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Preise steigen

In den USA wächst die Sorge vor entfesselter Inflation

In den USA steigen die Preise so stark wie schon lange nicht mehr. Im April betrug sie 4,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, seit dem März waren die Preise um 0,8 Prozent gestiegen. Das durchschnittliche Preisniveau nimmt mit einer Geschwindigkeit zu, wie sie seit der wirtschaftlichen Erholungsphase nach der Finanzkrise vor bald 13 Jahren nicht mehr beobachtet worden ist. Warnungen werden laut, wie man sie für viele Jahre nicht mehr hören musste: führen ultra-lockere Geldpolitik und expansive Fiskalpolitik zum Verfall der Kaufkraft US-amerikanischer Haushalte?

3 Minuten Lesezeit
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Symbolbild (CC0).

Washington, DC/Frankfurt a.M. – Seit den 1990er-Jahren glaubten die Zentralbanker der Federal Reserve das Inflationsgespenst gebannt: in keinem Jahr betrug die durchschnittliche Preissteigerungsrate mehr als fünf Prozent. Selbst in den Jahren zwischen der Finanzkrise 2007/08 und der Covid-Rezession überhitzten die US-Wirtschaft und der Arbeitsmarkt nicht. Es waren dies historisch bemerkenswerte Phänomene. Nun aber gibt es erstmals Anlass zur Sorge, dass sich dies ändern könnte.

Der Blick fürs Detail

Ein Durchschnittswert sagt bekanntlich nichts über eine Werteverteilung aus. Hinter dem durchschnittlichen Verbraucherpreisanstieg von 4,2 Prozent, der bloß im Vergleich Aufmerksamkeit erregen kann, verbergen sich deutlich brisantere Zahlen. Wagt man sich in den Datendschungel, findet sich teils Erstaunliches.

Zwei Beispiele: Die Preise für Bauholz nehmen beinahe mit exponentieller Rate zu. Gemessen an den in Chicago gehandelten Futures betrug die Steigerung hier 369,8 Prozent. Hier hat sich kein Kommafehler eingeschlichen; die Zunahme ist dreistellig. Das Bedenkliche daran: Niemals zuvor sind die Preise in absoluten oder relativen Größen derart rasch und derart stark gestiegen.

Der Manheim Used Vehicle Value Index dient als ähnlich nützlicher Indikator. Er gibt die durchschnittlichen Preisveränderungen auf dem US-amerikanischen Gebrauchtwagenmarkt wieder. Im gleichen Zeitraum, da die Inflation US-weit 4,2 Prozent zunahm, steigerte er sich um mehr als 54 Prozent auf ein historisches Hoch.

Ein anhaltendes Phänomen?

Sowohl der Markt für Gebrauchtwagen als auch das Baugewerbe sind stark nachfrageorientierte Märkte. Dass sie eine derartige Überhitzung erleben, zeigt, wie ausgabefreudig die US-Haushalte sind. Das Geld, das in den vergangenen Monaten gespart wurde, wird nun wieder dem Wirtschaftskreislauf zugeführt. Hinzu kommen nachfragebefördernde fiskalpolitische Maßnahmen der US-Regierung (Schlagwort „Stimulus-Checks“), die sich mittlerweile auf 2,8 Billionen Dollar summieren.

Die Frage lautet nun, ob Nachfrage und Preise wieder nur mit schwächeren Raten steigen werden, sobald der Effekt der Konjunkturprogramme verpufft ist. Es gibt durchaus prominente Volkswirte, die wenig Sorge vor anhaltend höherer Inflation haben. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman argumentierte in einem Kommentar für die New York Times, dass die Fed Inflation mittels höherer Zinsen einfach und rasch bekämpfen könnte. Es bleibt die Frage offen, ob ihr das gelingt, ohne gleichzeitig den Finanzmarkt in heftigste Turbulenzen zu stürzen und damit die nächste Finanzkrise herbeizuführen.

Bald auch in Deutschland?

In Deutschland bleiben solche Entwicklungen vorerst aus: Die Inflation lag im April bei zwei Prozent im Jahresvergleich, auch gibt es keine Gründe für eine Überhitzung der Wirtschaft. Anders als in Übersee bleiben Geschäfte, Lokale und Hotels geschlossen. Die Erfahrungen der Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg bewahren dieses Land davor, dass die Bundesregierung es den USA gleichtut und „Stimulus-Checks“ an Haushalte ausgibt. Man ist hierzulande offenbar vorsichtiger und das ist langfristig vielleicht klüger, als der kurzfristigen Statistik zuliebe die Wirtschaft mit ökonomischem Junk-Food aufzufetten. Inflation ist für die Volkswirtschaft nämlich so etwas wie Cholesterin für den Körper: Sind die Werte zu hoch, führt beides früher oder später zum Infarkt.

Links:

Inflation Deutschland Apr. 2021

Inflation USA bis März 2021

Inflation USA Apr. 2021

Baugewerbe und US-Wirtschaft

Preissteigerung gebr. Fahrzeuge USA bis April 2021

Lumber-Futures Chicago bis Mai 2021

Opinion | Fighting Covid Is Like Fighting a War – The New York Times (nytimes.com)

Olivier Blanchard zur Inflationsgefahr in den USA

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