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Prof. David Engels

„Europäische Konservative sind für Putin nur ein Instrument“

Seit einem halben Jahr herrscht in der Ukraine ein Krieg, der bestehende Fronten und Konfliktlinien auf vielen Ebenen auflöst, aber auch verfestigt. Welche Konsequenzen der Krieg für Europa und die Rechte bedeutet, erklärt der Historiker Prof. Dr. David Engels im Gespräch. (Hinweis: Das Interview wurde Ende März 2022 geführt.)

Interviewvon Oskar Hugo
11 Minuten
<p>Bild: Archiv</p>

Bild: Archiv

TAGESSTIMME: Herr Prof. Dr. Engels, Sie forschen am Posener West-Institut. Wie ist die Lage in Polen? Wie blickt man dort auf den Krieg? Wie unterscheidet sich die polnische Sichtweise auf den Krieg von jener des konservativen Lagers in Deutschland? Gehe ich recht in der Annahme, dass der russische Angriffskrieg – auch aufgrund der historischen russischen Invasionsversuche – für Polen eine viel unmittelbarere Bedrohung darstellt als für Deutschland?

David Engels: In der Tat: Lange hat der Westen die polnischen ebenso wie die baltischen oder ukrainischen Warnungen vor dem russischen Expansionismus in den Wind geschlagen und als ein Ding der Vergangenheit abgetan. Nun hat die Invasion der Ukraine durch Russland und somit der Ausbruch des ersten konventionellen zwischenstaatlichen Kriegs auf dem europäischen Territorium seit dem Zweiten Weltkrieg für ein bitteres Erwachen gesorgt. Dabei speist sich die polnische Erfahrung nicht nur aus der Erinnerung an die jahrhundertelange Besatzung weiter Teile Polens durch russische bzw. sowjetische Streitkräfte mitsamt der damit verbundenen Unterdrückung lokaler Identität, sondern auch durch eine intensive Vertrautheit mit der russischen Mentalität.

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Der Westen betrachtet Russland meist als einen – wenn auch großen – europäischen Nationalstaat unter vielen, dabei handelt es sich hier doch um einen autonomen, nur der eigenen Dynamik verpflichteten, dem Abendland kulturell doch sehr fremden Zivilisationsstaat, dessen Staatsraison nicht etwa darin liegt, durch Kompromiss und Absprache ein Gleichgewicht mit den Nachbarn zu finden, sondern vielmehr die eigentliche Mission des russischen Volkes zu erfüllen, nämlich die „Sammlung der russische Erde“ und somit die Errichtung eines autarken Großraums, der an seinen Grenzen keinen Konkurrenten dulden möchte.

Die russische Invasion der Ukraine lässt Bruchlinien innerhalb der europäischen Konservativen zu Tage treten, die bislang nur verdeckt zur Geltung kamen. Sie hatten bereits in ihrem Gutachten zur Möglichkeit der Zusammenarbeit zwischen der ID- und EKR-Fraktion im Europäischen Parlament auf das Verhältnis deutscher Konservativer zu Russland als trennendes Element in der Beziehung zu osteuropäischen Rechtsparteien hingewiesen. Überrascht Sie diese Entwicklung also weniger als manch anderen?

Engels: Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Italien und selbst Spanien pflegen viele Konservative ein eher romantisches Russlandbild, das immer noch von Reminiszenzen an Tolstoi, Dostojewski, Tschaikowski, Repin und die Zarenzeit geprägt ist, aber nur sehr wenig mit dem heutigen Russland zu tun hat. Für viele gilt Russland als eine Art ultimativer Verteidiger des Abendlandes, dem es idealistischerweise nur darum geht, Tradition, Christentum und nationale Kultur zu pflegen und zu verteidigen. Die Wirklichkeit des real existierenden Russland sieht ganz anders aus: Russland ist geprägt von wirtschaftlicher Stagnation, politischer Korruption, implodierender Orthodoxie, aufstrebendem Islam, außenpolitischem Zynismus, einer der weltgrößten Abtreibungsraten und so weiter.

Gerade der skrupellose Einsatz muslimischer Flüchtlinge bzw. Soldaten anlässlich der polnischen Einwanderungskrise und der Invasion der Ukraine hat gezeigt, was es mit dem „christlichen“ Russland tatsächlich auf sich hat. Trotzdem glauben viele westliche Konservative immer noch, Putin sei ihr prädestinierter Verbündeter, sehen aber kaum ein, dass sie lediglich Instrumente eines großangelegten Destabilisierungsversuches sind, dessen Ziel es ist, den Westen noch weiter als bisher zu spalten, um somit freie Hand zu schaffen für eine ungehinderte russische Expansion. Sollte es den Konservativen tatsächlich einmal gelingen, ein starkes und patriotisches Europa zu schaffen, werden Sie sehen, dass der russische Nachbar keinesfalls gütiger auf dieses Projekt blicken wird als der gegenwärtige, linksliberale amerikanische Hegemon …

Inwiefern stellt ein Erstarken Russlands eine Gefahr für ein vereinigtes, patriotisch gesinntes Europa dar? Manche konservative bis rechte Journalisten sehen in einem Sieg der Ukraine keine Vorteile für den europäischen Konservatismus, sondern viel eher eine Bestätigung und Zementierung bestehender globalistischer Machtstrukturen. Aber könnte die, in der deutschen übrigens genauso wie in der polnischen Publizistik beschworene, Wiederkehr des Politischen in das bislang im postmodernen Schlummer befindliche Europa nicht auch die Möglichkeit einer abendländischen Wiedergeburt und wirklichen Einigung bergen? Und das fernab jeglicher Romantik: Oft genug war es in der Geschichte heterogener Gemeinschaften ja der äußere Feind, der diese zusammenschweißte.

Engels: In der Tat verstehe ich die innere Zerrissenheit vieler Konservativer, wenn es um eine Parteinahme im gegenwärtigen Ukraine Krieg geht: ein Sieg Russlands würde aus einem tödlichen Angriffskrieg einen gefährlichen Präzedenzfall für die Zukunft Europas machen und zudem ein Land, das mit seiner überwältigenden Mehrheit den westlichen Institutionen beitreten will, dauerhaft auf die andere Seite eines neuen Eisernen Vorhangs verbannen. Auf der anderen Seite könnte ein Sieg des Westens auch in der Ukraine zu einer Stärkung jener linksliberalen Ideologie führen, welche schon im Rest Europas so schreckliche Konsequenzen gezeitigt hat, und die angeschlagene amerikanische Hegemonie zementieren.

Daher glaube ich auch nicht, dass ein gemeinsamer Krieg der NATO gegen Russland tatsächlich zu einer echten Versöhnung von Links und Rechts oder von Europa und den USA führen, sondern die existierenden Bruchlinien mittelfristig nur vertiefen würde. Die einzige Hoffnung sehe ich daher in der Möglichkeit, dass auf einen möglichen Sieg die allmähliche Eingliederung der Ukraine in das Trimarium-Projekt folgen würde, also den Versuch des Aufbaus eines unabhängigen konservativen Machtzentrums zwischen Berlin und Moskau, wie es bereits vor den polnischen Teilungen in Form des polnisch-litauische Republik bestand und sicherlich stark zur politischen Stabilisierung Osteuropas beigetragen hatte.

Überhaupt: Kann man diesen Dualismus zwischen einem russischen Sieg als Stärkung einer multipolaren Weltordnung einerseits und einem Sieg des Westens als Stärkung einer mono- bis bipolaren Weltordnung andererseits beschwören? Sieht man nicht heute, gerade auch aufgrund der vielen Sanktionen, die inzwischen – trotz ihres rationalistisch-liberalen Ursprungs (im Sinne des Glaubens, der Feind würde rationalen und ökonomischen Erwägungen folgen und wegen solcher die Segel streichen) – geradezu antiliberale Dimensionen annehmen (man bedenke das Canceln russischer Künstler), dass dieser Krieg etwas mit Europa macht? Und, dass ein siegreiches Europa von gestern nicht das Europa von gestern sein kann? Wäre es dann nicht viel mehr ein aus selig-pazifistischen Träumen erwachtes Europa?

Engels: Tatsächlich erleben wir gegenwärtig wenigstens rhetorisch eine gewisse Aufrüstung linksliberaler Ideologen, welche zumindest in der Bewertung der Verhältnisse in der Ukraine abgerückt zu sein scheinen von der bisherigen unterschiedslosen Verdammung von Krieg, Waffen, Patriotismus und angeblich toxischer Maskulinität, und dezidiert neben wirtschaftlichen Sanktionen auch den Aufbau einer eigenen, schlagkräftige Armee in Europa fordern. Doch bedeutet dieser scheinbare, zumindest rhetorische Rechtsruck der bisher eher links verorteten politischen wie medialen Führungseliten des Kontinents keineswegs eine Versöhnungsgeste gegenüber den Konservativen, sondern ist vielmehr, wie ich in einem in der Epoch Times erschienenen Aufsatz gezeigt habe, mit großer Skepsis zu sehen. Auch die Kommunistische Partei Chinas entschied sich, als das Scheitern der Sowjetunion offenbar wurde, durch die Ersetzung des Sozialismus durch den Staatskapitalismus für eine überraschende politische Kehrtwende, die allerdings ihre Machtstellung sowie ihre Fähigkeit zur Repression politischer Opponenten keineswegs verringerte, sondern vielmehr noch zementierte.

Welche Auswirkungen hätte es denn auf das Abendland, ja auf das Prinzip Europa überhaupt, wenn Putin infolge eines Sieges wirklich ein paneurasisches Reich „zwischen Weichsel und Amur“ errichtete?

Engels: Die Konsequenzen wären durchaus vergleichbar mit der Situation eines neuen Kalten Kriegs, diesmal aber unter ungleichen günstigeren Voraussetzungen, wäre doch selbst ein imperial aufgeblähtes Russland heute nur noch der Juniorpartner der chinesischen Supermacht, deren Überlegenheit über alles, was der Westen zu bieten hat, jetzt schon offensichtlich wird. Gestärkt durch dieses chinesische Bündnis, würde Russland, das sich seinerseits in Sibirien zunehmend von China bedrängt sieht, viel seiner Kraft darauf aufwenden, seinen Einfluss auf Europa auszudehnen und seine schwindende demographische Machtbasis zu verstärken, welche im Inneren nicht nur durch den Geburtenrückgang, sondern auch die Zunahme der muslimischen Bevölkerung bedroht ist.

Sollten Russland, Weißrussland und die Ukraine zu einem neuen großrussischen Staatenverbund verschmelzen, wären die baltischen Staaten sowie Moldawien und möglicherweise sogar Polen sicherlich in ihrer territorialen Integrität und politischen Autonomie mehr als bedroht, und man dürfte wohl eine Wiederholung der bereits aus Georgien, Kasachstan und der Ukraine bekannten Szenaren erwarten. Russland, bislang angeblicher Patron der europäischen Konservativen, würde dann zunehmend eine Politik des „divide et impera“ betreiben, welche Europa, sollte es sich von den USA abwenden, vom Regen in die Traufe geraten lassen würde.

Sprechen wir noch über die konkrete Lage in der Ukraine: Welches Szenario erachten Sie im Hinblick auf den Kriegsausgang am wahrscheinlichsten? Und: Es gibt einige Konservative, die an die Lösung einer neutralen Ukraine glauben – oder gar annehmen, dass eine russische Marionettenregierung Frieden bringen könnte. Was denken Sie dazu?

Engels: Gegenwärtig würde jeder denkbare Kriegsausgang eine Katastrophe bedeuten. Eine neutralisierte oder indirekt durch eine Marionettenregierung auf den Status von Weißrussland reduzierte Ukraine würde Putins Angriffskrieg im Nachhinein legitimieren, dessen unmittelbaren politischen Einfluss weit nach Westen tragen und die Vorstufe für ein weiteres Ausgreifen ins Baltikum und auf den Balkan sein, denn es liegt in der Natur der von Russland geforderten „neutralen“ Puffer- und Sicherheitszonen, dass diese sich entsprechend den jeweiligen machtpolitischen Situationen immer weiter verschieben.

Die Forderung nach einer neutralen Ukraine, sollte sie erfüllt werden, würde bald die Forderung nach einem neutralen Baltikum und schließlich einem neutralen Polen nach sich ziehen. Sollte Putin den Krieg allerdings verlieren, dürften die Aussichten ebenfalls düster sein, ist doch zu erwarten, dass es bald zu einem Sturz des Kremlherrschers und entsprechenden politischen Unruhen in der gesamten Russischen Föderation kommen würde, die durchaus einen inneren Verfallsprozess durchleben könnte, wird das riesige Reich doch bereits jetzt von zahlreichen separatistischen Bewegungen etwa im Kaukasus oder in Sibirien geschwächt.

Sollte Russlands Zentralgewalt tatsächlich für mehrere Jahre ausfallen, müssten wir mit einem Unruheherd fertig werden, der den gesamten eurasischen Kontinent durchziehen und natürlich auch seitens anderer Mächte wie etwa China und der islamischen Welt ausgebeutet werden würde. Dann ließe sich nur hoffen, dass es zumindest Regionalmächten wie Polen gelingen könnte, ein festes Bündnis mit seinen östlichen und südlichen Anrainerstaaten zu schließen und ihnen bei der wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung zu helfen, um wenigstens Europas Ostflanke gegen das Chaos zu schützen.

Weiter gilt es zum Teil auch unter Konservativen und Rechten als umstritten, dass Putin sich die ukrainische Nation einverleiben und damit de facto auslöschen möchte. Viele glauben, das Lebensrecht der ukrainischen Nation könnte trotz russischer Dominanz gewahrt werden. Widerspräche dies nicht fundamental jener imperialistischen Logik, die sie Russland diagnostizieren?

Engels: Wie gesagt: Es wäre ein Fehler, klassische europäische nationalstaatliche Kriterien auf Russland übertragen zu wollen. Es geht dem Russland Putins eben nicht um die Schaffung eines ethnisch, religiös oder kulturell wie auch immer homogenen russischen Staatsvolkes, sondern vielmehr die Erfüllung einer metaphysischen Mission der Sammlung der russische „Erde“ in all ihrer Vielfältigkeit und sogar inneren Widersprüchlichkeit. Natürlich verbindet sich dieses Ziel mit einem gewissen großrussischen Chauvinismus, der sich bemüht, regionalistische oder nationalistische Eigenbewegungen möglich zu zersetzen und zu unterdrücken; im Kern ist dieses Projekt aber ein durchaus multikulturelles und sogar multireligiöses Phänomen.

Dies wird am Beispiel des Islam ganz besonders klar, der in Russland ja keineswegs gekämpft oder zurückgedrängt, sondern ganz im Gegenteil bewusst hofiert und gestärkt wird, solange er sich auf ein politisches Treueverhältnis zur jeweiligen Regierung einschwören lässt. Es ist daher nur oberflächlich ein Paradoxon, dass das angebliche ukrainische Brudervolk durch fundamentalistische tschetschenische Söldner zum freiwilligen Bündnis mit Russland gezwungen werden soll.

Eine wie auch immer geartete russische Annexion der Ukraine würde daher auch nicht unbedingt in der genozidären Zerstörung der ukrainischen Sprache oder Kultur münden, sondern vielmehr im Versuch, ihr ihren nationalstaatlichen Charakter zu nehmen und sie somit aus dem abendländischen kulturpolitischen Kontext herauszulösen: Es geht darum, das ukrainische Gebiet durch vielfältige kulturelle wie politische Zersetzung und Assimilierung so umzugestalten, dass ihr jegliche Basis für eine nationalstaatliche Autonomie genommen wird und das gesamte Territorium erneut zum integralen Bestandteil des riesigen großrussischen Einflussgebiets wird.

Vielen Dank, Herr Prof. Dr. Engels!


Zur Person:

Prof. Dr. David Engels, Jahrgang 1979, ist ein belgischer Althistoriker. Geboren im ostbelgischen Verviers an der Nähe zu deutschen Grenze studierte Engels Geschichte, Philosophie und Volkswirtschaft an der RWTH Aachen. 2008 wurde er an der Université libre de Bruxelles Professor für Römische Geschichte. Von dieser Tätigkeit wurde er 2018 freigestellt, um einen Ruf auf eine Forschungsprofessur am Instytut Zachodni in Posen (Polen) zu folgen. Dort forscht er zur abendländischer Geistesgeschichte und europäischer Identität. Engels veröffentlichte mehrere Bücher zu diesen Themen.

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