Interview Wirtschaft

Felix Menzel: „Der Globalkapitalismus ist kein Naturgewächs”

Der Publizist Felix Menzel hat eine Denkfabrik für Wirtschaftskultur gegründet. Bildrechte: Felix Menzel

Der deutsche Publizist Felix Menzel hat die erste patriotische Denkfabrik für Wirtschaftskultur in Deutschland ins Leben gerufen (Die Tagesstimme berichtete). Im Interview mit der Tagesstimme erklärt Menzel seine Beweggründe und warum die patriotische Opposition neben der Einwanderungskritik auch soziale, ökologische und ökonomische Standpunkte erarbeiten muss.

Die Tagesstimme: Herr Menzel, Sie haben die neue patriotische Denkfabrik für Wirtschaftskultur namens Recherche Dresden ins Leben gerufen. Beschäftigt sich das patriotische Milieu zu wenig mit Wirtschaft oder wozu braucht es eine solche Denkfabrik?

Menzel: Fangen wir mal so an: Gleich nach der Eröffnung unserer Denkfabrik haben uns einige Linke vorgeworfen, wir würden Diskurspiraterie betreiben. Wir scheinen also einen wunden Punkt berührt zu haben. In der Tat sind wir von der strategischen Notwendigkeit unserer Denkfabrik überzeugt: Es reicht für die patriotische Opposition nicht aus, nur am Straßenrand zu stehen und gegen die Asylpolitik zu protestieren. Dies ist ungemein wichtig, da uns die Masseneinwanderung der letzten Jahre in existentieller Weise bedroht.
Trotzdem ist eine Ausweitung der Kampfzone geboten. Wir müssen weitere Politikfelder besetzen und soziale, ökologische und eben auch ökonomische Standpunkte erarbeiten. Dies gilt insbesondere, da wir nach den ersten Wahlerfolgen der AfD aufzeigen müssen, wie wir diese Gesellschaft als Patrioten gestalten wollen, wenn man uns einmal machen ließe.

Freiheitliche Wirtschaftsordnung ohne Wachstumszwang

Zu dem Aufbau der Denkfabrik kam es aber noch aus einem viel unspektakuläreren Grund: nämlich schlicht aus Erkenntnisinteresse. Die Frage nach einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung, die dem Wachstumszwang nicht erliegt, bildete schon immer einen Schwerpunkt meines Denkens. 2013, also mittlerweile vor fünf Jahren, haben wir dem erstmals in unserem Buch Junges Europa ein Kapitelchen gewidmet und in dieser Zeit auch schon einige Interviews mit Experten wie Holger Rogall geführt. 2015 habe ich dann begonnen, für die Zeitschrift Sezession eine Serie zur Wachstumskritik zu schreiben. Im letzten Jahr schließlich habe ich meine Überlegungen zur nachbarschaftlichen Marktwirtschaft in meinem Büchlein Alternative Politik dargelegt.

Ich hoffe, dies verdeutlicht, dass der Vorwurf der kurzsichtigen Diskurspiraterie unberechtigt ist. Vielmehr wollen wir gerade die Stärken des konservativ‐patriotischen Denkens auf dem ökonomischen Feld in Erinnerung rufen, weil wir da an grandiose Theoretiker anknüpfen können. Rolf Peter Sieferle, Ernst Nolte („Marxismus und Industrielle Revolution“), Wilhelm Röpke, Oswald Spengler, Werner Sombart, Max Weber, Friedrich List und viele andere Geistesverwandte haben uns noch viel zu sagen.

Die Tagesstimme: Als erstes Projekt gibt Recherche Dresden künftig einen Infobrief, eine Art patriotisches Wirtschaftsmagazin, heraus. In der Ankündigung zur ersten Ausgabe findet man von Ihnen auch den Beitrag „Globalkapitalismus oder nachbarschaftliche Marktwirtschaft”. Würden Sie unseren Lesern bitte kurz skizzieren, wie eine nachbarschaftliche Marktwirtschaft im Gegensatz zum globalen Kapitalismus aussehen könnte?

Menzel: Man muss dazu eines begreifen: Der Globalkapitalismus ist kein Naturgewächs, sondern das Ergebnis einer systematischen, staatlich gesteuerten Umverteilung nach oben hin zu Großunternehmen, die inzwischen meist vollkommen entortet agieren und zu einer ökonomischen Vereinheitlichung der Welt beitragen, die ich gerade auch aus kulturellen und marktwirtschaftlichen Gründen ablehne.

Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat kürzlich errechnet, dass der deutsche Staat 2017 inklusive Steuervergünstigungen Subventionen in Höhe von 118 Milliarden Euro per Gießkanne verteilt hat. Das landet fast ausschließlich bei den Großen, während der Mittelstand vernachlässigt wird und der normale Arbeitnehmer die Hälfte seines Lohnes für Sozialabgaben und Steuern berappen muss.
Hinzu kommt die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank, über die eine schleichende Enteignung des Bürgers betrieben wird, währenddessen durch die Anleihenkäufe in Höhe von bald 2,5 Billionen Euro Zombieunternehmen und Zombiestaaten künstlich am Leben gehalten werden, die unter normalen Umständen längst zahlungsunfähig wären. Wir haben also das seltsame Phänomen, dass aktuell aufgrund des Wachstumszwangs mit Hilfe von Geldsozialismus der Globalkapitalismus aufrechterhalten wird. Das ist eine tickende Zeitbombe, die sich niemand traut zu entschärfen, weil die Begleiterscheinungen vermutlich sehr heftig wären.

Soziale Beziehungen in Regionen stärken

Wir können da nun leider nicht ohne Weiteres aussteigen. Deutschland und Europa waren schon immer überdurchschnittlich in die Weltwirtschaft eingebunden. Wir steigen mit ihr auf und wir fallen mit ihr gemeinsam auf die Nase. Was wir dennoch tun können, ist die unterste Ebene unserer Wirtschaft zu stärken, statt die höchste immer weiter zu subventionieren. Das meine ich mit nachbarschaftlicher Marktwirtschaft. Wir müssen schauen, wie wir gerade mit den Werkzeugen der Digitalisierung die ökonomischen und sozialen Beziehungen in jeder Region und in jedem Ort verbessern können. Dies halte ich für die dringend notwendige Alternative zum Sozialstaat, der anonyme Umverteilungen vornimmt, über die sich niemand so richtig freuen kann. Wir werden das auch noch konkretisieren, z.B. was dies für die Rente bedeuten könnte.

Die Tagesstimme: Auf der Homepage der Denkfabrik findet man vier Punkte zur „Agenda 2030”. Als erster Punkt steht die Forderung „Die Politik der ‚Geldschöpfung aus dem Nichts’ muss beendet werden”. Welche Alternativen zum aktuellen Geldsystem sind dabei Ihrer Ansicht nach am interessantesten und erfolgversprechendsten?

Menzel: Ach, interessant sind die allermeisten alternativen Geldsysteme. Es wäre sicherlich spannend, mal ein Jahr auf der Basis von Schwundgeld zu arbeiten, dann das Vollgeld auszuprobieren, um schließlich am Ende auch noch Free Banking zu testen. Das Experimentieren mit lebendigen Gemeinschaften und Gesellschaften sollten wir aber besser den Linken überlassen. Wir setzen erst einmal darauf, die Debatte über diese ganzen Geldsysteme in Gang zu bekommen, indem wir sie mit all ihren Vor‐ und Nachteilen beschreiben.

Rückkehr zu einer gesunden Eigentumsökonomik

Aus meiner konservativen, vorsichtigen Sicht heraus würde es schon einer Revolution gleichkommen, wenn wir zu einer gesunden Eigentumsökonomik zurückkehren, wie sie Gunnar Heinsohn skizziert hat. Das heißt, wenn der Grundsatz wieder uneingeschränkt gelten würde, dass jeder Schuldner Sicherheiten hinterlegen muss und jeder Gläubiger über ausreichend Eigenkapital verfügen muss, wäre schon viel gewonnen. Ich möchte das große „Aber“ bei diesem Plan jedoch nicht unerwähnt lassen: Vermutlich würde bereits dieses eigentlich selbstverständliche Reförmchen den nächsten Finanzcrash auslösen. Genau das macht es so schwierig, Veränderungen anzuschieben.

Die Tagesstimme: In den letzten Monaten gewannen Kryptowährungen wie Bitcoin immer mehr an Einfluss. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung. Hat Bitcoin eine Zukunft?

Menzel: Mit dem Bitcoin habe ich mich noch nie ausführlich beschäftigt. Ich kann dazu also keine Expertenmeinung abgeben, denke aber, dass die dahinterstehende Blockchain‐Technologie in der Tat eine Zukunft hat. Als defensiver Investor ganz im Sinne Benjamin Grahams schreckt mich die hohe Volatilität des Bitcoin ab. Ich bin kein Spekulant, sondern setze am Kapitalmarkt langfristig auf große und kleine Unternehmen, von denen ich überzeugt bin und bei denen ich nicht auf die tagesaktuellen Auf und Abs schauen muss. Die Einhaltung des eben skizzierten Grundsatzes der Eigentumsökonomik kann ich beim Bitcoin ebenfalls nicht erkennen. Von daher ist er für mich lediglich ein Krisensymptom. Viele Anleger suchen nach alternativen Währungen und landen dann halt beim Bitcoin oder anderen Kryptowährungen.

Die Tagesstimme: Nicht nur im patriotischen Milieu allgemein, sondern auch in der Alternative für Deutschland (AfD) finden sich mitunter unterschiedliche Positionen – von wirtschaftsliberal/libertär bis zu eher „sozialistischen” Ideen. Wie ist Ihr Eindruck: Könnten das noch zu großen Konflikten innerhalb der Partei führen?

Menzel: Ehrlich gesagt, glaube ich das nicht. Dazu eine kleine Anekdote: Ich besuchte vor einigen Tagen einen Vortrag von Peter Boehringer, dem Vorsitzenden des Haushaltsausschusses. Boehringer ist dem libertären Spektrum zuzuordnen. Davon war bei dem Vortrag aber kaum etwas zu spüren. Vielmehr ging er gegenüber dem Publikum sogar so weit zu sagen, dass auch die AfD das derzeitige Rentensystem komplett unangetastet lassen will, selbst wenn das den Bund pro Jahr in naher Zukunft über 100 Milliarden Euro kostet.

Die Begründung dieser Position von Boehringer war dabei absolut schlüssig: Er verwies darauf, dass die AfD erst einmal auf anderen Baustellen Erfolge erzielen muss. Die Migrationspolitik kostet nach offiziellen Schätzungen jährlich um die 20 Milliarden Euro. Inoffiziell dürften wir uns den 50 Milliarden Euro nähern. Ebenso fatal sind die Pläne der Europäischen Union, die nach dem Brexit noch mehr Geld von Deutschland haben will. Es handelt sich hier um jährlich zusätzliche 12 Milliarden Euro.

Ich vermute, dass bei diesen Punkten in der gesamten patriotischen Opposition – parlamentarisch und außerparlamentarisch – Einigkeit besteht. Die Aufgabe der AfD ist es daher, diese Konsensmeinung im Streit mit den anderen Parteien voranzubringen. Das wird schwer genug. Für die weitergehenden Visionen ist dann unsere Denkfabrik zuständig. Deshalb machen wir das ja.

Die Tagesstimme: Zurück zu „Recherche Dresden”. Wie kann man das Projekt unterstützen?

Menzel: Aus Politik und Unternehmen haben sich in den letzten Wochen schon erstaunlich viele Mitstreiter gefunden, die etwas für unsere Zeitschrift Recherche D beitragen wollen. Auf diesem Wege ist also eine dezentrale Mitarbeit möglich. Wir suchen ganz speziell nach Autoren, die aus der Praxis, Wissenschaft und Politik kommen. Gern können sich aber auch Studenten einbringen, sofern sie bereit sind, für eine Recherche in die Universitätsbibliothek zu gehen.

Darüber hinaus freuen wir uns natürlich über jeden neuen Abonnenten. Um ein Magazin wie Recherche D langfristig mit renommierten Gastautoren und Interviewpartnern betreiben zu können, brauchen wir mindestens 1.000 Abonnenten. Da sind wir auf einem guten Weg. Trotzdem ist die Strecke noch weit.

Bei Veranstaltungen, Studien und dem, was wir an Netzwerkarbeit leisten, sind wir zudem auf Spenden angewiesen und haben dafür im Hintergrund den gemeinnützigen Verein Journalismus und Wissenschaft aufgebaut. Wer unsere Denkfabrik für Wirtschaftskultur also unterstützen möchte, hat allerhand Möglichkeiten, dies zu tun. Jede Mithilfe, jeder Hinweis und jeder noch so kleine Spendenbetrag bringt uns dabei voran.

Die Tagesstimme: Vielen Dank für das Interview, Herr Menzel!

 

Zum Interviewpartner:
Felix Menzel ist ein politischer Publizist und wurde 1985 in Karl‐Marx‐Stadt (heute: Chemnitz) geboren. Er studierte Medien‐ und Kommunikationswissenschaften, Politik und BWL an der Martin‐Luther‐Universität Halle Wittenberg. 2004 gründete er mit Mitschülern die Jugendzeitschrift „Blaue Narzisse” (BN) und war an der „konservativ‐subversiven‐aktion” (ksa) rund um den Verleger Götz Kubitschek beteiligt. Für die Reihe kaplaken des Antaios‐Verlags publizierte Menzel das Band „Medienrituale und politische Ikonen”. Außerdem trat er bei der BN‐Anstoß‐Reihe in mehreren Bänden als Autor und Herausgeber hervor. 

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