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Bayern: Der Kampf ums Erbe von Franz‐Josef Strauß ist entbrannt

Bild Bayerischer Landtag: Pixelteufel via Flickr [CC BY 2.0 (Bild zugeschnitten) // Bild F. J. Strauß: Bundesarchiv, B 145 Bild-F023363-0016 / Gathmann, Jens via Wikimedia Commons [CC BY-SA 3.0] // Collage: Die Tagesstimme.

Am 14. Oktober finden im flächengrößten deutschen Bundesland die Landtagswahlen statt. Als hätte der Urnengang nicht genug Symbolwirkung, gedenken die Bayern nur wenige Tage zuvor dem 30. Todestag des legendären Landesvaters Franz‐Josef Strauß. Gleich zwei Parteien sehen sich nun offenbar in dessen Tradition.

Kommentar von Julian Schernthaner

Als politisch interessierter Mensch, dessen Herzallerliebste aus dem schönen Bayernland kommt, kann man heute von einer Portion Wehmut sprechen. Wehmut auch darüber, dass ich die Wortgewalt des Münchener Urgesteins Strauß als Erdenbürger um einen läppischen Tag verpasste. Und auch ein wenig Wehmut darüber, dass im Jahr Dreizehn unter Sonnenkanzlerin Merkel auch weiterhin ähnlich traditionsbewusste Politiker mit Format dünn gesät sind.

Bayerischer Politiker mit Profil

Strauß prägte beinahe ein halbes Jahrhundert bayerischer und bundesdeutscher Politik. Unvergessen sind seine Reden, in denen er dem sozialdemokratischen Kanzler Brandt bezüglich dessen Ostpolitik die Leviten las. Ebenso unvergessen sind seine Scharmützel mit dem Spiegel‐Gründer Rudolf Augstein, mit dem ihm zeitlebens eine intime Feindschaft verband.

Nicht zuletzt unvergessen ist aber sein Eintreten für eine starke CSU und eine starke Rolle Bayerns. Im Jahr 1976 kam es sogar zu einem kurzzeitigen Bruch mit der Schwesterpartei – einige Wochen lang stand die Gründung einer bundesweiten CSU im Raum. In der berühmten Wienerwald‐Rede sprach er dem späteren CDU‐Kanzler Helmut Kohl jegliche politische, charakterliche und geistige Voraussetzungen für die Spitzenpolitik ab.

Ständige Rückzieher schaden CSU‐Wählergunst

Und genau dies bringt uns in die Jetztzeit. Die Unionspolitik des Jahres 2018 ist stark geprägt von einer CSU, die zwar immer wieder aus der Union ausschert und Merkels Weg nicht mehr vorbehaltlos gehen will. Gleichzeitig kennzeichnet eine unter dem schneidigen Strauß undenkbare Duckmäuserei Seehofers und Söders den bayerischen Ableger. Jedem Vorstoß gegen die Merkel‐Doktrin folgen zwei Schritte zurück – jeder scharfen Äußerung ein fauler Kompromiss mit CDU und SPD.

Das Resultat: Die historisch schlechten Umfragen für die Partei sind hausgemacht. Zuletzt bekundeten nur mehr knapp über 35 Prozent aller Bayern, in weniger als zwei Wochen CSU wählen zu wollen. Was vielerorts als traumhaftes voraussichtliches Wahlergebnis gölte, ist im dunkelblauen Bayern allerdings so etwas wie die Götterdämmerung an Lech, Donau, Isar, Inn und Regen.  Profiteure des ständigen Einknicks in Umfragen: Die Grünen – und die AfD. Gleichzeitig ein Sinnbild für die Zerrissenheit der Union auf allen Ebenen.

Tochter: Strauß hätte „niemals die AfD gewählt”

Letztere – beziehungsweise ein anscheinend nahestehender Verein – machte vor einiger Zeit mit der Äußerung auf sich aufmerksam, dass Strauß „heute AfD wählen” würde. Und tatsächlich – sowohl in inhaltlicher als auch rhetorischer Hinsicht könnte dieser Befund durchaus stimmen. Ganz anders sieht dies freilich seine Tochter Monika Hohlmeier, einst selbst Landespolitikerin für die CSU. Diese ist anlässlich des 30. Todestages des Landesvaters sicher, jener hätte „niemals die AfD gewählt”.

Ihrer Ansicht nach handelt es sich bei der patriotischen Partei nämlich um „geistige Brandstifter”, welche ihr Vater bekämpft hätte. Eine Koalition mit den Grünen, so Hohlmeier, erachtet sie dabei schon als wahrscheinlicher. Als Beispiel nennt sie „Kontaktpunkte” in der Migrationsfrage. Wo sie diese sieht, wenn es schon mit CDU und SPD darüber ständig hapert, bleibt sie freilich schuldig. Den Beleg, welchem Unionsflügel sie sich zurechnen würde, liefert sie da schon eher, wenn auch zwischen den Zeilen.

Linksruck der CDU mit Strauß undenkbar

Die Wahrheit ist wohl irgendwo dazwischen. Ein gestandenes CSU‐Urgestein wie Strauß hätte vermutlich tatsächlich die AfD nie gewählt – allerdings kaum aus inhaltlichen Gründen. Vielmehr hätten die „Ja, aber”-Sager vom Kaliber eines Seehofer oder Söder in einer Strauß‐CSU im Jahr 2018 keine zentralen Posten. Und noch vielmehr hätte der gute Mann längst Merkel ein saftiges Kontra gegeben. Spätestens im Juni hätte er wohl den Unionsbruch riskiert – und angesichts der guten Aussichten, die eine bundesweite CSU zweifelsohne hätte, vermutlich konsequenter durchgeführt als 1976.

Viel wahrscheinlicher ist hingegen, dass mit einem Gegenpol wie Strauß ein Linksruck der Schwesterpartei unmöglich gewesen wäre. Schon lange vor dem infamen „Wir schaffen das” hätte er Merkel wohl jegliche Eignung für das Kanzleramt abgesprochen. Die CDU‐Führung hätte weitgehend einlenken müssen und ihre konservativen Positionen beibehalten. Aus einer solchen CDU wäre möglicherweise auch kein Alexander Gauland ausgetreten, um der AfD beizutreten. Als 18‐jähriger Erstwähler unter den gegebenen Umständen hätte sich Strauß allerdings wohl wirklich in der AfD engagiert.

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