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Spielfilm: Wie eine Tiroler Kleinstadt der Weltwirtschaftskrise trotzte

Symbolbild (Ausgabe von 'Arbeitswertscheinen' an Wörgler Bürger' 1932/33): Screenshot WDR-Reportage via YouTube [@01:19] (Bildausschnitt)

Eine Tiroler Kleinstadt trotzte durch den innovativen Entwurf des „Schwundgeldes” im Jahr 1932 der Wirtschaftskrise. Ein Spielfilm, welcher die Geschichte des „Wunders von Wörgl” erzählt, wurde am Donnerstag in ebenjener Unterinntaler Gemeinde unter tosendem Applaus vorgestellt. 

Wörgl. – Der Film erzählt die wahre Geschichte eines per Los – niemand wollte das Amt haben – zum Bürgermeister ernannten Lokführers. Michael Unterguggenberger orientierte sich dabei an der Freigeldlehre des belgiendeutschen Finanztheoretikers Silvio Gesell. Durch die Ausgabe sogenannter „Arbeitswertscheine” erlebte die damalige Marktgemeinde mittels ihrer Komplementärwährung einen unerwarteten Aufschwung in schwierigen Zeiten.

Umlaufgesichertes Geld belebte Wirtschaft

Wie viele Orte litt Wörgl während der Wirtschaftskrise unter dem empfindlichen Rückgang seiner industriellen Produktivität. Die hohe Arbeitslosenrate leerte zusehends die Gemeindekassen, der Markt stand vor dem Bankrott. Mitte 1932 trat dann ein Wohlfahrtsausschuss zusammen, der die Ausgabe sogenannter „Notschillinge” beschloss. Zentrales Charakteristikum: der Wert des Notgeldes musste monatlich bestätigt werden. Dazu diente eine Geldmarke zu einem Prozent des Nennwertes.

Auf diese Weise war es im Interesse der Bürger, das Geld möglichst schnell in Umlauf zu bringen. Die Handeltreibenden des Ortes nahmen es als Zahlungsmittel an, sein nomineller Wert war an die Landeswährung Schilling gekoppelt und von der örtlichen Bank gedeckt. Ein Rücktausch war möglich – aber mit Strafgebühren verbunden. Unternehmer investierten im großen Stil in die Infrastruktur – das Resultat war eine fallende Arbeitslosigkeit und ein Abbau der Gemeindeschulden.

Ende des Experiments nach Gerichtsurteil

Der Erfolg der Wörgler Idee stieß weit über die Grenzen auf Anerkennung und Interesse. Hochrangige Delegierte kamen sogar aus Frankreich und den USA, um eine Umsetzung für den eigenen Staat zu prüfen. Allerdings sollte der Aufschwung des damaligen 4.000-Seelen-Marktes nicht von Dauer sein. Denn innerhalb Österreichs zog man sich auch den Zorn mächtiger Gegner zu. Historikern zufolge war etwa der damalige christlichsoziale Finanzminister – der später autoritär regierende Engelbert Dollfuß – nicht besonders angetan davon.

Die Österreichische Nationalbank legte im Folgejahr erfolgreich gerichtlichen Widerspruch gegen das Experiment ein. Sie pochte in ihrem Gesuch auf ihr alleiniges Recht zur Geldausgabe. Sowohl der Wörgler Versuch als auch allfällige Nachahmversuche wurden anschließend untersagt. Unter Androhung, andernfalls die Armee in den beschaulichen Ort zu beordern, folgte im September 1933 das jähe Ende des „Schwundgeldes”. Erst 2007 ernannte die Stadt den 1936 verstorbenen Unterguggenberger posthum zum Ehrenbürger.

Haller Altstadt als filmisches Wörgl

Interessant ist, dass das Historiendrama aber kaum in Wörgl gedreht wurde. Denn der historische Siedlungskern der seit 1951 zur Stadt erhobenen Gemeinde – mit über 13.000 Einwohnern eine der bevölkerungsreichsten Orte des Bundeslandes – ist nur spärlich erhalten. Deshalb wich man für die Ortskulisse in das etwa 50 Kilometer Hall in Tirol aus. Die ähnlich große Münzerstadt verfügt über die größte erhaltene mittelalterliche Altstadt Nordtirols – diese diente schon zahlreichen Filmprojekten als historische Kulisse.

Die Hauptrolle des Bürgermeisters Michael Unterguggenberger spielt mit Karl Markovics ein bekanntes Gesicht des heimischen Films . An der historischen Begebenheit fasziniert ihn laut eines ORF-Artikels, dass auch „ein Mensch einen Unterschied machen” kann. Dieser könnte „aus einer Idee eine Wirklichkeit […] schaffen, die für alle einen Vorteil bringt”. In den weiteren Hauptrollen agieren Verena Altenberger – und mit Harald Windisch auch ein Urgestein der Tiroler Theaterszene.

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