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Fallhöhe verringern

Wie die AfD am besten auf das Stimmungshoch reagieren kann

Die Energie- und Inflationskrise sorgt auch in der politischen und demoskopischen Stimmungslandschaft für einigen Wirbel. Die bedrückende Lage wird konkreter und plastischer. Der Wocheneinkauf wird zu einer zunehmenden Belastung und die Energiekostenabschläge erreichen nach und nach die Briefkästen der Menschen. Auch nach zwei Monate vor Beginn der Winterzeit ist vielen Menschen nicht einmal mehr klar, ob die durchgängige Energieversorgung überhaupt mittel- und langfristig gesichert ist.

Meinungvon Daniel Fiss
6 Minuten
<p>Daniel Fiß. Bild: privat</p>

Daniel Fiß. Bild: privat

Die sich zuspitzende Krisenlage schlägt sich jetzt auch auf die meisten Wahlumfragen durch. Insbesondere für die AfD zeichnet sich eine bemerkenswerte Wachstumsdynamik ab, die sie aus ihrem stagnierenden neun bis elf Prozent kommend bei fast allen Umfrageinstituten auf 14 bis 15 Prozent katapultiert. Die AfD verzeichnet im Vergleich zu allen anderen Parteien die stärksten prozentualen Zuwächse. In Ostdeutschland wäre die Partei laut INSA-Umfrage jetzt stärkste Kraft. In Thüringen hat die AfD inzwischen einen komfortablen Vorsprung gegenüber der Linkspartei ausgebaut und würde nach aktueller Umfrage stärkste Kraft werden. In Sachsen wurde schließlich die 30-Prozent-Marke durchbrochen und auch in Brandenburg kann man nach einer langen Stagnationsphase wieder an das Ergebnis von der Landtagswahl 2019 anknüpfen und liegt nun gleichauf mit der SPD, die dort den Ministerpräsidenten stellt. Die AfD in Mecklenburg-Vorpommern kann sich mit einem Zugewinn von fast sieben Prozent noch stärker von der CDU absetzen und steht kurz davor, die bisweilen alles dominierende SPD in dem Bundesland einzuholen.

AfD in der Aufwärtsbewegung

Auch im Westen der Republik verzeichnet die AfD deutliche Zuwächse in den Umfragen und kann bei der bevorstehenden Landtagswahl in Niedersachsen inzwischen mit einer ambitionierten Zielmarke eines zweistelligen Ergebnisses in den Schlussspurt der dortigen Kampagne gehen. Noch vor wenigen Monaten rechnete man hier mit einer Zitterpartie um den Wiedereinzug, nachdem die Wahlen in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein und dem Saarland alles andere als zufriedenstellend waren. Auch in Hessen, Bayern oder Rheinland-Pfalz kann die AfD an die starken Umfrageperioden zwischen 2016 und 2019 anknüpfen und verzeichnet teils Zuwächse von vier bis sechs Prozent.

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Auch die Abfrage zu verschiedenen Themenkomplexen zeigt teilweise kurzfristige Stimmungsumschwünge und eher pessimistische Zukunftserwartungen in der Bevölkerung. Im Juli gaben nur 38 Prozent an, dass sie die aktuelle Situation wirtschaftlich belaste. Im September hat sich dieses Bild vollständig umgekehrt und eine Mehrheit von 57 Prozent gibt inzwischen an, dass sie die aktuelle Krise inzwischen in ihrer persönlichen wirtschaftlichen Existenz trifft.

Stimmungswandel

Nur noch 45 Prozent schätzen die aktuelle wirtschaftliche Lage des Landes als positiv ein. Vor vier Jahren lag dieser Wert bei über 80 Prozent und ist somit um knapp die Hälfte eingebrochen. Über 80 Prozent rechnen mit Versorgungsengpässen bei notwendigen Energieträgern wie Strom und Gas. Fast die Hälfte erwartet auch persönlich im kommenden Jahr eine schlechtere persönliche Wirtschaftslage als heute.

Selbst in der Coronakrise, wo die allgemeinen Wirtschaftserwartungen für das Land als äußerst negativ bewertet wurden, blieben die Einschätzungen zum eigenen Wohlstandsniveau oder der Arbeitsplatzsicherheit weitgehend stabil. Dies sieht in der aktuellen Lage erheblich anders aus. 

Ob das Wachstum der AfD nur eine Momentaufnahme ist oder einem längerfristigen Aufstiegstrend folgt, bei dem sich die Partei auf ihren 14 bis 15 Prozent stabilisieren kann, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Zumindest zeigen auch weitere demoskopische Indikatoren die Erweckung neuer Mobilisierungsreserven im Elektorat, die vor einigen Monaten noch nicht antizipiert werden konnten. So zeigt der wöchentliche INSA-Trend eine bemerkenswerte Entwicklung, dass nicht nur das enge Zustimmungspotential und die Wahlbereitschaft für die AfD zunimmt, sondern offensichtlich auch emotionale Barrieren und die totale Ablehnung in kleinen Schritten sukzessive abnimmt. Ende Januar 2022 gaben noch 72 Prozent an, dass sie sich unter keinen Umständen vorstellen könnten, für die AfD zu votieren. Mit dem heutigen Stand sind es nur noch 62 Prozent. Gewiss immer noch der höchste Wert gegenüber allen anderen Parteien, aber dennoch eine Entwicklungstendenz, die innerhalb der Partei optimistisch aufgefasst werden dürfte. Der ansprechfähige Zielgruppenraum scheint sich generell zu erweitern.

Momentaufnahme oder Langzeittrend?

Allerdings steckt die Partei auch in einem Dilemma, für diese neue Ausgangslage auch das entsprechende Medium zu finden, um ihre eigene Breitenwirksamkeit zu optimieren. Etablierte Medien ignorieren die AfD und für eigene Formate oder Synergien zwischen alternativen Medien fehlt oftmals der Innovationsmut und weniger als lustvolle und dynamische Kommunikation und einfallsreiches Kampagnenmanagement.

Nach einem durchwachsenen Wahljahr 2021, welches mit teils erheblichen Niederlagen im Jahr 2022 fortgesetzt wurde, war die strategische Ausgangslage eine Partei, die sich im eingebunkerten Stellungskrieg befand und sich als Servicedienstleister für die eigene Stammklientel verstand. Dies hat sowohl Mitgliedern als auch Funktionären viel Kraft geraubt und den dynamisierten Nimbus der ersten goldenen politischen Jahre ab 2016 wieder verfliegen lassen. Hinzu kamen zahlreiche innerparteiliche Fronten und Konflikte der „Meuthen-Ära“, die erforderliche Professionalisierungsprozesse, Community-Aufbau, fachpolitische Kompetenzbildung und Kampagnenflexibilität ausbremsten. Somit ist die Partei nun in einen politischen Sturm geworfen, in dem sie jetzt erst wieder ihre Rolle finden und die Fähigkeit zu strategischem Langzeitdenken entwickeln muss. Auch die aktuelle Krise zeigt, dass die AfD ähnlich wie einige Vorgängerparteien rechts der Union ihren Samen aus gesellschaftlichen Protestimpulsen wachsen lässt, was jedoch immer auch von Volatilitäten und Schwankungen geprägt ist. Die große gesellschaftliche Unzufriedenheit ist in der deutschen Wählerlandschaft immer auch eine knappe und zeitlich befristete Mobilisierungsressource.

Die Frage nach dem „Was tun?“

Die Herausforderung für die AfD besteht jetzt also darin, aus dem Schwung der aktuellen Trends, vorrangig die mögliche Fallhöhe zu verringern und sich somit thematisch als auch kampagnentechnisch breiter und flexibler aufzustellen. Nach der Niedersachsen-Wahl sollte der Parteivorstand mit Blick auf die wichtigen Wahlen bis 2025 (Bayern, Sachsen, Thüringen etc.) ein Strategiekonzept entwickeln, wie sich die AfD einerseits langfristig als Artikulationsraum der unzufriedenen und politisch-desillusionierten Massen anbieten kann und zugleich Bindekräfte entwickelt für vitale politische und kulturelle Lebenswelten von rechtskonservativer Seite.

Das bedeutet strategische Zentren und lokale Schwerpunktregionen zu identifizieren, in denen besonders starke AfD-Ergebnisse zu erwarten sind und dort aktive Bürgerplattformen und Protestbündnisse unterstützen. Hier braucht es ein wesentlich aktiveres und strukturiertes Community-Management. Es müssen kompetente Fachpolitiker aufgebaut werden, die auch außerhalb des Schwerpunktthemas „Migration“ als sprechfähige Medienpersönlichkeiten platziert werden können. Eine eigene umfassende demoskopische Dateninfrastruktur sollte langfristige Stimmungstrends vorhersehen und evaluieren sowie dabei helfen, eigene Zielgruppen besser zu erkennen und zu verstehen. Auf der medialen Ebene ist die beschränkte Reichweite alternativer Medienkanäle soweit bekannt. Dennoch braucht es auch hier mehr experimentellen Mut, der junge und talentierte rechte und konservative Medienmacher einbindet und Freiraum zur kreativen Entfaltung neuer Content-Formate bietet. Ich rufe dabei gerne ein Sketch-Format der Jungen Alternative Berlin oder eine dortige eigene Nebenkampagne zur Bundestagswahl „Freiheit for Future“ ins Gedächtnis, die zwar gerne geteilt und als Unterhaltung für die Parteibasis zur Kenntnis genommen wurden, aber nicht als mediales Potential und Strukturbaustein den Weg in flexiblere Kommunikationsstrategien und Content-Formate der AfD gefunden haben.

Der heiße Herbst ist für die AfD also weniger ein politischer Selbstläufer als vielmehr eine Herausforderung, die den Fokus auch wieder auf viele wichtige strategische und strukturelle Baustellen lenken sollte.


Zur Person:

Daniel Fiß, geboren 1992 in Rostock – studierte sechs Semester Good Governance und Politikwissenschaft an der Universität Rostock. Von 2016 – 2019 war er Bundesleiter der Identitären Bewegung Deutschland. Seit 2017 betreibt er als selbstständiger Unternehmer eine eigene Grafikagentur. Fiß befasst sich intensiv mit den Fragen politischer Kommunikation und ihrer Wirkung und ordnet diese in grundlegende strategische Fragestellungen des rechtskonservativen Milieus ein. Seit 2020 betreibt er dafür den Feldzug Blog, in dem er sich regelmäßig Analysen zu Demoskopie, politischer Soziologie und Kommunikation widmet.

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