen Passagen durchzuforsten und hatte seine Ausgabe auch mit allerlei Klebezetteln versehen, um deutlich zu machen, dass er diese ohnehin zeitaufwendige Aufgabe auch auf dem klassischen Wege ohne elektronische Textsuche erledigt hatte.

Auch die tatsächliche Arbeit am Text war ohne Makel: Winter schlüsselte die Verwendung des Begriffs nach Kontext auf und machte auch deutlich, wann Tolkien über Pferde, Familien oder tatsächliche Abstammungsgemeinschaften von Völkern schrieb, wie häufig diese Begriffe auftauchten und welche Unterschiede etwa in den deutschen Übersetzungen bestanden. An dieser Stelle hat der Vortragende sauber gearbeitet, doch leider fußte die Arbeit bis dahin und darauffolgend auf einem folgenschweren Problem.

Definitonsfrage

Begriffe unterliegen einer ständigen Umdeutung, spürbar erleben lässt es sich besonders an politischen Reizthemen: „Deutsch“, „Volk“, „Flüchtling“, „Weiß“ (als Hautfarbe) – Wörter, deren Definition nicht immer eindeutig ist, doch deren Bedeutungsfeld bis in die letzten 60 Jahre hinein weitestgehend eng oder für einen Großteil der Bevölkerung tatsächlich eindeutig war. Wie sie erlebt auch der Begriff „Rassismus“ eine großflächige Neuinterpretation bzw. eine Verengung hin zu einer gänzlich anderen Definition. Gibt man ihn bei duden.de ein, so wird man die folgende Definition erhalten:

(meist ideologischen Charakter tragende, zur Rechtfertigung von Rassendiskriminierung, Kolonialismus o. Ä. entwickelte) Lehre, Theorie, nach der Menschen bzw. Bevölkerungsgruppen mit bestimmten biologischen oder ethnisch-kulturellen Merkmalen anderen von Natur aus über- bzw. unterlegen sein sollen

Diese Definition trifft den Kern des Begriffes, auf den der Großteil der Menschen ebenfalls verweisen würden, Rassismus als eine a priori Herabstufung einer gewissen Abstammungsgruppe. In seinem Vortrag griff Winter jedoch auf die Definition des „Internationalen Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Rassendiskriminierung“ (kurz ICERD) der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1965 zurück, die sich in der deutschen Übersetzung folgendermaßen liest:

In diesem Übereinkommen bezeichnet der Ausdruck „Rassendiskriminierung“ jede auf der Rasse, der Hautfarbe, der Abstammung, dem nationalen Ursprung oder dem Volkstum beruhende Unterscheidung, Ausschließung, Beschränkung oder Bevorzugung, die zum Ziel oder zur Folge hat, dass dadurch ein gleichberechtigtes Anerkennen, Genießen oder Ausüben von Menschenrechten und Grundfreiheiten im politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen oder jedem sonstigen Bereich des öffentlichen Lebens vereitelt oder beeinträchtigt wird.

Neben der besseren bzw. schlechteren Behandlung von Menschengruppen aufgrund ihrer Abstammung fassten die Vereinten Nationen bereits 1965, immerhin fast 60 Jahre vor dem Revival der Rassenkunde als Opferwissenschaft, die bloße Unterscheidung von Völkern als Teil von Diskriminierung auf. Sollte dem Leser also ein Unterschied zwischen einem Äthiopier und einem Japaner in Geschichte, Aussehen, Kultur und Lebensweise auffallen, so macht er sich laut UN bereits seit 1965 der rassistischen Diskriminierung schuldig.

Kaum der Rede wert

Die Auflistung all der Textpassagen, die Herr Winter für das Für und Wider von Rassismus in „Der Herr der Ringe“ nutzte, wäre wenig zielführend, doch mit einem Schmunzeln stellte ich während seines Vortrags fest, dass keine der Stellen in Tolkiens Epos auch tatsächlich Hinweise für die eine oder andere Ausrichtung des Buches lieferten. So sollte etwa die Freundschaft zwischen Gimli dem Zwerg und Legolas dem Elb der Beweis sein, dass Tolkien sich für völkerübergreifende Freundschaft stark machen wollte. Das tat er in einem gewissen Rahmen tatsächlich, doch waren die bezeugten Stellen neben der individuellen Freundschaft auch immer von der kollektiven Distanz der beiden Völker begleitet, die durch ihre Vertreter dargestellt wurde.

Ähnlich verhielt es sich auch mit den Nachweisen, dass Tolkien tatsächlich „problematische“ Einstellungen bezüglich Abstammungsgemeinschaften haben könnte. So reichte allein die Unterscheidung zwischen den an die frühmittelalterlichen Angelsachsen erinnernden Menschen aus Rohan und den Menschen aus Gondor als „hohe“ bzw. „mittlere“ Menschen mit ihren gigantischen Städten aus Stein aus, um einen Rassismusverdacht zu rechtfertigen. Auch dass es eine Herrscherlinie gäbe, die sich mit ihrem Blut für das Königtum qualifiziere, löste bei manchem Zuhörer tiefes Entsetzen auf. Im Nachhinein ärgert es, dass der Vortrag weder aufgezeichnet noch wenigstens mit mehr Passagen von mir festgehalten wurde. Ich muss daher an dieser Stelle auf das Zutrauen des geneigten Lesers hoffen, wenn ich behaupte, dass alle vorgezeigten Stellen einer tatsächlichen Prüfung standhalten würden . Tolkiens „Herr der Ringe“ ist weder rassistisch noch aktiv anti-rassistisch, wie es Winter im Fazit seines Vortrags behauptet hatte. Doch sowohl Tolkien als auch „Der Herr der Ringe“ waren und sind durch und durch konservative Produkte ihrer Zeit.

Der überspannte Bogen

Wenigstens eine Stelle möchte ich zur Illustration noch ausführen. Sie war qualitativ nicht besser als der Rest, aber sie machte sehr deutlich, was dabei herauskommt, wenn man Bücher und besonders „Der Herr der Ringe“ zu ideologisch liest und sich dessen auch nicht mehr bewusst ist. Hierzu bedarf es einiger erklärender Worte. Sowohl im Buch als auch im ersten Film taucht die Stadt Bree auf. In dieser treffen die Hobbits um den Ringträger Frodo den Waldläufer Streicher im Gasthaus „Zum tänzelnden Pony“. Der Betreiber dieses Gasthauses äußert sich sehr kritisch gegenüber umherziehendem Volk und fremden Gesichtern in dem ansonsten dünn besiedelten Land. Hierzu äußerte sich Winter ein wenig abschätzig über die „einfache Landbevölkerung“, die jedoch am Ende des dritten Buches vom „Anti-Rassismus-Zauberer“ Gandalf zurechtgewiesen wird. Dieser informiert den Schankwirt darüber, dass in Zukunft wieder mehr Leute sich in dem von Krankheit und Krieg verheerten Land ansiedeln werden, worauf der Wirt dem Zauberer das Versprechen abringt, dass sich diese nicht näher als einige Tagesritte von der Stadt Bree entfernt ansiedeln werden.

Das diese Besiedlung unbewohnten Gebietes durch angrenzende Menschenvölker mehrere Tagesritte entfernt von der nächsten Siedlung mit der massenhaften Immigration tausender und abertausender kulturfremder Menschen in dicht besiedeltes Gebiet verglichen wurde, zwang mir dann doch erneut ein tiefes Schnauben aus den Nasenlöchern. Sollte ein etablierter Politiker sich dafür stark machen, arabische Migranten nach Tschernobyl, nach Sibirien oder Grönland umzusiedeln und dafür europäische Großstädte zu entlasten, könnte er eventuell sogar mit meiner Unterstützung rechnen. Herr Winter wurde über die völlige Unvergleichbarkeit der Situation und den Grad seiner Fehlinterpretationen über das gesamte Werk an diesem Tag nicht aufgeklärt. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einem beruhigten Gemüt konnte ich feststellen, dass zumindest diese Strömung der deutschen Tolkienforschung aktuell ignoriert werden kann, sollte sie sich an diesem Vortrag messen lassen.

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