Kultur Meinung

Stefan Weber: Kultmusiker im Zeichen linker Kulturhegemonie

Stefan Weber (li.) bei einem Aufritt von Drahdiwaberl in Wien im Jahr 2006. Bild: Manfred Werner ("Tsui") via Wikimedia Commons [CC BY-SA 3.0]

Genie und Wahnsinn waren selten in einer Person so vereint wie in Stefan Weber. Im bürgerlichen Leben hoch geachteter Gymnasiallehrer – bei abendlichen Konzerten immer für einen handfesten Skandal gut. Ein einzigartiger Künstler – und hochpolitischer Mensch – fuhr am Donnerstag dahin und hinterlässt eine schmerzliche Lücke.

Ein Nachruf von Julian Schernthaner

Was verbindet einen zutiefst wertkonservativen Menschen eigentlich mit einem bekennenden Kommunisten wie Weber? Vermutlich mehr, als auf den ersten Blick offensichtlich erscheint. Schon als ich – als ehemaliger Metal‐Sänger – meine ersten musikalischen Gehversuche machte, faszinierten mich jene Künstler, welche ständig die Grenzen des Sag‐ und Machbaren ausloten wollten. Und unweigerlich gilt das in Österreich für einen Menschen, der es stets vermochte, der ganzen Gesellschaft komplett respektlos den Spiegel vorzuhalten.

Drahdiwaberl: Mehr als nur Musik

Stefan Weber wurde 1946 in Wien geboren. Schon in zarten Studentenjahren wusste er: Er wollte in der extremsten und obszönsten Band des Landes spielen. Nach einigen Jahren bei wabbs crew (später: wabbs gun) begründete er 1969 sein Lebenswerk, die Kultband Drahdiwaberl. Obwohl es noch 12 Jahre weitere Jahre dauern würde, ehe die Truppe überhaupt ein Album herausbringen würde, erschütterte sie die Republik in ihren Grundfesten. Ihre Konzerte waren nicht selten Materialschlachten mit wechselseitigem Bombardement durch allerlei Naturalien. Öfters folgten darauf Hausverbote.

Die polarisierenden Auftritte liefen jedoch eigentlich gar nicht aus dem Ruder – sie waren durchaus Programm. Als Weber mit einigen Freunden seine Band gründete, war dem „Kapellmeister” gewiss: er wollte nicht einfach Musik machen. In einem Umfeld, welches den Wiener Aktionismus als leitende, gesellschaftskritische heimische Strömung der Kunst in den 60ern und 70ern, idolisierte, war der Auftrag gleich Befehl. Drahdiwaberl war eine hochpolitische Band. Mit einer gehörigen Portion Zynismus und jeder Menge schwarzem Humor nahm man stets auch aktuelle politische Verwerfungen im Land aufs Korn. Immer wenn es etwas zu kritisieren gab: Weber und seine Band waren an vorderster Front.

Linke Hegemonie in der Kunst

Der Erfolg von Drahdiwaberl steht exemplarisch für die ungeschriebene Wahrheit, dass sich die heutige Kulturszene hauptsächlich im linksgerichteten Milieu abspielt. Sie ist außerdem sinnbildlich für einen gewonnenen Kulturkampf. Als die Band erstmals antrat, kam es zu Auftrittsverboten. Der öffentlich‐rechtliche ORF boykottierte die Gruppe noch, als sie bereits in aller Munde war. Heute hingegen ist es völlig unwichtig, ob sich Künstler tatsächlich zu politischen Themen äußern. Sofern sie die „richtige” Gesinnung mitbringen, öffnen sich ihnen Türen, welche Andersdenkenden verschlossen blieben.

Hier reicht es für tosenden Applaus, wenn sich Schriftsteller eines plumpen Nazivergleichs bedienen, um die heimische Migrationspolitik zu kritisieren. Auf der anderen Seite wird Künstlern, welche die Symptome der früher loseren Einwanderungspolitik anprangern, die Zusammenarbeit mit öffentlich‐rechtlichen Sendern aufgekündigt. Wenn der EAV‐Sänger in einem latent rassistischen Lied die Mentalität türkischstämmiger Jugendlicher persifliert, ist es ein kritisches Meisterwerk. Wenn mit Gabalier ein erfolgreicher patriotischer Musiker die frühere Version der Bundeshymne singt, ist dies hingegen sofort ‚sexistisch’. Es gilt mitunter sogar als völlig angemessen, ihn aufgrund seiner Ansichten aus einzelnen Konzerthäusern auszusperren.

Künstlerische Freiheit als hohes Gut

Somit geht mit dem Drahdiwaberl‐Gründer auch ein symbolträchtiger Musiker von uns. Denn einerseits ist er schillerndes Beispiel für Kunst als Mittel für gesellschaftlichen Wandel. Andererseits ist er aber auch ein mahnendes Beispiel dafür, dass linksgerichtete Künstler und Aktionisten heute einseitige Narrenfreiheit genießen. Gegen eine weitreichende künstlerische Freiheit ist freilich nichts einzuwenden. Diese besondere Form der Meinungsfreiheit ist wichtig, notwendig und die Grundfeste unserer Demokratie. Diese benötigt entsprechend kreative Aktions‐ und Kunstformen sogar zwingend als Korrektiv für allfällige Fehlentwicklungen.

Sicher im Sattel – wohlverdienter Heimritt

Vielmehr sollte uns die Vita von Stefan Weber also daran erinnern, dass man diese Freiheiten auch unliebsamen Meinungen zubilligen soll. Patrioten, welche herrschende Zustände in weitaus geringerer Intensität anprangern, droht heute der Verlust von Arbeitsstellen, Bankkonten und der gesellschaftlichen Stellung. Ihre Aktionsformen führen mitunter sogar zu strafrechtlicher Anklage. Dem umtriebigen Wiener hingegen war es zurecht möglich, seine öffentlich wirksamen Botschaften und mitunter befremdlichen Auftritte zu leisten, ohne den Verlust seiner Lehranstellung zu befürchten.

Erst im Zuge seiner langen Krankheit musste diese letztlich aufgeben. Aber, er möge als Zeichen einer umfassenden Freiheit der Kunst – für die er einst sogar vor Gericht eintrat – auch nach seinem Ableben „denen da oben” die Höll’ (beide Wortspiele beabsichtigt) geben. Dass er es im Diesseits nicht mehr tun kann, wird mir aber trotz grundverschiedener Wertvorstellungen fehlen. Ruhe in Frieden, und kehre wohlverdient nach Hause, Kapellmeister Weber!

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