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Meinung

Das Feindbild Boomer: Eine Generation im Kreuzfeuer

Marvin Timotheus Neumann

Veröffentlicht

am

Mit dem Spruch „Ok, Boomer“ wird seit einigen Monaten von rechter Seite auf abgekaute Phrasen, hochgehalten von Angehörigen der Baby-Boomer-Generation (Jahrgänge ~ 1945–1965), im Netz reagiert.

Kommentar von Marvin T. Neumann

Der zynisch-ironische Spruch soll unterstreichen, dass gewisse Konzepte und politische Standpunkte nicht mehr zeitgemäß und somit nutzlos geworden sind. Und das nicht aufgrund eigener progressiver Überzeugungen, sondern im Hinblick auf den Stand der Dinge und der Tatsache, dass viele Strukturen und Verhältnisse, auf die sich die Boomer gerne beziehen, gar nicht mehr existieren oder ihre Strategien einem beschränkten Paradigma entspringen. Neuerdings wird ebendieser Satz von linker Seite verwendet und findet seitdem im massenmedialen Diskurs Gehör. Doch weshalb bekommen die Boomer es von beiden Seiten um die Ohren?

Der liberal-konservative Boomer

Als typisch zu benennen wäre das vehemente Beharren auf bestimmte klassisch-liberale Binsenweisheiten: dass jede Form von Einschränkung auf lange Sicht scheitern würde; dass Zensur nie funktioniere; dass alle Menschen westlich-aufgeklärt leben wollten (ungeachtet ihres ethnokulturellen Hintergrunds); dass alles letztendlich ökonomisch zu lösen wäre; dass Israel nie und unter keinem Umstand als einzig westlich-liberaler Staat im mittleren Osten zu kritisieren wäre und natürlich, dass das altindustrielle Großkapital als Rückgrat der Nation um jeden Preis zu verteidigen wäre – ungeachtet der entgegenkommenden Abneigung. Zu dieser Sorte gehört ein großer Teil der isolierten Werte Union innerhalb der CDU und leider auch der Funktionärsriege der AfD.

Besonders penetrant ist dabei die Übernahme des links-moralischen Deutungswerkzeugs: Das ultimative Böse erscheint immer in der Form des Faschismus, ungeachtet der Monstrositäten, die links-marxistische Systeme und Bewegungen darstellen – wobei diese dann ja auch nur die altbekannten „rotlackierten Faschisten“ sind. Man versucht ständig zu zeigen, dass ja die anderen die eigentlichen Faschisten/Rassisten/Antisemiten seien.

Somit handelt es sich dann bei der Antifa nicht um eine rein linksextremistische Gruppe, sondern eigentlich um sogenannte „Linksfaschisten“, und auch die linksradikalen Klimaaktivisten der Extinction Rebellion sind, laut Beatrix von Storch, natürlich „Klimanazis“. Dass man ein Spiel mitspielt, das man nicht gewinnen kann, will dabei nicht verstanden werden, zu sehr sitzt man selbst in der von linker Kontrakultur geprägten Gedankenwelt fest.

Der rechte Boomer

Aber auch einige Rechte der Boomer-Generation haben ein Talent dafür, mit bestimmten, ungehobelten Attitüden immer reichlich für schlechte Bilder zu sorgen. Bestimmte Videoclips oder schlecht gestaltete Memes, die dann durch Handygruppen gejagt werden und ein Klischee nach dem anderen bedienen, sind vermutlich jedem bekannt. Natürlich auch die obligatorischen Spitznamen für unliebsame Persönlichkeiten wie die „Klimagretel“.

Ein ganz schlimmer Schlag wäre der Reichsbürger. Damit sind nicht unbedingt die Angehörigen dubioser Gruppierungen gemeint, viel mehr diejenigen, die darauf beharren, dass die Bundesrepublik in keiner Form einen legitimen Staat darstellt. Und dass es daher besonders clever wäre, über die Themen „Feindstaatenklausel“ und „Friedensvertrag“ bei jeder Gelegenheit zu diskutieren und dies auch gerne den Parteien als Strategie zu empfehlen. Der sogenannte Kalergi- und der Hooton-Plan dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Es ist allgemein der Wutbürger, der – wenn auch durchaus zurecht erbost – seinen Unmut mit oftmals schlecht recherchierter Argumentation und noch schlechter selektierter Wortwahl zum Ausdruck bringt.

Der linke Boomer

Aber natürlich ist so gut wie jeder Boomer in seiner Jugend eigentlich mehr oder weniger ein Linker gewesen. Es war der größte Teil der Boomer-Generation, der in Deutschland in erster Linie als 68er-Bewegung bekannt ist. Junge Menschen, die in einem Zustand wirtschaftlichem Aufschwungs, einer Ausweitung an Opportunitäten jeder Art und einer von den Restbeständen traditionell-christlich geprägter Zivilisation zusammengehaltener Gesellschaft aufwuchsen – und sich damit rühmen, dieser den Todesstoß verpasst zu haben.

Statt eines sicheren Jobs mit Altersvorsorge, einem Haus mit Vorgarten, Auto, Kindern und Hund, haben sie sich lieber für Drogen und Orgien im Schlamm auf Rockkonzerten entschieden. Zugegeben betrifft dies hauptsächlich die Hippies und stellt eine polemische Zuspitzung dar, doch die linke kontrakulturelle DNA ist jedem Boomer gemein: die persönliche Freiheit geht über alles, jedem das Seine und linke Massenmörder sind trotzdem ein klein wenig besser als rechte Massenmörder – weil die ja irgendwie einer eigentlich guten Idee nacheiferten.

Die Aneignung des Boomer-Memes von links

Doch die neulinke Jugend hat für ihre Vorgänger anscheinend nicht viel übrig – die Revolution frisst ja bekanntlich ihre eigenen Kinder. Die Radikalität der Hippies gegen die Tradition ist den „woken Millenials” nicht radikal genug gewesen und eigentlich sind sie mit ihren homophoben, sexistischen und xenophoben Grundüberzeugungen mehr Feind als Freund.

Schließlich sind sie heute mehrheitlich alte weiße Männer, die nichts für Transsexuelle und People Of Color unternommen hätten – Althippie oder ehemaliger Mao-Fan hin oder her. Auch haben sie damals keine Kohlekraftwerke geschlossen, im Gegenteil, sie haben sogar teils versucht, dem patriotisch gesinnten Arbeiter die Hand zu reichen – für den progressiven Stand des current year eine Unfassbarkeit. Somit haben linke Teenager seit kurzem angefangen, ihre dekadente Lebensweise und absurden Perversionen gegenüber Kritik von älteren Mitmenschen mit dem „Ok, Boomer“-Meme auf verschiedenen sozialen Plattformen zu verteidigen.

Diese Stilisierung zum Opfer einer angeblich intoleranten, biedermeierschen Gesellschaft ist natürlich ursprünglich die Grundlage des Selbstverständnis eben jener Boomer gewesen, die nun, alt und nicht mehr vollständig im Gang der Zeit, kein Verständnis für Gesichtstattoos, Ohrtunnel oder Männer in Kleidern haben. Die linke Spirale dreht sich aber nun mal weiter und stoppt nicht bei langen Haaren und Schlaghosen.

Der tragische Boomer

Unterm Strich kann man festhalten: „The left can’t meme.“ Es ist erneut ein Motiv der Rechten gewesen, das angeeignet und verzerrt wurde. Wurden die Alt-68er-Boomer ursprünglich für ihren Verrat an den Vorfahren und dem Überlieferten, für ihre blinde Loyalität zu Strukturen, die längst auf sie pfeifen und zu Strategien, die uns nicht helfen können, auf die Schippe genommen, äußert sich mit der linken Adaption des Memes lediglich ein verfestigtes Ressentiment gegenüber den Ahnen und der eigenen Identität.

Für Rechte ist der Boomer ein Produkt von Dekadenz und Indoktrination, von Amerikanisierung im Zuge der Westbindung und Verrat am Eigenen als Folge des Umerziehungsprogramms. Für Linke ist er der bösartige Kapitalist, der auf Kosten der heutigen Generation und der nicht-weißen Menschheit verschwenderisch lebte und nun mit seinem SUV die Welt zu vernichten droht.

Kein rechter Generationenkrieg gegen Boomer

Wie man es auch wendet, der Boomer dient mittlerweile beiden Seiten als Boxsack, doch sollte man aufpassen. Ja, bestimmte Boomer oder ein gewisser Boomer-Habitus im eigenen Lager gehört angemessen kritisiert, aber dem Generationenkrieg, den die Linke daraus basteln will, sollte die patriotische Rechte nicht beitreten.

Viele großartige Männer und Frauen, die für ihre Heimat, Vorfahren und Nachfahren tagtäglich den Kopf hinhalten, verdienen Anerkennung und selbst ein Althippie ist ein Vorfahre und gehört somit, im Zweifel, für alte Sünden nicht verstoßen.


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3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Heimatvertriebener

    22. November 2019 at 19:24

    Obwohl knapp außerhalb der angegebenen Zeiten möchte ich doch ein wenig widersprechen.
    Zitat: „Aber natürlich ist so gut wie jeder Boomer in seiner Jugend eigentlich mehr oder weniger ein Linker gewesen. Es war der größte Teil der Boomer-Generation, der in Deutschland in erster Linie als 68er-Bewegung bekannt ist. Junge Menschen, die in einem Zustand wirtschaftlichem Aufschwungs, einer Ausweitung an Opportunitäten jeder Art und einer von den Restbeständen traditionell-christlich geprägter Zivilisation zusammengehaltener Gesellschaft aufwuchsen – und sich damit rühmen, dieser den Todesstoß verpasst zu haben.”
    Das hier Geschriebene sehe ich als durchaus zutreffend, allerdings nur auf einen ganz bestimmten Teil der damaligen Jugend. Und da ich damals, mitten in Westberlin, durchaus nicht fern vom Geschehen lebte, meine ich, mir auch ein Urteil erlauben zu dürfen.
    Anfang der 60er Jahre studierte halt nicht jeder Zweite, es gab auch noch genügend junge Menschen, die in einem Handwerk Genugtuung und ein durchaus lohnenswertes Einkommen fanden. Ebenso wie in Handel, Industrie und im Staatsdienst.
    Nicht so wenige ehemalige Studenten konnte man bald bei Taxi-Fahrten kennen lernen. Mehr sah man bei Protesten gegen die USA und alles Bürgerliche überhaupt. Der grausame Tod des dicht an der Mauer verblutenden Peter Fechter wurde zum Anlass für antiamerikanische Demonstrationen genommen. Die Stasi Mörder ließen den angeschossenen Flüchtling elend dicht am Grenzzaun verbluten, ehe sie ihn wie einen schweren Sack wegschleppten. Ob die US Streitkräfte hätten eingreifen können, vermag heute niemand mehr zu sagen. Vielleicht wäre es gut gegangen, vielleicht hätten die Mauermörder aber auch auf sie geschossen.
    Mit Beginn des Vietnam Krieges weiteten sich die Proteste deutlich aus. Es werden nicht nur Studenten demonstriert haben, aber sie stellten wohl die deutliche Mehrzahl.
    Als nicht so (ein)gebildeter junger Mensch hatte man damals andere Sorgen. Der Wohnungsmangel war ein großes Thema, Wehrdienstverweigerer kamen en masse in die Stadt und verstärkten die linke Szene. Schon die Sorbonne war bekanntlich ein Hort linken Denkens, lange vor dem zweiten Weltkrieg. Warum also auch nicht in Deutschland? Auch die Buben Willy Brandts waren bei mancher grenzwertigen Situation dabei und schafften die Erwähnung ihrer namen in der Presse.
    Einen Höhepunkt der damals auch so genannten „Studentenproteste” (es waren tatsächlich auch Frauen dabei, trotz alten Namens) war der Besuch des persischen Schah. Auf der einen Seite die „Jubel-Perser”, auf der anderen unsere lieben 68er. Polizei dazwischen, genau wie heute. Die Tötung des Studenten Benno Ohnesorg durch einen Kriminalpolizisten verursachte dann die bis dato wohl größten Krawalle. Ein böser Schlag des Schicksals ließ die (Mord?)tat durch die Hand eines Stasi Spions geschehen. Ich glaube zwar nicht, dass ihn die Stasi dazu aufgefordert hat, indes, wissen kann man es nicht bei dieser Mörderbande. Klar war, dass durch diese Handlung alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt wurde.
    Besonders schlimm finde ich, dass dieser Lump nicht etwa, wie so viele Andere, von der Kommunistenbande erpresst wurde, sondern sich absolut freiwillig „der guten Sache” zur Verfügung stellte. Nach seiner leider viel zu späten Enttarnung, wo nun fast alles verjährt war, schrieb die Presse: Er war der Ansicht mit seiner Tätigkeit bei der Westberliner Polizei „keiner guten Sache zu dienen”.
    Wo war sein Problem? Er hätte doch einfach im Minen- und Mauernstaat „Zuflucht gefunden. Dann wär er wohl von Sudel Ede im Adlershofer Studio präsentiert worden, aber er hätte nicht morden müssen.
    Danke fürs viele Lesen von einem die damalige Zeit Erlebenden.

  2. Avatar

    Henriette

    23. November 2019 at 14:32

    Die Kinder von dieser Generation haben meistens die Einstellungen der Eltern übernommen! Außerdem werden die Menschen allgemein immer radikaler. Nach jedem längeren Gespräch mit heutigen jungen Leuten (ca. 20 bis 25), die noch dazu gut in die Gesellschaft integriert sind, war ich schockiert, wie intolerant anderen Meinungen gegenüber diese sind!! Die „Boomer” sind wohl harmlos dagegen.

  3. Avatar

    Henriette

    23. November 2019 at 20:30

    Nur als Hinweis:
    DNA ist die englische Abkürzung (A steht für acid), DNS ist die richtige Abkürzung im Deutschen (S für Säure).

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Interview

Kickl: „Es muss jetzt Schluss sein mit dem Corona-Wahnsinn”

Redaktion

Veröffentlicht

am

Die Tagesstimme sprach mit FPÖ-Klubobmann Herbert Kickl über die Corona-Krise und notwendige Änderungen in der Asylpolitik.

Im Interview verlangt der ehemalige Innenminister ein Ende des Ausnahmezustands. Ein zweiter „Lockdown” wäre aus seiner Sicht eine „politische Todsünde”. Wirtschaftlich müsse man wieder mehr auf Regionalisierung setzen und in krisenrelevanten Bereichen die Autarkie ausbauen, so Kickl. Auch im Bereich der Asylpolitik fordert der FPÖ-Politiker einen „Paradigmenwechsel” und warnt vor einer Aushöhlung des Rechtsstaates.

Tagesstimme: Herr Kickl, das Thema „Corona“ ist weiterhin allgegenwärtig. Wenn Sie die letzten Monate Revue passieren lassen: Welche Fehler hat die Bundesregierung aus Ihrer Sicht begangen?

Kickl: Eine ganze Reihe von Fehlern. Zu Beginn, als noch nicht klar war, wie gefährlich das Virus ist, war sie zu zögerlich. Wir haben längst ein Schließen der Grenzen gefordert, da hat man uns noch erklärt, dass sich Viren ohnehin an keine Grenzen halten. Und als sich dann immer mehr gezeigt hat, dass das Virus zum Glück nicht so gefährlich ist, wie zunächst befürchtet wurde, hat die Regierung auch viel zu lange gebraucht und die Wirtschaft völlig abgewürgt. Ganz abgesehen davon, dass sie jetzt aus ihrem eigenen Bürokratie-Dschungel nicht mehr herausfindet und die versprochenen Unterstützungen daher viel zu langsam ankommen, wenn überhaupt.

Tagesstimme: Und welche politischen Maßnahmen müssten jetzt unbedingt umgesetzt werden?

Kickl: Es muss jetzt Schluss sein mit dem Corona-Wahnsinn, sprich dem Ausnahmezustand, in dem die Regierung per Verordnung massive Einschränkungen – vor allem auch unserer Grund- und Freiheitsrechte – durchdrücken kann. Die Gesundheitsbehörden sind in der Lage, die nötigen Schritte zu setzen, wenn es lokal zu Ausbrüchen kommt. Und parallel dazu muss die Wirtschaft angekurbelt werden, damit die Menschen die verlorene Arbeit zurückbekommen. Dazu wäre der 1.000-Euro-Gutschein für alle Österreicher eine optimale Maßnahme, weil jeder profitiert und das Geld in österreichischen Betrieben ausgegeben werden muss.

Tagesstimme: Trotz all der Kritik können sich ÖVP und Grüne über gute Umfragewerte freuen. Besonders Gesundheitsminister Rudolf Anschober war ein „Krisengewinner“, wie „Die Presse“ im Juli titelte. Woher kommt das?

Kickl: Im Vergleich zu den „Frischg‘fangten“ auf der ÖVP-Regierungsbank ist Anschober ein Polit-Profi, das kommt ihm jetzt zugute. Außerdem wurde kritische Berichterstattung über die Regierungsmaßnahmen ganz generell ja per Corona-Medienförderung praktisch vom Markt gekauft. Während alle anderen Unternehmen sich mit dem bürokratischen Papierkram herumschlagen müssen, um Unterstützung vom Staat zu erhalten, haben die Medienhäuser Geld ja völlig antragslos und unabhängig davon, wie hoch ihr Schaden war, überwiesen bekommen. Dennoch wird für die Bürger immer deutlicher sichtbar, wie hier von Schwarz-Grün gestümpert und gepfuscht wurde. Das spricht sich herum, auch wenn es durch den Mainstream-Filter etwas länger dauert.

Tagesstimme: Die Corona-Zahlen steigen wieder und manche fürchten sich bereits vor einer „zweiten Welle“ und einem möglichen zweiten „Lockdown“. Aber würde unsere Wirtschaft überhaupt ein erneutes Herunterfahren überstehen?

Kickl: Das wäre eine völlige Katastrophe und nach den Erfahrungen des ersten Lockdowns wohl eine politische Todsünde. Denn die Zahlen zeigen ja deutlich, dass die Coronawelle zum Zeitpunkt des Lockdowns bereits im Abklingen war. So gesehen ist es fraglich, ob das flächendeckende Zusperren überhaupt etwas gebracht hat.

Tagesstimme: Im Herbst wird die Regierung einen elektronischen Impfpass einführen. Ein richtiger Schritt?

Kickl: Grundsätzlich sind Gesundheitsdaten sehr sensibel und müssen vor dem Zugriff durch Dritte besonders stark geschützt sein. An den Plänen des Gesundheitsministers zum elektronischen Impfpass gibt es massive Kritik des Österreichischen Datenschutzrates, auf die die Regierung bisher in keiner Weise eingegangen ist. Wenn man einen elektronischen Impfpass andenkt, dann nur unter drei ganz wichtigen Voraussetzungen: Erstens nur unter strikter Einhaltung aller Datenschutz-Standards, zweitens muss es für die Bürger freiwillig sein und drittens dürfen dieser Impfpass oder gewisse Impfungen nicht die Voraussetzung dafür sein, bestimmte Freiheiten in Anspruch zu nehmen oder Leistungen konsumieren zu dürfen. Auch darf des Impfpass keinesfalls Grundlage einer Besser- oder Schlechterstellung bei privaten Krankenversicherungen sein.

Tagesstimme: Die FPÖ warnte bereits mehrfach vor einer Impfpflicht. Gesundheitsminister Anschober betonte bisher aber immer, dass es keine Impfpflicht geben werde. Ist es also nicht doch nur Panikmache?

Kickl: Wenn ich nicht mehr ins Flugzeug steigen darf, ohne einen elektronischen Impfpass mit Corona-Impfung vorzulegen, ist das nichts anderes als ein Impfzwang. Aber genau dorthin geht die Reise, wie man jetzt bereits anhand der umstrittenen Stopp-Corona-App sieht. Da überlegen ja bereits Veranstalter oder auch Gastwirte, Bürgern den Zutritt zu verweigern, wenn sie die App nicht installiert haben. Außerdem soll mir die Regierung erst einmal erklären, warum sie still und heimlich Impfstoff für acht Millionen Menschen bestellt und darüber kein Wort verliert, obwohl sie doch sonst so gerne Corona-Pressekonferenzen gibt.

Tagesstimme: Welche Lehren sollten wir als Gesellschaft aus der Corona-Krise ziehen?

Kickl: Dass die Globalisierung diese Krise befeuert hat und wir daher verstärkt auf Regionalisierung setzen müssen, ist klar ersichtlich. Hier ist jeder aufgefordert, sich zu überlegen, wo er kauft und was er kauft. Der Staat sollte zudem eine Vorbildwirkung entfalten, indem im Einkauf von Gütern und Leistungen Unternehmen bevorzugt werden, die in Österreich produzieren und österreichische Arbeitskräfte beschäftigen. Außerdem muss die Autarkie in krisenrelevanten Bereichen – vor allem in der Versorgung mit Gesundheitsgütern – gestärkt und ausgebaut werden.

Tagesstimme: Neben Corona wird in den nächsten Monaten wohl auch das Asyl-Thema wieder stärker in den Fokus rücken. Die Zahlen steigen auch hier wieder. Sie fordern deshalb die Aussetzung des Asylrechts, aber ist das rechtlich überhaupt so einfach möglich?

Kickl: Ich finde es interessant, dass hier sofort diese Frage gestellt wird. Als die Regierung versucht hat, die Leute zu Hause einzusperren, und per staatlich verordneter Betriebsschließungen in die unternehmerische Freiheit massiv eingegriffen hat, waren das für den Bundeskanzler „juristische Spitzfindigkeiten“. Das Asylrecht auszusetzen, ist angesichts der Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaft jetzt steht, das Gebot der Stunde. Österreich hat hier insbesondere seit der Masseneinwanderung 2015/2016 eine viel größere Last getragen als viele andere Länder. Ganz abgesehen davon, dass jeder, der in Österreich Asyl fordert, ohnehin über ein sicheres Drittland eingereist ist.

Tagesstimme: Braucht es also grundsätzliche Änderungen in der Asylpolitik?

Kickl: Unbedingt. Wir kämpfen mit dem Problem, dass wir diejenigen, die es einmal bis zu uns geschafft haben, aufgrund von zahllosen rechtlichen Einschränkungen und juristischen Winkelzügen der Asylindustrie kaum mehr rausbekommen, selbst wenn sie nicht einmal ansatzweise schutzwürdig sind. Daher fordere ich schon seit meiner Zeit als Innenminister einen Paradigmenwechsel. In einem Mitgliedstaat der Europäischen Union asylberechtigt kann grundsätzlich nur noch jemand sein, der aus einem an die EU angrenzenden Land stammt und von dort fliehen muss. Aktuell wäre vielleicht Weißrussland ein Beispiel dafür, wenn man die aktuellen Entwicklungen dort verfolgt. Jeder Kontinent soll die Probleme lösen, die dort entstehen. Dazu soll Europa durchaus finanziell und logistisch etwas beitragen, aber als Zielländer sind die europäischen Staaten jetzt schon heillos überfordert.

Tagesstimme: Die Grünen wollen die ÖVP bekanntlich davon überzeugen, dass auch abgelehnte Asylwerber, die eine Lehre in Österreich abschließen, nicht abgeschoben werden dürfen. Die ÖVP blockt noch ab, und auch die FPÖ ist strikt dagegen. Warum sollten bereits ausgebildete Lehrlinge nicht in Österreich bleiben dürfen?

Kickl: Weil sie nicht gekommen sind, um einen Beruf zu lernen, sondern weil sie behauptet haben, in ihrer Heimat verfolgt zu werden. Und wenn sich das als falsch herausstellt, fehlt ihnen jeder Grund für einen rechtmäßigen Aufenthalt in Österreich. Wenn wir hier nachgeben, zieht das den nächsten Rattenschwanz an Problemen nach sich. Was ist dann mit den Familienangehörigen der Asylwerber in Lehre? Warum gilt es nur für Lehrlinge und nicht auch für Schüler und Studenten? Und am Ende sind das Asylrecht und der Rechtsstaat völlig ausgehöhlt, die Begriffe Asyl und Zuwanderung daher beliebig austauschbar. Da muss von Anfang an ein Riegel vorgeschoben werden.

Tagesstimme: Im Juli einigten sich die EU-Staaten darauf, dass in Wien eine Plattform für Grenzschutz und Asyl entstehen soll. Laut Innenminister Nehammer soll diese Plattform einen effizienteren Kampf gegen Schlepperei und eine bessere Koordination bei Rückführungen ermöglichen. Ein Schritt in die richtige Richtung oder PR-Gag?

Kickl: Jede Initiative, die illegale Einwanderung und Schlepperei verhindern will, ist grundsätzlich zu begrüßen. In diesem Bereich geht es immer auch um eine konsequente Kommunikation, die den Schleppern die Botschaft überbringt, dass sie es erst gar nicht versuchen müssen. Die Frage ist aber, wie glaubwürdig die ÖVP und Innenminister Nehammer in diesem Bereich sind. Immerhin wurden ja fast alle Verschärfungen aus meiner Zeit als Innenminister zurückgenommen – bis hin zum wohl wirksamsten kommunikativen Symbol, die Erstaufnahmezentren in Ausreisezentren umzubenennen.

Tagesstimme: Vielen Dank für das Interview!

Buchempfehlung: Werner Reichel – „Kickl muss weg”

Kein anderer Politiker in Österreich wird so gehasst, gefürchtet und bekämpft wie Herbert Kickl. Er gilt als das Mastermind hinter den Erfolgen der FPÖ. Als Innenminister wurde er mit seiner Einwanderungs- und Sicherheitspolitik zur Projektionsfigur und zum Feindbild der Linken. Die Kampagnen der sich bedroht fühlenden politischen Klasse, die mit allen Mitteln um ihren Machterhalt kämpft, richten sich deshalb vor allem gegen Kickl. Der Einsatz ist hoch, die alten Zirkel der Macht fürchten eine dauerhafte politische Wende.

Der bekannte Journalist und Autor Werner Reichel analysiert den schmutzigen Kampf gegen Herbert Kickl während seiner Zeit als Innenminister und wie der FPÖ-Mann zum großen Feindbild aller anderen Parteien und der Medien wurde. Er zeigt auf, mit welchen Methoden die Netzwerke der Macht arbeiten. Ein Sachbuch, spannend wie ein Krimi.”

 „Kickl muss weg“ von Werner Reichel, Broschürt, 250 Seiten, Verlag Frank & Frei, Wien 2019, Euro 17,90

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Kultur

Causa Eckhart: Ein Schuppentanz um den androgynen Regenbogenfisch

Julian Schernthaner

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Einige Tage lang blendete ich das Gezerre um die Absage eines Aufritts der steirischen Kabarettistin Lisa Eckhart aus. Dass die Revolution ihre zuvor hochgejazzten Kinder frisst, schien mir zu banal, um ein Wiederkäuen des üblichen Plädoyers für die Kunstfreiheit zu veranstalten. 

Kommentar von Julian Schernthaner.

Dann las ich eine Tirade eines bekannten neurechten Autoren. Er sah einen „konservativen Masochismus” als Grundlage dafür, dass sich „stolze Vollspastis regelrecht darin überbieten, für Lisa Eckhart zu simpen”. Eine überschießende Wertung in ähnlich elitärem Anspruch wie die gepachtete Rolle der Künstlerin als Stachel im politischen „Korrektum” – aber mit einem Funken Wahrheit.

Die Vereinnahmung geschieht rasch

Denn die Parteinahme für Eckhart entlarvt zweierlei: Während Linke einzelne kritische Stimmen als Feigenblatt hochkommen lassen, zeichnet sich die rechte Seite durch sträfliche Vernachlässigung einer Gegenkultur aus, die diesen Namen verdient hätte. Man klammert sich an den Strohhalm, künstlerische Abweichler von der verordneten Einheitsmeinung vorschnell als „our guy” oder „our girl” zu vereinnahmen. Wohl aus dem Bedürfnis der Notwendigkeit kultureller Angebote.

Dabei ist es egal, ob ein Quertreiber jetzt wie Dieter Nuhr sein Repertoire auf ausgelutschten Boomer-Witzen aufbaut. Oder sich im Fall von Eckhart die Unschuld von Lande zu einem ordinären zweiten Falco aufplustert, der zur Optik von Macaulay Culkin mit den Strapsen ihrer Uroma und dem Versace-Kleid von der Vorhangstange allerhand Kalauer zum Besten gibt. Böse Zungen würden sagen: Lisa Eckhart ist für manche Rechte das, was Milo Yiannopoulos mangels Talent nie sein konnte.

Linke Spiegelvorhalter mit Vorsicht genießen

Es geht hier nicht um künstlerisches Niveau. Ich mag meinen Humor dreckig, hundsgemein, kohlrabenschwarz und mit einer Mischung aus Subtilität, Postironie, Wortspielen und Vorschlaghammer. Entsprechend treffen Künstler wie Eckhart meinen Geschmack durchaus. So weit, ihrem auf nonchalante Art und Weise charmanten Auftritt eine groteske Form burschikoser Erotik anzuheften, wie das einst so manches Männermagazin tat, gehe ich allerdings nicht.

Vielmehr frage ich mich: Wieso berühren gerade solche Stimmen jeden Systemkritiker? Vermutlich weil sie den Anschein alles Kritischen haben. Generationen von heutigen Rechten sind schon mit politischen Kabarett von Volker Pispers aufgewachsen. Und im Gegensatz zur wohl wahrhaft kritischen Monika Gruber als unstürzbare Anomalie, hatte er die Eckhart-Aura. Nämlich allein den Dienst, der Linken, in der man selbst verhaftet ist, den Spiegel vorzuhalten. Folgendes Eckhart-Neuwerk illustriert diese Mechanik treffend:

Cancel Culture” um Regenbogenfisch Eckhart

Wer sich von Lisa Eckhart einen erfolgreichen Heckerzug erwartet, der wartet, bis er so schwarz wird wie der Humor der Kritisierten. Am Ende ist fast ihr eigenes Gleichnis des Regenbogenfisches, der seine Schuppen aufgeben muss, um so gleich zu sein, wie alle anderen, das die Antwort liefert. Denn egal wie schillernd er ist, seine Aufgabe der Schuppen macht alle bunt. Und davor war er es einfach selber, die eitle Sau. Sie hat den linksliberalen Kulturbetrieb aufgesogen wie Muttermilch.

Freilich, man kann und muss die Kunstfreiheit der Dame verteidigen. Eine Gesellschaft, die sich an wirklich abartigen Darbietungen à la Nitsch nicht stößt, wird die Schnauze einer Lisa Eckhart vertragen. Wer Migranten-Rappern, die über Massaker auf einem Festival-Gelände singen, Musikpreise nachwirft, schon zweimal. Der Aufruf zum Ende der wehleidigen „Cancel culture” ist richtig und wichtig, mit einem großen Aber.

Schweigespirale bei patriotischen Künstlern

Dieses beginnt bei patriotischen Ausläufern des Mainstreams. Viele, die für Eckhart die Mauer machen, schwiegen, als es Andreas Gabalier oder Frei.Wild an den Kragen gehen sollte. Als ein kroatisches Heimatlied des Sängers Thompson im Mund von Manuel Neuer verdreht wurde, schwiegen sogar Liberale, Konservative und bürgerliche Rechte. Bei den „eigenen Leuten” verstummen die Stimmen, welche die Narrenfreiheit von Künstlern rauf- und runterbeten, dann besonders schnell.

Wo waren die Stimmen gegen Zensur und „Cancel Culture”, als sämtliche Streamingdienste den Rapper Chris Ares aus der Hitparade retuschierten? Möglicherweise in Bischofswerda, wo die AfD-Fraktion mit Altparteien gegen dessen Plan eines patriotischen Kulturzentrums stimmte. Beim ersten Gegenwind von links ließ man sich auch die Kulturbeirat-Nominierung von Odin Wiesinger madig machen, als wäre er wirklich der Gottseibeiuns, den Linke in ihm sahen.

Nachholbedarf bei patriotischer Kunst

Die Anzahl der Künstler, die mit beiden Beinen im patriotischen Lager stehen, ist dünn. Im Humor-Bereich findet sich bald nach grandiosen Dauerbrennern wie „Laut Gedacht” oder „Outdoor Illner” gähnende Leere. Selbst der Kopf hinter Ruhrpott Roulette tauschte die Straßencomedy für den Versuch, im Sog von Chris Ares mit Sprechgesang die Gegenkultur zu beackern. Die dann aber im Musiksektor wiederum keine Genre-Breite aufweist.

Dort verbleiben neben ebenso mit Provokation spielenden Bands im Neofolk und Black/Pagan Metal nur alternde, altrechte Rockrüpel, deren Anschlussfähigkeit für die Jugend heute gottlob gering ist. Das Vakuum ist da, und niederschwelliger Zugang zum Grundbedürfnis nach Kultur nur auf der linken Seite vorhanden. Und das ist auch Resultat verfehlter rechter Kulturpolitik, die sich an den Mainstream anbiedert, statt wie Linke auch eigene Kollektive und Künstler zu fördern.


Weiterlesen: 

Linker Druck: Kabarettistin Lisa Eckhart von Literaturfestival ausgeladen (06.08.2020)

Wiesinger: „Brauchen mehr Ehrlichkeit in der Kunst!” (Interview, 21.06.2019)


 


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Meinung

Gute Demos, böse Demos und ein Angriff auf die Grundrechte

Julian Schernthaner

Veröffentlicht

am

Seit dem Wochenende bleibt in Deutschland kein Stein auf dem anderen. Auslöser ist die Auflösung einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen – woraufhin plötzlich der Ruf nach Einschränkung der Grundrechte laut wird.

Kommentar von Julian Schernthaner.

Über Sinn oder Unsinn der „Tag der Freiheit”-Demo in Berlin kann man streiten. Man kann sich auch tagelang im alten Spiel ergehen, dass die Teilnehmerschätzungen von Veranstaltern und Polizei respektive Medien weit auseinandergehen. Aber die Hauptfrage ist nicht, ob 17.000 oder 1,3 Millionen ihren Unmut bekundeten. Ein starkes Zeichen des Widerstands wäre beides. Sondern die Hauptfrage ist das zweierlei Maß der Öffentlichkeit – und konkrete Ableitungen daraus.

Gesundheitsfrage je nach Demo-Thema

Denn plötzlich ist Corona wieder in aller Munde, die Teilnehmer gelten als lebensgefährdende „Covidioten”. Ganz anders war dies noch, als kürzlich Zigtausende gegen vermeintlichen Rassismus und angebliche Polizeigewalt auf die Straße gingen. In fast allen Leitmedien jubelte man die Breite der Zivilgesellschaft hoch, auch Politiker solidarisierten sich reihenweise. Einwände tat man als Unkenrufe ab, es gab bestenfalls halbseiden auf die Finger.

Irgendwie ging die Sache gut und die Infektionszahlen blieben niedrig. Auch das dürfte das Gefühl vieler Bürger befeuern, dass die Einschränken überholt sind. Vielleicht half es, in manchen eine Wut zu wecken, dass alle strengen Vorschriften und Einschränkungen egal waren, als es um die „gute Sache” aus Sicht der Etablierten ging.  Das Publikum am Samstag in Berlin war jedenfalls eine bunte Mischung verschiedenster Lager.

Unterschiedliche Demo-Bewertung bei Leitmedien

Wer noch ans alte Diktum glaubte, dass sich Journalismus auch mit keiner „guten Sache” gemein machen solle, konnt naiv hoffen, die Leitmedien hätten ihre Hausaufgaben gemacht. Möglicherweise erhoffte sich mancher Träumer ein Fanal ähnlich der Leipziger Montagsdemos von 1989, um das strenge Pandemie-Regiment zu Fall zu bringen. Manche suchten nach Monaten einfach ein Ventil. So oder so, man machte die Rechnung ohne den Wirt.

Teils dieselben Blätter, die sich für „Black Lives Matter”-Demos stark machten, lassen nun schamlos vom Stapel. Der Nutzer „Klargo Nerd” hat auf Twitter ein beschauliches Portfolio zu Doppelstandards erstellt. Dabei nennt er Beispiele aus der FAZ, der SZ, beim ZDF, bei der Zeit und beim Standard. Ein besonderes Kuriosum stellen zwei aktuelle Artikel beim Deutschlandfunk dar. Offenbar hat das Virus einen moralischen Kompass: BLM-Demos hui, Corona-Demos pfui.

CDU-Politiker will Corona-Demos untersagen lassen

Und Entscheidungsträger aus der Politik springen nahtlos auf diesen Zug auf. Und zwar nicht vordergründig SPD-Chefin Saskia Esken, deren ähnlich doppeltes Maß auf Twitter für eine Belustigung sorgte. Denn die Politik denkt ernsthaft über Einschränkungen der Grundrechte nach. Corona als Vorwand für deren Erosion – übrigens auch etwas, das die Tagesschau noch vor zwei Monaten als „Verschwörungsmythos” abtat.

CDU-Innenexperte Armin Schuster bezeichnete die Berliner Demo als „Gefahr für die Allgemeinheit”. Er plädiert, solche Kundgebungen „nur noch unter sehr viel strengeren Auflagen oder gar nicht mehr zu genehmigen”. Die SPD lobte die Auflösung, Justizministerin Christine Lambrecht hat kein Verständnis für Demonstranten, die sich über die Maskenpflicht „selbstherrlich hinwegsetzen”. Wirkliche Kritik an den Vorstößen gibt es nur von der FDP und der AfD.

Restle mit unverhofftem Plädoyer für die Freiheit

Eine beinahe einsame Gegenstimme ist ausgerechnet Georg Restle. Der weit links stehende WDR-Moderator eckte im Vorjahr noch mit dem totalitären Ausspruch an, man dürfe der AfD „keinen Raum, keine Bühne und erst recht keine Stimme” geben. Und er kommt auch im jüngsten Kommentar nicht aus seiner Haut und bedient seine Frames. So sorgt er sich vor allem, dass „Populisten” profitieren könnten. Aber in den kollektiven Verbots-Taumel lanciert er einen Zwischenruf: „Finger weg von den Grundrechten!”

Die Versammlungsfreiheit ist eines unserer zentralen Grundrechte und das Grundgesetz unterscheidet eben nicht zwischen richtigen und falschen, guten oder schlechten Versammlungen. Und das ist auch gut so, weil Freiheit eben immer auch die Freiheit der Andersdenkenden ist, auch wenn’s manchmal weh tut”, so Restle. Sein treffendes – und fast erfrischendes – Plädoyer: Es gelte, allmählich „abzurüsten” und „im Zweifel für die Freiheit” zu entscheiden.

Nationalteam-Held verlor Arbeit wegen Demo

Allerdings hört die Sache nicht bei der Versammlungsfreiheit auf – auch andere Mechanismen sind problematisch. Durfte ein schwarzer Autorennfahrer noch problemlos Denkmalstürme fordern, ist bei einem Basketball-Nationalspieler schon die Teilnahme an der Berliner Demo ein fristloser Kündigungsgrund. Und das hat mehr reale Auswirkung als zusätzliche Auflagen gegen den „Volkszorn”. Denn diese Entscheidung funktioniert nach dem Mao-Prinzip: „Bestrafe einen, erziehe hunderte”.

Empörung als willkommenes Ablenkungsmanöver

Und die Hetzjagd lenkt von anderen Problemen ab. Denn am selben Wochenende demonstrierten auch Linksextremisten in Berlin. Dabei kam es zu Gewaltaufrufen und Ausschreitungen und dutzende verletzten Polizisten. Aber das ist halt sowieso ein „aufgebauschtes Problem”. Leute, die friedlich dem Maskenfasching widerstreben, gefährden die innere Sicherheit nämlich gewiss weitaus mehr als rohe politische Gewalt wegen der Schließung einer linken Szenekneipe…


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