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Geschichte, die vergeht

Die Bestellung von Thomas Tauschitz zum Chef des Landesamtes für Verfassungsschutz kann man kritisieren. Aber sicher nicht wegen seiner Teilnahme am Ulrichsbergtreffen.

Heinrich Sickl
Meinungvon Heinrich Sickl
3 Minuten

Geschichte ist längst ein gefährliches Feld. Manche verstehen sie so gar nicht mehr. So schreibt ORF online mit großer Kenntnis, das Ulrichsberg-Treffen, „ursprünglich eine Gedenkfeier für die Veteranen des Kärntner Abwehrkampfes, wurde immer mehr Treffpunkt für Nazis und NS-Verherrlichung“. Symbolisch trifft das zwar die Linie der Auseinandersetzung: Wir wissen nicht, woher es kommt, aber letzten Endes ist es Nazi und daher einfach böse. Gut so, sagen manche Menschen und treiben die Auseinandersetzung voran, denn sie wissen, was sie tun: Geschichte abwickeln.

Tauschitz am Ulrichsberg

Aber es ist eine Geschichte, die vergeht: Die Ulrichsbergtreffen, an denen zu den besten Zeit bis zu 10.000 Menschen teilnahmen, hatten nie etwas zu tun mit der Verherrlichung der größten Katastrophe des vorherigen Jahrhunderts, des Zeiten Weltkriegs, der Leid über Zivilisten und Soldaten gebracht hat. Massenmord, Vertreibung, Tod von Freund und Feind – nach 1945 ist kein Platz mehr geblieben für Heldenerzählungen. Aber der Wunsch, dankbar für die lebende Heimkehr zu sein und der Opfer zu gedenken. In diesem Sinn hat der Ulrichsberg als Friedensberg gerufen.

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Stephan Tauschitz ist seit 1. Februar 2022 Leiter des Landesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung in Kärnten. Er war der einzige Kandidat. Er hatte keine Wahl. Das gilt vielleicht auch für den Ulrichsberg, der jetzt gegen ihn kampagnisiert wird. Er hat dort nicht als Privatperson gesprochen, sondern als Landesparteisekretär: „Ich war als offizieller Vertreter der ÖVP dort – wie Politiker anderer Parteien. Damals waren wir noch bemüht, eine Vereinnahmung des Treffens durch Rechtsextreme zu verhindern. Das ist nicht gelungen, weshalb heute auch kaum jemand mehr daran teilnimmt.“ Die Kriegsgeneration war noch eine valide Wählergruppe, der Ulrichsberg immer auch Zielgruppe für alle österreichischen Großparteien, die Sozialdemokraten nicht ausgeschlossen. In der Geschichte des Berges waren alle wichtigen Kärntner Landeshauptleute dabei, Kanzler Klaus, Verteidigungsminister Fasslabend und viele andere … 

„Noch was: Als der Kärntner LVT-Chef Tauschitz im Jahr 2008 seine erste Rede am Ulrichsberg gehalten hat, war auch Hans Jörg S., Küssel-Kamerad, Wehrsportler, niederösterreichischer Gau-Beauftragter der Vapo am Ulrichsberg“, schwurbelt ein einschlägiger Journalist und zieht den Schluss: „Nicht zufällig.“ Nein, wenn man „Nazi“ schreibt, zieht es irgendwann mal Nazis an, auch eine Lektion. Und ein Zirkelschluss, der dann der Antifa wieder neuen Auftrieb für Mobilisierung gibt. Doch neben immer weniger alten Männer – Rechtsextremen? –, wie viel andere haben sich wirklich dorthin verirrt, um sich fotografieren zu lassen? Abstrus der Schluss: wegen einem sollen andere, die ihn nicht einmal kennen, nicht da sein … 

Aber Geschichte vergeht ohnehin. Und das Bedürfnis derer, die dabei waren, zu gedenken, verschwindet mit ihnen in den Gräbern, die sie mit der Zeit füllen. Je weiter alles weg ist, desto weniger kommen – und umso mehr gibt es manche, die nur ein Gedenken kennen. „Manch einer maßt sich an, uns zu sagen, welcher Toten wir gedenken dürfen und welcher nicht“, hat Stephan Tauschitz nachdenklich am Ulrichsberg gesagt. War das falsch angesichts eines Krieges, der in fast jeder Familie Opfer und manchmal Täter hinterlassen hat? Doch mit immer mehr Abstand zum Ereignis wird das Gedenken derer, die noch da sind, als immer verdächtiger gestempelt. Und mit der abnehmenden Menge an Menschen wird die politisch motivierte Ausgrenzung immer mächtiger …

Dass Stephan Tauschitz als politischer Funktionär am Ulrichsbergtreffen teilnehmen „musste“, kann man nicht kritisieren. Auch seine bedächtigen Worte sind kein Skandal. Ein ganz anderes Thema ist die Frage der politischen Besetzungen im ÖVP-Teich Verfassungsschutz.  

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