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Carlo Clemens

„Wir müssen verstehen, wer unsere Wähler sind“

Carlo Clemens ist NRW-Landtagsabgeordneter und seit kurzem Mitglied des AfD-Bundesvorstandes und spricht mit der TAGESSTIMME über die vergangenen Monate und über die Zukunft seiner Partei.

Interviewvon Oskar Hugo
9 Minuten
<p> Bild: Carlo Clemens</p>

Bild: Carlo Clemens

TAGESSTIMME: Herr Clemens – das Jahr 2022 scheint ein Durchbruch für Sie darzustellen. Sie wurden in den Düsseldorfer Landtag gewählt und sind nun auch noch Mitglied der AfD-Bundesvorstandes. Wie blicken Sie auf diese spannenden und aufregenden Monate nun zurück? Was konnten Sie lernen, wo gab es Schwierigkeiten?

Carlo Clemens: Ich bin natürlich sehr stolz, dass mein Engagement, meine Arbeit und meine Person innerhalb der AfD geschätzt werden, so dass diese Erfolge überhaupt erst möglich wurden. Viele Leute aus Partei und Vorfeld setzen Hoffnung und Erwartungen in mich, sind im Wahlkampf für mich um die Straßen gezogen, haben sich immer wieder für mich stark gemacht. Das hat mich nachhaltig beeindruckt und motiviert.

Dass wir in NRW dann doch noch einmal zittern mussten, wird diesem Engagement nicht gerecht. Aber es zeigt auch, dass es unglaublich viel für uns zu tun gibt – die eigentliche Arbeit beginnt erst jetzt und ich freue mich darauf.

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Das ehemalige NRW-Landtagsmitglied Thomas Röckemann fragte Sie im Zuge ihrer Wahl in den Bundesvorstand, wie Sie denn Ihre Familie ernähren wollen würden, wenn ihr „politisches Flämmchen“ erlösche. Auch die Formel „Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal“ bemühte er dabei. Herrscht in der AfD mangelnde Wertschätzung für die engagierte Parteijugend einerseits und hochgradig professionalisierte Politiker – die in einer Gesellschaft mit hochgradig ausdifferenzierter Arbeitsteilung eben benötigt werden – andererseits? Wenn ja, was lässt sich dagegen tun?

Clemens: Letztlich handelte es sich um eine plumpe Beschädigungsfrage, die Thomas Röckemann wahrscheinlich mehr geschadet hat als mir selbst. Es gehört zum Gründungsmythos der AfD, dass wir keine Altpartei mit abgehobenen Parteifunktionären ohne Qualifikation, Lebenserfahrung und Bürgernähe sein wollen. Das führt bei manchen in unserer Partei zu einem generellen Vorbehalt gegenüber der Jugend, die doch bitte erst einmal lange Zeit arbeiten solle, bevor sie in die Politik geht – und das, obwohl sie Karriere und bürgerliche Existenz aufs Spiel setzt, um sich für unsere Sache einzusetzen.

Dennoch denke ich, dass die AfD hier Fortschritte macht. Die Junge Alternative wird weithin und lagerübergreifend geschätzt, Ausnahmen bestätigen die Regel. Die AfD-Fraktion in NRW hat den zweitjüngsten Altersschnitt im Landtag, neben mir sind weitere junge Parteifreunde wie Enxhi Seli-Zacharias und Zacharias Schalley vertreten. Von mangelnder Wertschätzung kann man also nicht sprechen.

Sie haben angekündigt, eine Arbeitsgruppe „Demoskopie und Wahlforschung“ im Bundesvorstand etablieren zu wollen. Vorfeldakteure und Publizisten dürfte dies freuen, zumal zahlreiche endlose Diskussionen auf Twitter endlich mit demoskopischen Fakten unterfüttern werden könnten. Aber könnte die Ergebnisse einer solchen AG überhaupt öffentlich zur Debatte gestellt werden oder würde es sich nur um ein internes Instrument handeln? Und haben Sie schon erste positive Signale diesbezüglich bekommen?

Clemens: Vorrangig soll die AG als internes Instrument dienen, um unsere Kampagnen und Wahlkämpfe auf ein stabiles Fundament an Daten und Wissen zu stellen. Ich sehe allerdings keinen Grund, warum wir diese Ergebnisse nicht zur Debatte stellen sollten – im Gegenteil halte ich das sogar für essenziell, weil diese Analysen und Fakten eben auch richtig interpretiert und in schlagkräftige Kampagnen umgesetzt werden müssen. Aufbereitete Studien und Handlungsanweisungen können für Kreisverbände und Führungsgremien sehr aufschlussreich in Bezug auf eigene strategische Schwerpunktsetzungen sein – auch in wahlkampffreien Zeiten.

Ich habe einige positive Rückmeldungen erhalten, aber auch gemerkt, dass das Themengebiet Demoskopie und Wahlforschung noch nicht die Priorität einnimmt, die ich ihm gerne einräumen würde. Umso wichtiger ist es mir, das Bewusstsein für die Wichtigkeit des Themas zu erhöhen.

Manche Kritiker sagen, das Thema Demoskopie sei ein Nischenthema für Parteifunktionäre und hätte in den Diskursräumen des Vorfeldes keinen Platz. Wo sehen Sie die Chancen der Demoskopie?

Clemens: Wissen ist Macht und da macht gerade die Demoskopie keine Ausnahme: Wir müssen verstehen, wer unsere Wähler sind und wo die Potenziale neuer Wählerschichten liegen, um unsere Partei zurück auf den Erfolgskurs zu bringen. Diese Debatte findet sowohl in der Partei als auch im Vorfeld laufend statt, bleibt aber zu oft auf Wunschdenken, Spekulationen, Anekdoten oder Framing beschränkt. Mit der AG Demoskopie haben wir die Chance, sie fruchtbarer zu machen und zu Ergebnissen zu kommen, die unsere ganze Partei voranbringen.

Letztlich ist auch der Blick ins Ausland aufschlussreich: Die Erfolge von Trump in Amerika oder der populistischen Parteien in Europa bis hin zum erfolgreichen Brexit-Referendum wären ohne eine professionelle demoskopische Datenbasis nicht möglich gewesen. Es lohnt sich also definitiv, dieses Feld zu beackern.

Wo wir schon beim Thema Demoskopie sind, können wir auch gleich eine Brücke zur Demografie der Wähler schlagen. Unter Jungwählern ist die AfD, vereinfacht dargestellt, im Osten beliebt. Im Westen hingegen wählt die Jugend eher Grüne und FDP. Wie könnte die AfD von der linksliberalen Politik der FDP enttäuschte – oder generell westdeutsche – junge Wähler ansprechen und erreichen? Bei den jungen Wählern der Grünen dürfte es ja wesentlich schwieriger werden.

Clemens: Wir brauchen ein Profil, das es der Jugend leichter macht, sich mit uns zu identifizieren. Dazu gehören junge Identifikationsfiguren, aber auch eine positive Vision von der Zukunft einschließlich entsprechender Bildsprache. Die Junge Alternative muss als unumstrittenes Zentrum für die Gewinnung und Förderung der Jugend weiter etabliert und stärker gefördert werden, um sie in der Öffentlichkeit sichtbarer zu machen.

Vor allem brauchen wir ein positives Selbstverständnis von uns als Partei und Gegenentwurf zum Mainstream, der über bloßes Dagegensein hinaus geht. Kein normaler junger Mensch will zu Verlierern gehören, die nur unzufrieden, dagegen oder wütend sind und sonst nichts anzubieten haben.

Die Jugend lebt in den sozialen Medien. Die AfD ist vergleichsweise stark in den sozialen Medien vertreten, auf manchen Plattformen düpiert sie die Etablierten sogar, was Followerzahlen angeht. Aber dennoch haben viele AfD-Spitzenpolitiker trotz entsprechender Gelder nach wie vor keine ansprechenden Social-Media-Präsenzen, vielen mangelt es schon an ordentlichen Grafiken. Braucht die AfD nicht eine große, interne Social-Media-Offensive, die ein Bewusstsein darüber schafft, wie wichtig das Thema ist? Oder haben Sie da etwas anderes im Sinn?

Clemens: Wenn man sich unsere Corporate Identity aus dem Jahr 2017 ansieht und mit heute vergleicht, kann man schon von einer positiven Entwicklung reden. Dennoch stimme ich zu: Wir brauchen definitiv ein spürbares Upgrade, was unsere Bildsprache angeht. Das war auch ein Thema, das ich im Vorfeld zum Bundesparteitag adressiert habe. Mir fehlt es in der Breite sowohl an ästhetischen Grundlagen als auch an cleveren und durchschlagkräftigen Kampagnen. Allzu oft dienen unsere Kanäle dem reinen Contra und der Verächtlichmachung unserer politischen Gegner mit nicht wirklich professionell aufgemachten Grafiken.

Die Social-Media-Arbeit der AfD NRW oder die Accounts vieler Mandatsträger zeigen aber, dass es auch anders gehen kann. Wir verfügen über talentierte Kräfte, deren Potenzial wir besser nutzen müssen. Da gäbe es einige Möglichkeiten: Regelmäßige Schulungen, bewusste Auslagerung an parteinahe Agenturen, bessere Vernetzung der Medienleute innerhalb der Partei, einfache Angebote für Kreisverbände oder Mandatsträger, auf einfachem Wege, z.B. durch einen Medienmacherpool, professionelle Grafiken zu beziehen. Wichtig ist auch, dass wir systematisch junge Medienmacher aufbauen und an die Partei binden, weil wir vom normalen Arbeitsmarkt größtenteils abgeschnitten sind. Das ist also definitiv ein Thema, dem ich eine hohe Priorität einräume.

Laut einer YouGov-Umfrage unter jungen Wahlberechtigten stehen in der Alterskohorte „18 bis 29“ vor allem die Themen Umwelt (53 %), Gesundheit (51 %), Rente (51%) und Bildung (51 %) ganz oben auf der Agenda. Für die AfD größtenteils Themen mit Nachholbedarf. Dabei wäre Generationengerechtigkeit der Rente doch ein Jugend-Thema, das die AfD bespielen müsste: Immerhin spielen hier auch die sinkenden Geburtenraten eine Rolle. Wo sehen Sie da inhaltliche Potenziale, die es auszuschöpfen gilt?

Clemens: Zur Profilierung unserer Parteiidentität müssen wir uns solchen Zukunftsthemen unbedingt widmen. Die Grünen und mit ihnen alle anderen Parteien, die dem Trend hinterherlaufen, wollen nichts weniger als die umfassende Transformation unserer Wirtschaft, unserer Gesellschaft, unserer Mobilität – kein Stein soll auf dem anderen bleiben. Ihre Vision einer „schönen neuen grünen Welt“ wurde jahrzehntelang durch professionelle Vorfeldarbeit geformt. Das müssen wir für unsere Vision „AfD: Volkspartei 2030“ auch tun: Also produktive Foren schaffen und Debatten führen, in denen die wirklich wichtigen Themen wie Arbeit, Sozialsysteme, Bildung, Erhalt der kulturellen Identität in Zeiten von Globalismus und Migration, Energieversorgung, Umweltfragen eruiert werden. Und dann Lösungsvorschläge machen und sie zielgerichtet an den Mann bringen. Uns muss zu denken geben, dass die AfD momentan stimmentechnisch nicht von der Rekordinflation profitiert, obwohl wir die aktuellen Entwicklungen seit Jahren vorausgesagt haben.

Herr Clemens, wir sind mit einer Frage zu Ihren letzten Monaten ins Gespräch gestartet – nun beenden wir es mit einer Frage zu Ihrer Zukunft. Was können wir von Ihnen die nächsten Monate erwarten? Gibt es schon Projekte oder Themen, die Sie hier skizzieren möchten? Wichtige Ereignisse wie die Landtagswahlen in Niedersachsen und Bayern stehen an, zudem die Wahlen für das EP. Was erwarten Sie für die nächsten Monate?

Clemens: Kurzfristig muss uns der Wiedereinzug in den niedersächsischen Landtag im Oktober gelingen. Im Bundesvorstand fungiere ich als Ansprechpartner für den Landesverband Niedersachsen. Im gleichen Zeitraum möchte ich beim anstehenden Bundeskongress im Herbst mein Amt als JA-Bundesvorsitzender ordentlich in jüngere Hände übergeben. Nach neun Jahren Führungsverantwortung und bald 33 Lebensjahren ist es an der Zeit. Mittelfristig möchte ich als Beisitzer im AfD-Bundesvorstand konkret die Punkte abarbeiten, für die ich angetreten bin: mehr Demoskopie und Wahlforschung betreiben und daraus die richtigen Schlüsse ziehen, mehr moderierte Debattenforen z.B. in Form von Regionalkonferenzen zu weltanschaulichen Zukunftsthemen, damit innerparteiliche Programmdebatten in produktive Bahnen gelenkt werden. Und eine Erneuerung des Social-Media-Auftritts der Bundespartei, um unser Imageproblem in den Griff zu bekommen. Damit wir 2023 bei den schwierigen Wahlen in Bremen, Bayern und Hessen wieder richtig angreifen können!

Herr Clemens, vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person:

Carlo Clemens, Jahrgang 1989, ist studierter Historiker und Germanist. Der gebürtige Bamberger studierte in Paris und Köln und gründete dort seine Familie. Im Mai 2022 wurde er als Spitzenkandidat der Jungen Alternative Nordrhein-Westfalen in den Düsseldorfer Landtag gewählt. Zudem amtiert er als Bundessprecher der Jungen Alternative und konnte im Juni erfolgreich einen Platz im Bundesvorstand der Partei einnehmen.

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