Gesellschaft Meinung

Zeitumstellung: Die Sommerzeit als gesundheitliches Risiko

Bild Junge: Pixabay [CC0], Bild Uhr: Mike Licht via Flickr [CC BY 2.0] / Komposition: Die Tagesstimme

Heute Nacht ist es wieder so weit: Die Uhren werden eine Stunde vorgestellt. Die Zeitumstellung ist nicht unumstritten: Jährlich ergeben sich dieselben Debatten zwischen Befürwortern der Sommerzeit und jenen, welche eine ganzjährige Rückkehr zur Winterzeit – der eigentlichen Normalzeit – wünschen. 

Kommentar von Julian Schernthaner

Eines vorweg: Wer sich ein Plädoyer für die längere Helligkeit an lauen Sommernächten erwartet hat, wird hier vergeblich suchen. Seitdem die ersten Sonnenuhren und Glockentürme auftauchten, orientierte sich der Mensch bei der Einteilung des Tages stets am Lauf der Natur. Sinnvollerweise richtete er auch seinen Tagesablauf danach aus. Spätestens mit der Industrialisierung aber wurde diese Tradition erschüttert : Es gab nun feste Arbeitszeiten, nach den man sich zu richten hatte. Im Winter bedeutete dies, im Dunkeln aufzustehen – die Sommerzeit verschlimmert diesen Befund.

Erfunden als Kriegsvorteil – Geblieben als Krisenreaktion

Das erste Experiment mit der Sommerzeit wurde im deutschsprachigen Raum Jahr 1916 lanciert – mitten im Krieg stellten Deutschland und Österreich ihre Uhr in den Sommermonaten um eine Stunde vor. Freilich, der frühe Vogel fängt den Wurm. Wer eine Stunde vor dem Feind aufsteht, hat den entscheidenden Vorteil. Wenig verwunderlich es also, dass auch der zweite Versuch in Kriegsjahren begann. Von 1940 bis 1948 bzw. 1949 galt diese erst im Deutschen Reich, später in den Besatzungszonen. Ihren heutigen ‚Siegeszug’ trat die Zeitumstellung dann ab 1979 an. Als Reaktion auf die weltweite Ölkrise erhoffte man sich dadurch (vergeblich), Energie einzusparen.

Sommerzeit raubt uns eine Stunde

Seitdem klagen viele Sommerzeitgeschädigte Jahr um Jahr über die Nachteile der „gestohlenen” Stunde. Medizinische Studien aus den USA bestätigen ein erhöhtes Herzinfarktrisiko in den ersten drei Tagen nach der Umstellung. Im ähnlichen Zeitraum passieren mehr Verkehrsunfälle. Australische Forscher stellten sogar eine höhere Selbstmordrate fest. Einer Umfrage der Deutschen Angestellten‐Krankenkasse (DAK) zufolge kämpft jeder Dritte mit gesundheitlichen Problemen. Besonders schlimm trifft es sogenannte „Eulen” – also chronobiologische Spätaufsteher – da die neue Zeit noch weiter von ihrer ‚inneren Uhr’ abweicht. Die Umstellung im Winter fällt den meisten leicht – man ‚gewinnt’ eine Stunde.

In der Regel brauchen Menschen etwa eine Woche um sich daran zu gewöhnen. Schlafforscher berichten allerdings von Fällen, in denen Patienten der künstliche Jetlag noch monatelang plagte. Besonders hart ist die Zeitumstellung für Kleinkinder, welche viel Schlaf brauchen, sowie für Haus‐ und Nutztiere. Viele Bauern melken deshalb ihre Rinder auch im Sommer nach der Winterzeit – oder umgekehrt. Der Grund liegt auf der Hand. Wird eine Kuh zu früh gemolken, ist ihr Euter weniger ergiebig. Erfolgt dies zu spät, ist es zu prall und bereitet dem Tier unnötige Qualen.

Dauerhafte Sommerzeit” keine Lösung

Immer größer wird indes der Anteil jener Menschen, die bei einer Abschaffung der Zeitumstellung lieber die Sommerzeit behalten würden. In Österreich beträgt dieser stolze 61 Prozent. Sie begründen dies mit den längeren Sonnenstunden in der warmen Jahreszeit und mit damit verbundener besser Vitaminzufuhr. Freilich geht ihnen diese Stunde morgens verloren. Die beste Tageszeit zur Aufnahme des wichtigen Vitamin D ist zwar die Mittagssonne. Dieses ist lebensnotwendig und beeinflusst etwa die Gesundheit des Immunsystems, des Stoffwechsels, der Knochen und Zähne. Morgens ist der Körper dennoch ausgeruhter und weist deshalb eine besser Aufnahmebilanz auf als die ähnlich starke Abendsonne. Eine Studie wies außerdem nach, dass Morgensonne den Stoffwechsel anregt – was sich positiv auf den Body‐Mass‐Index auswirkt.

In Russland machte man vor einigen Jahren der Winterzeit den Garaus. Bei den Menschen führte dies zu geringerer Produktivität, schlechterer Gesundheit und einer allgemeinen Unzufriedenheit. Das Experiment wurde nach nur drei Jahren zugunsten einer ständigen Winterzeit abgebrochen. Verständlich – wenn es im tiefsten Sibirien im Winter bei -40°C um 10 Uhr hell wird, hilft das niemandem. In anderen Teilen Europas wären die Folgen mitunter noch unvorhersehbarer. An der Nordwestspitze Spaniens findet der Sonnenhöchststand im Sommer um 14 Uhr 42 statt – fast drei Stunden zu spät. Böse Zungen wären gar geneigt, den liebens‐ und beneidenswerten Müßiggang vieler Iberer auf ihr ‚Uhrproblem’ zu schieben.

Zeitumstellung als ideologische Frage

Interessant ist die Ansicht der verschiedenen politischen Lager im deutschsprachigen Raum. Konservative, Linksparteien und Umweltschützer sind eher für eine Abschaffung der Umstellung, die traditionellen Volksparteien im Zentrum eher für eine Beibehaltung. In Österreich zeigte sich dies 2013 im Abstimmungsverhalten im Nationalrat: Nur die FPÖ sowie die damals noch im Parlament vertretenen Grünen stimmten für eine Abschaffung, die übrigen Parteien dagegen.

Auch in Deutschland gibt es einen ideologischen Graben. Erst am Donnerstag stimmten nur AfD und Linke für einen Antrag der FDP zur Abschaffung der Zeitumstellung ab. CDU/CSU und SPD sprachen sich für eine Beinbehaltung aus, die Grünen enthielten sich. Letztere haben ihren Ansichten in den vergangenen Jahren mehrmals geändert. Waren sie vor wenigen Jahren mit dem Energiespar‐Argument für die Umstellung, positionierten Sie sich bei einem Vorstoß anderer Grünparteien im EU‐Parlament vehement jüngst als Unterstützer einer Abschaffung. Die Linke schlug demgegenüber einst vor, die Winterzeit abzuschaffen und dauerhaft die Sommerzeit zu verwenden.

Winterzeit ist Normalzeit

Angesichts der russischen Erfahrungswerte sowie der medizinischen Implikationen kann die Marschroute nur heißen: Schaffen wir endlich diese unselige Sommerzeit ab! Die Winterzeit ist die Normalzeit, die sich nach der Natur richtet – ziehen wir mit ihr, nicht gegen sie. Es wäre indes zu begrüßen, wenn auch die Entscheidungsträger in der Europäischen Union nicht ständig darüber „prüfen” – die Fakten liegen auf dem Tisch. Unsere Kinder und Kindeskinder werden es uns danken.

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